Oskar-Beck-Kolumne Was Miley Cyrus vom VfB unterscheidet

Von Oskar Beck 

Der Stuttgarter Fußballprofi Sercan Sararer sitzt auf der Tribüne – und das, obwohl er die Rückennummer 23 trägt. Alle Welt leckt sich nach dem Mythos der Zahl „23“ die Zunge, nur der VfB nicht, findet unser Kolumnist Oskar Beck.

Sercan Sararer kommt nicht mehr zum Zuge – trotz seiner mystischen Rückennummer 23. Foto: Baumann
Sercan Sararer kommt nicht mehr zum Zuge – trotz seiner mystischen Rückennummer 23. Foto: Baumann

Stuttgart - In der Not kommen die Menschen auf verrückte Ideen. Vom früheren VfB-Meistertrainer Christoph Daum wissen wir, dass er zu wichtigen Spielen ein Erste-Hilfe-Köfferchen mitnahm, das eine Hasenpfote, einen kleinen Schornsteinfeger und einen Glückspfennig enthielt, den er sich in die Socken steckte.

Heute? Nichts. Zu keinem Voodoozauber wird getanzt, keine bösen Geister werden verjagt. Der VfB hat allen Aberglauben verloren, er will den Abstieg immer noch mit dem gesunden Menschenverstand und sonstigen herkömmlichen Methoden verhindern, statt den Mythos der magischen Zahl 23 zu nutzen.

Mit dieser Nummer ist es wie mit der Kraft der Gedanken, man kann Löffel damit verbiegen. Schon früher bei der Spielvereinigung Greuther Fürth hat Sercan Sararer die 23 auf dem Rücken getragen, nicht minder schmückt sie sein türkisches Nationaltrikot, und auch beim VfB hat er ja gezeigt, was mit der 23 auf dem Buckel möglich ist, ganz am Anfang, letzten Sommer, als er kam: Im Test gegen Heidenheim siegte der VfB 1:0, und der gebürtige Franke stemmte stolz den Max-Liebhaber-Pokal in die Höhe. Danach machte er aber nur noch mit einem Nasenbeinbruch im Weihnachtsurlaub Schlagzeilen. Er verschwand von der Bildfläche – und sitzt jetzt auf der Tribüne.

Weiß beim VfB keiner, was in so einer 23 steckt?

Miley Cyrus – die singende US-Sirene

Der Rest der Welt leckt sich die Zunge nach dieser Zahl, vorneweg Miley Cyrus. Die singende US-Sirene wirbelt in einem zum Bikini umgenähten Michael-Jordan-Trikot durch ihr Musikvideo „23“. Aufsehen erregend war auch das Hemd der Basketballlegende, das unlängst bei Ebay für 2998 Euro in die Versteigerung ging. Was es so teuer machte? Jordan hat es getragen, Jordan hat es signiert – aber vor allem ist es die 23.

Alles dreht sich um die 23.

Den Ungläubigen, die mit einem Kopfschütteln jetzt das Wort albern ausstoßen, nehmen wir gleich den Wind aus den Segeln: Seit dem Science-Fiction-Kultroman „Illuminatus“ wird der Zahl 23 eine mystische und das Weltgeschehen beeinflussende Bedeutung zugesprochen. Die Ziffer übt für ihre treuesten Anhänger eine irrwitzige Faszination aus, sie wird in der Komplottkultur immer wieder thematisiert – von der Hörspielreihe „Offenbarung 23“ über den Film „23 – nichts ist so, wie es scheint“ bis hin zum Paranoiathriller „Number 23“, in dem Jim Carrey in den Wahnsinn getrieben wird. Ist es nicht das, was morgen auch mit dem Sportclub Freiburg passieren muss?

Was für den VfB mit der 23 möglich wäre, ist schnell beschrieben. Genau heute vor fünf Jahren ist ein unfassbares Tor gefallen: Der Brasilianer Grafite vom VfL Wolfsburg tanzte im Zickzack fünf Bayern aus, darunter den weltberühmten Lahm, und spätestens nach seinem atemberaubenden Happy End mit der Hacke zum 5:1 fragte sich alle Welt: Geht so etwas? Antwort: nur wenn es mit dem Teufel zugeht – also mit der 23 auf dem Rücken.

Die 23er-Glaubensgemeinde

Um diese Ziffer ranken sich die wildesten Mythen. Die weltweit verbreitete 23er-Glaubensgemeinde legt beispielsweise Wert auf die Feststellung, dass Schaffhausen von den Amerikanern am 1. 4. 1944 bombardiert wurde (1+4+1+9+4+4 = 23), dass die Zigarettenmarke „Ernte 23“ ein Hinweis auf die Tödlichkeit des Rauchens ist, dass Cäsar mit 23 Messerstichen und der schwedische Ministerpräsident Olof Palme um 23.23 Uhr ermordet wurden oder dass an einem Dreiundzwanzigsten nicht nur Hitler und Stalin ihren Nichtangriffspakt schlossen, sondern auch Bonnie und Clyde erschossen wurden und die Raumstation MIR ins Meer gestürzt ist. Und kann es noch Zufall sein, dass Heiligabend am 24. Dezember ist, also ausgerechnet einen Tag nach dem Dreiundzwanzigsten – und der Schiedsrichter der 23. Mann auf dem Platz ist?

Womit wir wieder beim Fußball sind. Dort wurde die Bedeutungsschwere dieser Zahl erstmals erkannt, als sich David Beckham bei Real das Trikot mit der 23 beflockte und sich semantische Diskussionszirkel, angeregt durch hysterische Schlagzeilen („Die ganze Welt rätselt: Was bedeutet die 23?“), tiefschürfende Gedanken machten: Wollte Beckham Kraft schöpfen aus Psalm 23 – oder war er einfach nur gut beraten von seinem auch für den Basketballgott Jordan aktiven US-Anwalt? „Wenn einer wie Beckham die 23 trägt“, erregte sich seinerzeit Uli Hoeneß, „muss sich Michael Jordan im Grab rumdrehen.“ Auch dem Bayern hat die 23 den Kopf verdreht, denn Jordan erfreut sich bester Gesundheit. Schon einmal war Hoeneß völlig neben der Kappe: Als er anno Tobak im EM-Finale seinen Elfmeter in die Wolken ballerte. Das war 1976 – und aus 1+9+7+6 ergibt sich die Endsumme 23.

Rätselhafte Mächte sind da am Werk, und falls jetzt immer noch einer zweifelt: Wussten Sie, dass die weltweit meistverkauften Trikots letztes Jahr die Nummer 7 von Cristiano Ronaldo, die Nummer 10 von Lionel Messi und die Nummer 6 des US-Basketballkönigs LeBron James wa-ren? 7 plus 10 plus 6 ergibt . . .

Noch Fragen?

Der Mythos der 23 lebt, und falls der VfB Stuttgart das jetzt auch so sieht, wird vielleicht doch noch klar, was Bruno Labbadia gemeint hat, als er seinen ehemaligen Jungstürmer aus gemeinsamen Fürther Zeiten vergangenen Sommer im Beisein von Manager Fredi Bobic zum VfB holte und sagte: „Er hat unheimliche Power, ist dribbelstark und kann Tore schießen.“

Sercan Sararer war damals übrigens 23.