Oskar-Beck-Kolumne Haben Bananen einen Reißverschluss?

Ein Fan reagiert auf den rassistischen Übergriff von Chelsea-Anhänger in Paris Foto: AP
Ein Fan reagiert auf den rassistischen Übergriff von Chelsea-Anhänger in Paris Foto: AP

Dank geständiger Fans des FC Chelsea ist endlich geklärt: Was ist ein Rassist? Wie tickt er? Und wie gescheit ist er?

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Stuttgart - In den Abgründen der Pariser Untergrundbahn haben nicht minder tiefergelegte Fans des FC Chelsea vor ein paar Tagen den dunkelhäutigen Souleymane S. mit Fußtritten, Latrinenpatrolen und dem Sprechgesang aufgeklärt: „Wir sind Rassisten, wir sind Rassisten – und genau so mögen wir das!“ Das ist gut so. Nicht das Gegröle, aber das Geständnis. Denn endlich erfahren wir aus erster Hand, was Rassisten sind, wie sie singen, aussehen, riechen und ticken. Bisher war es schwierig, es hatte ja nie einer zugegeben. Wenn beispielsweise aus der Stadionkurve eine Banane in Richtung des Barcelona-Verteidigers Dani Alves flog, hieß es: „Bin ich ein Rassist, nur weil ich einem hungrigen Brasilianer eine Südfrucht zuwerfe?“

Aber plötzlich ist alles anders. Dankenswerterweise haben sich Rassisten erstmals offen geoutet, und ungeahnte Möglichkeiten für die Wissenschaft tun sich auf – vor allem die Hirnforscher scharren schon aufgeregt mit den Hufen, um endlich die ungeklärte und alles entscheidende Frage in Angriff zu nehmen: Welchen IQ hat ein Rassist – den a) eines Briketts, b) eines Knäckebrots oder c) einer Banane?

Erstaunlich: Bananen kann man ja essen!

Bisher war man da auf vage Vermutungen angewiesen, bis hin zu dem Vorurteil, dass die Welt gerecht ist und die mit dem schwachen Verstand deshalb die lauteste Stimme haben. Beweise gab es keine, nur Indizien und Randnotizen – so kritzelte einmal ein Rassismusermittler in sein Verhörprotokoll den verzweifelten Satz des großen Maxim Gorki: „Nach manchen Gesprächen mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzuwinken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen.“

Dieses Dichterzitat sprach zwar dafür, dass nicht alle ganz dicht sind, aber Genaueres wusste man nicht, denn jeder Rassist zuckte lässig mit den Schultern und sagte: Ich bin kein Rassist. Also war auch nicht zu klären, ob ein Rassist bekloppt oder behämmert ist oder nur „zurückgeblieben“, wie der oben erwähnte Dani Alves glaubt. Der Brasilianer hat die Banane damals übrigens aufgehoben und genüsslich verdrückt, und wenn nicht alles erstunken und erlogen ist, was man so hört, sollen ein paar von denen, die sie geworfen hatten, im Internet hinterher total verblüfft gewesen sein.

„Man kann Bananen ja essen“, staunte einer.

„Und schälen“, ergänzte ein anderer fassungslos.

„Und ich dachte, eine Banane hat einen Reißverschluss“, wunderte sich der Nächste.

Bislang hatte der Rassist kein Gesicht

„Gibt es eine Banane eigentlich auch als Stadionwurst mit Senf?“, fragte der Vierte. Alle waren also sichtlich sackdoof, aber waren sie auch Rassisten? Kein Geständnis, nie. Man tappte im Dunkeln.

Der Rassist hatte kein Gesicht. In der Not ist dann häufig mit der Stange im Nebel gestochert worden, und in Ermangelung von Geständigen wurde sogar unser schwäbischer Oberbürgermeister Boris Palmer zeitweise schwer verdächtigt. Weil er sich weigerte, einer ortsansässigen Konditorei im Angebot die Schleckerei „Tübinger Mohrenköpfle“ zu untersagen, galt der Grüne über Nacht als schamloser Verfolger von Minderheiten und musste sich mit dem Rücken zur Wand in einem Interview der „Welt am Sonntag“ wehren: „Ich bin doch kein Rassist, nur weil meine Mutter mir zum Geburtstag Mohrenköpfe auf den Tisch gestellt hat.“ Im US-Football wurde ungefähr zur selben Zeit der Besitzer des NFL-Teams Washington Red­skins, auf Deutsch „Rothäute“, als Unterdrücker von Ureinwohnern verunglimpft, und die Stadtverwaltung in Hannover musste in Deckung gehen, weil das „Zigeunerschnitzel“ auf den Speisekarten ihrer Kantinen stand, gewürzt auch noch mit der „Zigeunersoße“. Sogar Operndirektoren, die ungeniert den „Zigeunerbaron“ von Johann Strauss aufführten, bekamen das Etikett Rassist in die Stirn gebrannt – und wer das Wort „Führerschein“ in den Mund nahm, wurde immer öfter schief angeschaut, als huldige er damit dem alten Führer.

Nicht nur das Weltall ist unendlich

Wie die schlimmsten Rassisten standen die aufrechtesten Menschen also plötzlich da, die Autofahrer, die Köche in Hannover, die Footballfans in Washington oder Johann Strauss und Boris Palmer – und als dann das Gerücht die Runde machte, dass dieser einstmals begeisterte Verschlinger des Mohrenkopfes einen Intelligenzquotienten von ungefähr 164 besitzt, fragten sich viele geschockt: Sind Rassisten gebildet, höflich, nachdenklich, intelligent – gescheiter womöglich als Albert Einstein?

Doch das hat sich jetzt alles schlagartig erledigt, dank der Chelsea-Fans. Fünf davon hat der FC Chelsea bereits verbannt, drei weitere werden von der Londoner Polizei steckbrieflich gesucht, einer soll identifiziert sein, jedenfalls sind die Geisteswissenschaftler in ihrer Vorfreude auf die kommenden Verhöre zuversichtlich, dass die Geständigen mit ihrem stolzen Gassenhauer („Wir sind Rassisten!“) dem Bild des Rassisten endlich scharfe Konturen verleihen und auch das Weltbild des soeben erwähnten Einstein abrunden: „Nur zwei Dinge sind unendlich“, hat unser alter schwäbischer Weiser aus Ulm in der Blüte seines Denkvermögens erkannt, „das Weltall und die menschliche Dummheit. Beim Weltall bin ich mir aber nicht ganz sicher.“




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