Oskar-Beck-Kolumne Interview mit Lukas Podolski 60 Zeilen kürzer

Von Oskar Beck 

Zorn und Verzweiflung sind manchmal die garstigen Folgen. Bei der letztjährigen WM teilte Sportsfreund B. ein Gästehaus mit zwei Kollegen eines großen deutschen Blattes, und eines Tages musste er sie fast stützen - denn als ihr Interview mit Lukas Podolski autorisiert vom DFB zurückkam, war es circa sechzig Zeilen kürzer. An 38 Interviewstellen, in Worten: achtunddreißig, fand sich der Hinweis "gelöscht", und gelöscht waren, beispielsweise, die beiden Poldi-Sätze: "Früher haben die deutschen Mannschaften vor allem in der Defensive alles weggehauen" - und: "Den alten deutschen Klopperfußball gibt es nicht mehr." Da hatte Podolski zwar zweimal, ja wahrscheinlich sogar achtunddreißigmal die Wahrheit gesagt, die reine Wahrheit, nichts als die Wahrheit - aber der moderne, von pflichtschuldigen PR-Imagepflegern geschminkte Fußball wünscht sich eine übergelagerte, schönere, heilere Wahrheit und Wirklichkeit.

Was tun? Wir Kolumnisten haben leicht reden. Interviews lassen wir andere machen, stattdessen verstecken wir im Schutz der Narrenfreiheit hinter ein paar Anekdoten unsere Meinung. Wir schreiben also, was uns grad einfällt und fragen keinen danach, und sobald ein Presseverhinderungschef einen Autorisierungswunsch hätte, würden wir zu ihm sagen: "Interview dich doch selbst" - und eine Kolumne schreiben über seinen unerträglichen Achselschweiß und sein Loch in der Schuhsohle.

Interviews werden nicht mehr gedruckt

Anders ist das bei den Reportern. Sie stehen an der Front, müssen sich bei Interviews mit diesen Sonderwünschen herumschlagen und sind gezwungen zu Zugeständnissen - aber es gibt trotzdem auch wehrhafte Beispiele des gelebten Widerstands: Als von sieben Antworten eines Frankfurter Fußballers beim Autorisieren vier wieder gestrichen wurden, hat die FAZ es gemacht wie die "Welt am Sonntag" im Fall eines Gesprächs mit dem Bayern-Star Ribéry - und das Interview nicht gedruckt.

Auch das Wochenblatt "Zeit" findet, dass es gelegentlich Zeit wird zur Gegenwehr - und hat deshalb bei der WM in Südafrika nach einem Interview mit Oliver Bierhoff, dem Manager des Nationalteams, die Antworten weggelassen und nur die Fragen abgedruckt. Das war schade, denn das Gespräch mit Bierhoff muss richtig brisant und ergiebig gewesen sein. Eine halbe Stunde lang hatte er sich offen geäußert. Und mutig. Und ehrlich. Zu ehrlich? Ist Bierhoff anschließend vor sich selbst erschrocken?