Oskar-Beck-Kolumne Klartext braucht keine Worte

Eine mittlerweile typische Handbewegung im Fußballstadion Foto: dpa
Eine mittlerweile typische Handbewegung im Fußballstadion Foto: dpa

Die Hauptstadt des „Effe-Fingers“ ist Hamburg. Aber erfunden wurde er nicht von Stefan Effenberg. Auch nicht von Gunter Gabriel oder Peer Steinbrück. StZ-Sportkolumnist Oskar Beck hat sich auf Spurensuche begeben.

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Stuttgart - Wenn bei Robert Lembke und seinem heiteren Beruferaten („Was bin ich?“) ein Gast früher als typische Handbewegung eine scharfe Sägebewegung von oben nach unten machte, war jedem pfiffigen Fernsehzuschauer sofort klar: Der Mann zerlegt Schweinehälften im Schlachthof.

Aber es geht noch leichter. Haben Sie letzten Samstag diese wilden Bilder aus Hamburg gesehen? Angesichts der dortigen typischen Handbewegung, dem massenhaft gestreckten Mittelfinger, wusste man ebenfalls auf den ersten Blick, welche Berufung sich dahinter verbirgt: Fußballfan. In seiner gezückten Form, als steifer Stinkefinger, gehört der Mittelfinger inzwischen zum Spiel wie der Ball, und diesmal galt die Botschaft Hakan Calhanoglu. Der verlorene Sohn kehrte erstmals heim an die alte Stätte, und weil ihn die HSV-Fans seit Sommer für einen schamlosen Vertragsbrecher halten, haben sie ihn sogar mit der verschärften Form des „S“-Fingers“ begrüßt, der zusätzlich begleitet wird von einem Fluch, beispielsweise „Hurensohn!“ und „Judas!“, aber auf jeden Fall von dem zündenden Fußballwort, das mit A anfängt und mit loch aufhört.

Calhanoglu hat die Folter tapfer ertragen. Statt selbst zur Holzhammermethode des Mittelfingers zu greifen, lächelte das Objekt des Hasses nur gequält in Richtung Tribüne, und sein Leverkusener Trainer Roger Schmidt fand hinterher: „Das war bemerkenswert von Hakan. Daran können sich die da draußen ein Beispiel nehmen.“ Schmidt meinte die wutschnaubenden Fans, denen die Schläfen platzten und die Augen aus dem Kopf traten, und sein „die da draußen“ sagte er in einem Ton, als denke er dabei an Tucholsky, der in seinem Satireblatt „Simplicissimus“ den einen Affen im Käfig zum anderen angesichts der Zoobesucher sagen ließ: „Wie gut, dass die alle hinter Gitter sind.“

Paviane tippen sich nur kurz an die Stirn

Wobei Paviane zum obszönen Mittelfinger nie greifen würden. Sie tippen sich allenfalls kurz an die Stirn, zeigen sich altmodisch den Vogel – und reden noch miteinander. Bei uns Menschen sind diese friedfertigen Zeiten vorbei.

Bei den Hamburger Fans sowieso. Hat nicht Mitte der Woche im DFB-Pokal schon dieser schlecht durchblutete Flitzer dem fassungslosen Franck Ribéry nicht nur den Schal ins Bayerngesicht gehauen, sondern auch noch beidhändig den Finger gegeben? Ohne diesen Finger ist Fußball in Hamburg schon fast nicht mehr vorstellbar, der HSV-Fan als solcher hat sich diese Ausdrucksform in vielen schweren Jahren hart erarbeitet, und zusätzlich gestählt ist er durch die Beispiele großer Söhne der Stadt. Stefan Effenberg hat sich schon vor zwanzig Jahren in Dallas gegen die Schmähchöre deutscher WM-Fans nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit dem pädagogischen „Effe“-Finger gewehrt, und Peer Steinbrück wurde als Kanzlerkandidat von einem Interviewer gefragt: „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi, um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“ Worauf auch dieser coole Hanseat in der Gebärdensprache antwortete und seinen Stinkefinger auf dem Titelfoto so absegnete: „Klartext braucht keine Worte.“

