Oskar-Beck-Kolumne Rendezvous mit dem Schreckgespenst

Vor einem deutschen Spieler zittern die Argentinier besonders: Miroslav Klose. Foto: AP
Vor einem deutschen Spieler zittern die Argentinier besonders: Miroslav Klose. Foto: AP

Mit 36 Jahren fühlt sich der WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose fit wie eh und je. Spiele gegen Argentinien waren für ihn immer ein gutes Pflaster, deshalb zittern die Spieler der „Albiceleste“ bei keinem deutschen Spieler mehr wie bei ihm.

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Stuttgart - Vor dem morgigen Endspiel bei der Fußball-WM fällt einem spontan die Kurzgeschichte „Das Schreckgespenst“ ein, in der der US-Gruseldichter Stephen King die Urängste kleiner Kinder thematisiert – denn die Urangst der Argentinier ist ähnlich grausam.

Deren Schreckgespenst ist aus Fleisch und Blut, hat Hände und Beine und kann sprechen, und was dieser Mensch gewordene Albtraum jetzt in der Pressekonferenz der deutschen Mannschaft vor dem Finale noch schnell von sich gab, lässt den Argentiniern vermutlich die Zunge zittern. Er wurde gefragt, wie er sich mit seinen 36 Jahren, vier WM-Turnieren und 136 Länderspielen, die er auf dem Buckel hat, denn so fühlt und ob es nicht höchste Zeit zum Aufhören sei, aber der Veteran kratzte sich nur kurz am Kopf, und dann hat er ihn geschüttelt.

„Ich kann leider noch“, sagte Miroslav Klose.

Einer hakte nach: Lernt man in Ihrem Alter denn noch dazu?

„Sie würden sich wundern“, belehrte ihn der ewig Junge, „wie viel Luft bei mir nach oben noch ist.“

Ein Dritter wollte dann noch wissen, wie sich ein WM-Finale anfühlt, und Klose antwortete: „Seit 2002 weiß ich es: beschissen.“ Deshalb zähle diesmal nur eins: der Sieg.

Vor uns saß ein argentinischer Kollege, und wenn wir sein nervöses Augenzucken richtig deuten, hat er dann in seinen Notizblock geschrieben, dass der Albtraum morgen im Maracanã-Stadion den Faden dort wiederaufzunehmen gedenkt, wo er ihn 2006 in Berlin und 2010 in Kapstadt hat fallen lassen.

„Wir erleben ein Rendezvous mit der Geschichte“, sagt der Trainer Alejandro Sabella im Gedenken an die WM-Endspiele 1986 und 1990 – aber vor allem droht den Argentiniern ein Rendezvous mit Klose.

Blicken wir für die Vergesslichen kurz zurück.

WM 2006, Viertelfinale in Berlin. Acht Jahre später können wir es ja zugeben: Das Spiel war verloren. Aus und vorbei, Ende des Sommermärchens, wir Deutschen waren besiegt und von den Argentiniern so gut wie nach Hause geschickt von der eigenen Weltmeisterschaft. 1:0 stand es für die Gauchos im Olympiastadion, sie hatten alles im Griff, ihren Jungstar Messi schonten sie schon fürs Halbfinale, und dann haben sie auch noch Crespo, ihren gefährlichsten Stürmer, lachend vom Platz geholt – von deutscher Seite war nichts mehr zu befürchten. Warum Tim Borowski, der Bremer, mitten hinein in diese Aussichtslosigkeit dann trotzdem noch mal geflankt hat, weiß kein Mensch. Jedenfalls stand vor dem argentinischen Tor plötzlich Klose, der hat sich geschwind nach vorne geworfen, dem Ball über Kimme und Korn die Stirn geboten, lange Ecke, 1:1, und der Rest ist Geschichte. Elfmeterschießen, Deutschland weiter, Klose Torschützenkönig der WM.

Dann die WM 2010, Viertelfinale in Kapstadt. 2:0 Klose . . . 4:0 Klose . . . an der Stelle hören wir jetzt besser auf, sonst bestellen unsere argentinischen Abonnenten die Zeitung ab. Nur noch so viel: Diego Maradona stand mit Tränen in den Augen an der Seitenlinie und ließ nach dem Spiel seine Trainerlizenz annullieren.

Und nun also Rio de Janeiro, WM 2014. Die Geschichte wiederholt sich, diesmal sogar im Finale, wieder geht es um die Wurst – wieder Klose? Wie ein Kloß steckt der den Argentiniern im Hals, und wenn sie Zeitung lesen, kriegen sie ihn auch nicht mehr heraus, denn seit Tagen werden die Geister der Vergangenheit beschworen nach dem Motto: Miro, du weißt doch als Wiederholungstäter, wie man gegen Argentinien trifft, erzähl mal.

Aber noch lieber erzählt Miro, warum er nach wie vor kein Wrack, sondern immer noch putzmunter ist, oder, um es mit dem Bundestrainer Jogi Löw zu sagen: „Topfit.“




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