Oskar-Beck-Kolumne Hätten Sie das alles gedacht?

 Dass Klopp in Dortmund zurücktritt? Hätte zu Saisonbeginn keiner vorhergesagt. Foto: AFP
 Dass Klopp in Dortmund zurücktritt? Hätte zu Saisonbeginn keiner vorhergesagt. Foto: AFP

So eine wilde Saison, wie die abgelaufene in der Fußball-Bundesliga, können nur die seriösesten Experten vorhersehen. Und wenn nicht, behaupten sie halt das Gegenteil – mit der gleichen Inbrunst, wie der StZ-Kolumnist Oskar Beck meint.

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Stuttgart - Am Ende dieser Bundesligasaison steht fest: die großen Gewinner sind die Experten, denn schon letzten August, vor dem ersten Spieltag, haben sie uns Fans von der unerträglichen Spannung erlöst – neun von zehn Sachverständigen (der zehnte war von Borussia Dortmund bestochen) ließen die Katze schon damals aus dem Sack: „Der FC Bayern wird Meister.“

Besser kann eine Prognose nicht sein.

Fakten, und die flugs – das ist es, was wir von Propheten erwarten, also keine Traumtänzereien und Mutmaßungen irgendwelcher Wichtigtuer, die durch eine Glaskugel blinzeln und uns dann fern von aller Realität einen hanebüchenen Mist vorhersagen. Der Höhepunkt diesbezüglich war jener Bekloppte, der vor der EM 2004 faselte: „Griechenland wird Europameister.“ Gott sei Dank ist so was inzwischen undenkbar, jedenfalls hat sich vor der Saison keiner zu der hirnrissigen Prognose verleiten lassen, dass – wir spinnen jetzt einfach einmal – Philipp Lahm und Xabi Alonso beim Elfmeter nacheinander ausrutschen wie beim Synchronsprung vom feuchten Zehnmeterbrett, dass sich Weltmeister Benedikt Höwedes für seine WM-Prämie ein Büschel Haarwurzeln von unten nach oben verpflanzen lässt – oder Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund irgendwann Letzter ist, sich selbst beschimpft („Ich bin ein Idiot!“) und schließlich zurücktritt, aber vorher noch schnell die hundsgemeine Frage anzettelt: Was tut eigentlich Matthias Sammer beim FC Bayern den ganzen Tag?

Experten erklären alles schlüssig – auch das Gegenteil

Wer all diesen Schmarren prophezeit hätte, wäre sofort in eine geschlossene Anstalt gefahren worden, zum Abtasten seines Pulses mit anschließender Entmündigung. Seriöse Experten verhalten sich anders: Schlüssig erklären sie uns am Anfang, was kommt – und noch überzeugender am Ende, warum das glatte Gegenteil eingetreten ist.

Blättern wir kurz zurück. Sechs Dinge waren vor dem ersten Spieltag selbst dem Dümmsten klar. Erstens: nach seiner verhunzten ersten Schnuppersaison mit nur zwei Titeln macht Pep Guardiola diesmal Ernst. Zweitens: Mario Götze zeigt jetzt auch in der Liga der Weltmeister, dass er besser als Messi ist. Drittens: hinter Dortmund kommt es zum brutalsten Kampf aller Zeiten um Platz drei. Viertens: Jürgen Klopp unterschreibt beim BVB bis Lebensende. Fünftens: der FC Bayern baut für Wunderdoc Müller-Wohlfahrt vor dem Stadion ein Denkmal, weil er die früher so anfälligen Arjen Robben und Franck Ribéry unverletzbar geknetet hat. Sechstens: Bayern holt das Triple.

Selbst neulich, nach dem Aus im Pokal, war noch klar, dass weniger als das Double gar nicht in Frage kommt. Auf dem Flug zum 0:3 in Barcelona sprach der Markenbotschafter Paul Breitner Klartext und wurde hinterher mit den Mia-san-Mia-Worten zitiert: „Hallo? Wo sind wir denn? Der FC Bayern kann sich nur selbst schlagen. Wenn unsere Mannschaft zweimal Normalform erreicht, dann kommen wir ins Finale.“ Mit einer Überzeugungskraft soll er es vorgetragen haben, wie man das nicht mehr erlebt hat, seit Kaiser Wilhelm II. sagte: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“

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