Politiker also auch, von wegen nur Fußballer, Fans und Doofe. Dem Mittelfinger wird oft Unrecht getan, er wird vielfach hingestellt, als ob er den IQ eines Knäckebrots hat und nichts gegen ihn hilft, kein Tränengas und kein Alkoholverbot – dabei soll ihn schon im alten Rom der Dichter Martial empfohlen haben, als martialische Erwiderung.

Effe war jedenfalls nicht der Erfinder. Man muss es so deutlich sagen, auch wenn die Hamburger es nicht gerne hören: Salonfähig gemacht hat diesen Gruß schon lange vorher Johnny Cash – bei seinem legendären Konzert im Gefängnis von San Quentin kam dem großen US-Sänger („Ring of Fire“) ein Fotograf zu nahe, worauf ihm Cash den Finger zeigte, flankiert von einem „Fuck you!“ Nur für seine Gitarre hatte Johnny den Mittelfinger bis dahin gebraucht, zum Zupfen. Dieser Finger war also lange Kultur, ehe er in der Popkultur und jetzt in der Fußballkultur seine neue Bestimmung fand.

Der Mittelfinger kommt locker durch die Kontrolle

Was wäre ein Fan ohne seinen Finger? Aufgeschmissen, hilflos, wehrlos und sprachlos. Im Ausnahmezustand des Frusts muss Dampf abgelassen werden. Im Übrigen hat der Mittelfinger den unermesslichen Vorteil, dass man ihn in gekrümmter Form leicht durch die Stadionkontrolle bringt. Während Baseballschläger, Dynamitstangen und Wurfmesser beschlagnahmt werden, bleibt der Mittelfinger unbehelligt und kann dann als Waffe gegen die Nieten und Versager auf dem Platz eingesetzt werden.

Oder gegen Verräter wie Calhanoglu. Dabei war der bis zum Sommer fast ein Hamburger Held. Ohne seine elf Tore und vier Vorlagen in der letzten Saison würde der HSV heute vermutlich in der zweiten Liga spielen. Und wer weiß, ob der zaubernde Kleinkünstler nicht wirklich die Zusage hatte, bei einem angemessenen Angebot wechseln zu dürfen. Als Leverkusen 14,5 Millionen Ablöse bot und der HSV sich bockig stellte, griff Calhanoglu dann zum ärztlichen Attest der „psychischen Erkrankung“ – für mehr hämisches Gelächter könnte auch ein Fan nicht sorgen, der seinen Mittelfinger zur psychischen Erkrankung erklärt, um nicht, Strafgesetzbuch §185, wegen Beleidigung belangt zu werden.

Was durchaus passieren könnte. Denn das Menschenrecht auf freie Entfaltung des Mittelfingers ist noch nicht ratifiziert – letztes Jahr wurde Ottmar Hitzfeld, nachdem er als Schweizer Nationaltrainer dem Schiedsrichter den Gestreckten zeigte, zu zwei Spielen Sperre und 7000 Franken Buße verurteilt.

Doch bleiben wir in Hamburg, denn fast hätten wir jetzt Gunter Gabriel vergessen. „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ hat der einst gesungen, und zu allem Unglück wurde er dann auch noch zu 700 Euro wegen fingerfertiger Polizistenbeleidigung verurteilt. „Die richtigen Revoluzzer“, sprach Gabriel, „haben den Mittelfinger immer steif.“

Vor allem die Hamburger. Sie haben Calhanoglu zur Sau gemacht, doch der Kicker ist beherrscht geblieben – allerdings mit einem Gesicht, aus dem Gebärdendeuter den glaubhaften Satz ablasen: „Ich habe leider nicht genug Mittelfinger, um Euch zu zeigen, wie ich mich gerade fühle.“

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