Oskar-Beck-Kolumne War auch Mayer-Vorfelder gedopt?

Von Oskar Beck 

Und jetzt die gute Nachricht: Selbst zu Klümpers Zeiten gab es im Dunstkreis des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart einen Unschuldigen – mich, schreibt unser Kolumnist Oskar Beck.

Gerhard Mayer-Vorfelder gab sich als Hobby-Fußballer gerne sportlich. Foto: Baumann
Gerhard Mayer-Vorfelder gab sich als Hobby-Fußballer gerne sportlich. Foto: Baumann

Stuttgart - Vor dem heutigen Not-gegen-Elend-Zittergipfel gegen Hertha BSC sind viele VfB-Fans todunglücklich, dass der berühmte Sportmediziner Dr. Armin Klümper seit ein paar Jahren so gut wie unauffindbar in Südafrika lebt – denn unter ihm hat der VfB Stuttgart noch gespielt wie gedopt.

Bei allen anderen ist Klümper nach den dramatischen Paukenschlägen der vergangenen Tage allerdings unten durch, und der VfB gleich mit. Diese Kolumne zum Beispiel erscheint künftig nicht mehr im Sportteil, sondern im Polizeibericht, und wenn dem mit heißer Feder gestrickten Vorabbericht der Freiburger Kriminologen bald auch noch handfeste Beweise für dieses „systematische Doping mit Anabolika“ folgen sollten, muss sich der VfB im Briefkopf sofort umbenennen in Deutscher Anabolika-Meister 1984 und Deutscher Clenbuterol-Meister 1992. Auch Jogi Löw und Ottmar Hitzfeld stecken als Prominente dieser Tage im Schwitzkasten, weil sie zur völlig falschen Zeit Stürmer beim VfB waren – und am Donnerstag habe ich den geschätzten Kollegen Klaus Schlütter, der früher „Bild“-Sportchef und in jenen fragwürdigen 1970ern und 1980ern mein Wegbegleiter als VfB-Reporter war, knallhart gefragt: „Sag mal, Du Schlawiner, warst Du damals auch gedopt?“

„Es sieht so aus“, antwortete er kleinlaut.

Auch er war, mit einer schweren Knieverletzung, als Patient bei Klümper, wie alle in jenen Jahren. Der Zampano half, weltberühmt war sein „Klümper-Cocktail“ – und als der Kollege aus Freiburg zurückkam, schrieb er schon anderntags wieder in verblüffender Topform seine Artikel. Was hat der Wunderdoktor gespritzt, was war drin in diesem Cocktail?

„Frag mich nicht“, sagt der Geheilte.

Der größte Halbgott und Guru war früher Klümper

So sind wir Kranken dieser Welt, ein Doktor ist das Fleisch gewordene Vertrauen. Franz Beckenbauer war vor einem guten Jahr im ZDF-Sportstudio, und der Moderator Steinbrecher las ihm aus einem uralten Zeitungsbeitrag vor, in dem der Kaiser und damalige Libero durchsickern ließ, dass im Fußball gedopt wird. „Des hab i g’sagt?“, staunte Franz Beckenbauer jetzt, zirka vierzig Jahre später, erinnerte sich plötzlich nur noch an Vitaminspritzen und antwortete unter dem Gejohle des Publikums auf Steinbrechers Frage, was da drin war: „Jo mei, die Ärzte werden’s wissen.“

Der größte Halbgott und Guru war früher Klümper, und der „Spiegel“ wunderte sich: „Kaum einer fragt, was der Professor injiziert.“ Beseelt von einer irrationalen Bindung folgten ihm die deutschen Spitzenathleten, vom Turner bis zum Diskuswerfer, sie genossen den Cocktail gegen die Entzündungen und die Schmerzen und sagten: „Doping? Blödsinn!“ Doping, das war für alle etwas anderes – Doping hieß: die schnelle Pille.

