Oskar-Beck-Kolumne Klaus Gjasula – ein Ex-Blauer im Gelb-Fieber

Helm auf – Klaus Gjasulas Schutz nach einem Jochbeinbruch Foto: Baumann

Klaus Gjasula hat es geschafft. 17 Gelbe Karten. Bundesliga-Rekord. Er hat es bei den Stuttgarter Kickers gelernt.

Stuttgart - Der Fußball feiert seine Helden der Saison. Oscars, Orden und glitzernde Bälle aller Art werden in diesen Tagen überreicht für die Torjäger des Jahres, das Blabla des Jahres oder das Aufstellen neuer, unfassbarer Rekorde – sogar die 16 sieglosen Spiele am Stück, die den Schalkern gelungen sind, werden vermutlich noch prämiert mit einer goldenen Tönnies-Anstecknadel mit Haken, an dem die klitzekleine Nachbildung einer Schweinehälfte hängt.

 

Nix. Dabei hat er sogar 17-mal zugeschlagen. Trotzdem geht er leer aus, null Anerkennung, kein Amulett, nur peinliches Schweigen. Viele verstehen das nicht, bis hinauf nach Degerloch, denn vor vier Jahren hat Gjasula noch im Trikot der Stuttgarter Kickers dafür gesorgt, dass auf den Plätzen kein Gras mehr wächst. Beim SC Paderborn hat er später genauso imposant weitergemacht – und es mit dem Biss des Dreißigjährigen jetzt tatsächlich noch geschafft, seinen Namen ins steinerne Mahnmal der Bundesliga zu meißeln.

Hajtos Rekord ist Geschichte

Siebzehn Gelbe Karten. In einer einzigen Saison. Das hat vor dem Schwarzwälder noch keiner geschafft, für 17 Verwarnungen brauchen friedfertiger veranlagte Fußballer ihre komplette Karriere. Sogar das für unerschütterlich gehaltene Denkmal des polnischen Wüterichs Tomas Hajto, der es beim MSV Duisburg anno 1998/99 auf 16 Ritzen im Kerbholz brachte, hat Gjasula umgekippt, und Hajto ist heilfroh, dass er die Bürde des fragwürdigen Rekords nicht mehr tragen muss. „Endlich“, gratulierte er unlängst dem neuen Rekordsünder, „endlich habe ich Ruhe.“

Klaus Gjasula ist im richtigen Leben der beste Mensch und liebste Familienvater, aber entscheidend ist auf dem Platz, und dort schlüpft er in sein anderes Ich und sieht aus wie der Glöckner von Notre-Dame. Während herkömmliche Fußballer beim Aufwärmen vor dem Spiel die Sehnen und Muskeln dehnen, krempelt Gjasula die Ärmel hoch, spuckt in die Hände, winkelt den Ellbogen an, legt sich das gestreckte Bein für den Tritt zurecht – und setzt seinen Helm auf.

Kopfschutz im Fußball

Diesen Kopfschutz trägt er, seit er sich vor sieben Jahren bei einem Luftkampf das Jochbein brach, und ganz am Anfang haben ihn die Gegenspieler dafür hämisch belächelt. „Hallo, Weichei“, begrüßten ihn die einen. „Spiel lieber Schach“, rieten ihm die anderen. Aber meistens, erinnert sich Gjasula, „war der Spott dann nach dem ersten Zweikampf beendet.“

Er ist einer dieser Abräumer, die unermüdlich auf der Jagd nach dem Ball sind und den gegnerischen Spielmacher im Blick haben, um ihn notfalls dem Erdboden gleichzumachen. Als gewissenhafter Zerstörer hält er die Grätsche für ein angemessenes Mittel der Notwehr. „Viele haben nicht unbedingt Bock, gegen mich zu spielen“, hat Gjasula früh erkannt. Er ist eins neunzig groß, wiegt vierundachtzig Kilo, und auch den Helm unterschätzt mittlerweile keiner mehr – vielmehr ist der Robuste unter den sensiblen Ballzauberern der Branche gefürchtet wie ein Gladiator aus dem alten Rom.

In Wahrheit kommt Gjasula aus Tirana, was Fragen aufwirft: Wieso heißt einer Klaus, der als kleiner Albaner auf die Welt kam? Und warum heißt sein Bruder, der zurzeit in Magdeburg kickt, ausgerechnet Jürgen? Die Oma ist schuld. Sie hat früher in Tirana immer die „Schwarzwaldklinik“ angeschaut, und weil Klausjürgen Wussow als Professor Brinkmann ihr Liebling war, heißen die Enkel jetzt Klaus und Jürgen.

Die „Schwarzwaldklinik“ inspiriert

Beide wuchsen, als die Familie nach Deutschland zog, dann konsequenterweise im Schwarzwald auf, unweit der TV-Klinik in Glottertal. Schritt auf Schritt oder besser „Tritt um Tritt“ (wie die Spitzbuben unter seinen Mitspielern lästern) startete Klaus Gjasula dann seine Karriere, Regionalliga, Bundesliga, albanische Nationalmannschaft – und erfüllte sich seinen Traum und seinen Gegenspielern ihren Albtraum. Gjasula steht für die alte Schule, in der das defensive Mittelfeld kein Platz ist für Wattepuster und Warmduscher.

Die Alten und Toten unter uns erinnern sich ungern an Nobby Stiles. Der ekelhafte englische Giftzwerg war das, was man einen Knochenbrecher nennt. In verstaubten Schriften liest man: „Stiles war für die Neutralisierung der Kreativelemente im gegnerischen Spiel zuständig.“ Der grässliche Gnom war ein bezahlter Killer, man nannte ihn „Nasty Nobby“. Oben fehlten ihm die Vorderzähne, und vor dem Anpfiff hat er sich auch noch das Zweitgebiss herausgenommen. Außerdem war Stiles hochgradig kurzsichtig. Im täglichen Leben trug er eine Art Schweißerbrille mit dicker Beglasung, die er beim Fußball dann abnahm – was den folgenschweren Nachteil hatte, dass er das gegnerische Schienbein nur noch schemenhaft wahrnahm und oft mit dem Ball verwechselte. Die mannhafte Mentalität solcher Zerstörer geht oft einher mit einem Naserümpfen. Schon der Berühmteste machte keine Gefangenen: Luis Monti, der legendäre Doppelweltmeister aus den 1930ern, lieferte sich mit seinen Gegnern Verfolgungsjagden bis unter die Dusche, und was er hinterließ, beschrieb der berühmte Fußballautor Brian Glanville später als „die Fußspur des Leoparden“.

Klaus Gjasula winkt jetzt immerhin die literarische Verewigung im Guinnessbuch der Rekorde. Das wird ihn hinwegtrösten über den Abstieg mit seinen Paderbornern, denen es ergangen ist wie Tasmania Berlin anno 65/66. Auch die Berliner hatten seinerzeit ihren Gjasula, er hieß Herbert Finken und pflegte seine Gegenspieler mit den Worten zu begrüßen: „Mein Name ist Finken, und du wirst gleich hinken.“

Schon Finken ging leer aus. Kein Tapferkeitsorden. Nix.

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