Die gehörte auch zum Fußball. Eines Samstags kurz nach drei, beim Warmlaufen vor dem Spiel, deutete der damalige VfB-Physiotherapeut Francois Caneri auf einen gegnerischen Star, dessen Namen ich jetzt weglasse, weil ich sowohl Caneri als auch mir einen Prozess ersparen will.

„Schau dem mal in die Augen“, empfahl Caneri.

„Was ist damit?“, fragte ich.

„Captagon“, sagte Caneri.

Der muskelbildende Klümper-Cocktail war berühmt

Doping im Fußball hieß Captagon. Oder Ephedrin. Wenn man Toni Schumacher und seiner alten Fußballbibel „Anpfiff“ glaubt, wurden solche Aufputschmittel von erfolgshungrigen Kickern damals vor dem Anpfiff geschluckt wie Gummibärchen, und danach rannten sie bis zum Umfallen die Linie rauf und runter. Als pflichtbewusster Reporter machte ich fortan natürlich auch bei den VfB-Spielern den sporadischen Casablanca-Test („Schau mir in die Augen, Kleiner“), aber da war nichts, außer normalen Pupillen – das Wettkampfdoping war die Sache anderer.

Hat der VfB stattdessen dieses Trainingsdoping mit Anabolika betrieben? Wurde von ungeduldigen Klümper-Kickern „experimentiert“, wie der Antidopingkämpfer Fritz Sörgel als Mitglied der Freiburger Untersuchungskommission argwöhnt, wollte der eine oder andere Verletzte einfach aggressiv den Heilungsprozess beschleunigen, im Training? Früher wurden anabole Steroide entkräfteten Kriegsgefangenen verabreicht – nun also verletzten VfB-Kickern in der Phase der Rekonvaleszenz?

Klümper war in solchen Dingen kein Bremser. Dass das bis 1976 tolerierte anabolikaunterstützte Training über Nacht als Doping galt, spielte für ihn nicht die wichtigste Rolle – entscheidend war, es gibt dazu Aufzeichnungen aus seiner Feder, was er „medizinisch für notwendig hielt“. Und wenn ein operierter Turner oder Fußballer mit einem Bein zu ihm kam, das plötzlich sechs Zentimeter dünner als vorher war, trat der muskelbildende Klümper-Cocktail in Kraft, und basta.

Steht das Kürzel MV für Muskelpillen-Vielfraß?

Medikamentenpost hat der VfB damals also von Klümper bekommen, mit verbotenen Inhalten – aber, fragt an der Stelle jetzt der Ex-Torwart Helmut Roleder mit pfiffigem Reflex: „Für welche Abteilung?“ Für die Leichtathleten? Oder waren die Präparate womöglich für den Präsidenten Mayer-Vorfelder, der sich als Reserveoffizier anlässlich einer Bundeswehrübung beim Fallschirmabsprung einmal die Knochen brach und womöglich schnell die Muskeln mit einem Kälbermastmittel aufpäppeln musste, damit er am Pult im Landtag seine nächste Ministerrede stehen konnte, ohne zusammenzubrechen?

War auch Mayer-Vorfelder gedopt, steht das Kürzel MV für Muskelpillen-Vielfraß? So ziemlich keine Frage bleibt in der Hysterie dieser Tage ungestellt, der Unterschied zwischen schamlosem System und experimenteller Einzeltat verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit, und viele glauben inzwischen, dass jeder gedopt war, der sich zu Klümpers Zeiten verletzt hat – die VfB-Profis, der VfB-Präsident und, siehe oben, die VfB-Reporter.

Bis auf mich.

Glück muss man haben. Meines hieß Edi Giray. Denn 1976 hat mir der Schorndorfer Meisterringer seinen Anabolikafahrplan für Olympia in Montreal vorgelegt, und nach der Veröffentlichung drohte Klümper mit Klage. Jedenfalls war mir niemals die Gunst seiner Spritze vergönnt – und keiner fragt mich deshalb nach dem Cocktail, mit dem ich jetzt wie gedopt diese Kolumne geschrieben habe, und ich muss nicht den Franz machen und sagen: „Jo mei, der Guru wird’s wissen.“