Die Präsidentschaftskrise beim VfB Stuttgart hat sich bis in die Sümpfe Floridas rum gesprochen. Dort behauptet ein nebulöser Dunkelmann, die wahren Drahtzieher hinter der Verschwörung um Gerd Mäuser zu kennen.

Stuttgart/Miami - Man kann dem VfB nirgends mehr entkommen, nicht einmal im Osterurlaub in Amerika. Plötzlich klingelt das Handy, und eine unbekannte Stimme sagt seltsam verzerrt: „Wir sollten uns treffen.“

 

Als konspirativen Treff schlägt der Geheimnisvolle die tiefen Sümpfe der Everglades in Florida vor, und als Erkennungszeichen will er mit einer Zeitung aus Caracas wedeln, die auf der Titelseite US-Kreisen mittels großer Buchstaben vorwirft, den verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez mit Krebszellen infiziert zu haben. Stundenlang wate ich also durch die Mangrovenwälder, bis plötzlich ein dubioser Dunkelmann vor mir steht, getarnt mit Taucherbrille, Perücke und aufgeklebten Koteletten, und sagt: „Es geht um die Verschwörung in Stuttgart.“

„Welche Verschwörung?“, frage ich.

Ich hasse aufgeblasene Wichtigtuer, vor allem, wenn sie mich aus der ungetrübten Ahnungslosigkeit des Ferienlebens reißen – aber der aufdringliche Aufschneider lässt nicht locker, sondern behauptet: „Ich weiß Dinge, die kaum das Schnaufen vertragen.“

„Warum sollte ich Ihnen glauben?“, frage ich.

„Weil ich“, sagt darauf der andere, „nicht freiwillig durch trübe Sümpfe stapfen würde, in denen Krokodile mit wässrigem Mund nach mir schnappen, wenn ich Ihnen nicht etwas zu sagen hätte, was für Ihre Leser und alle Fußballfans in Stuttgart wichtig ist.“

Das klingt einleuchtend. Ich beschließe also, ihm zuzuhören, und es stellt sich schnell heraus, dass der Unbekannte verdammt viel weiß. In den nächsten zehn Minuten erfahre ich über die undurchsichtigen Machenschaften finsterer Mächte und das Wirken verschwörerischer Kräfte im Untergrund dieser undurchschaubaren Welt mehr, als mir lieb ist, und ich begreife, dass selbst die blühendste und abwegigste Fantasie der verrücktesten Verschwörungstheoretiker und Konspirationsideologen gar nichts ist verglichen mit der brutalen Wirklichkeit.

Der Dunkelmann aus der Zentrale

Der Dunkelmann gibt sich zu erkennen als Angehöriger einer geheimnisvollen Vereinigung, die er abwechselnd „die Zentrale“, „das Büro“ oder „die Firma“ nennt, und er ist dort offenbar schon lange dabei, denn er sagt: „Meinen Freund Guillaume habe ich seinerzeit persönlich bei eurem Kanzler Brandt eingeschleust, aber vor allem Muhammad Ali ins Boxgeschäft. Der Größte war unser bestes Stück, und ich habe ihn aufgebaut zum großmäuligen Kriegsdienstverweigerer und Konvertit, um die Angst vor dem Islam zu schüren und die Kriege ums arabische Öl vorzubereiten.“

„Nichts“, frage ich schockiert, „ist so, wie es scheint – die ganz Welt ist eine Verschwörung?“

Es schmeichelt dem Unbekannten, dass ich beeindruckt bin, und stolz fährt er fort: „Unser Büro hilft mit Dienstleistungen aller Art. Jim Morrison von den Doors hatte irgendwann die Nase voll vom Starkult, ist aber heute nicht in Paris beerdigt, sondern spielt in Wahrheit mit Elvis unerkannt Gitarre in einer Touristenkneipe auf einer Insel im Indischen Ozean – wir versorgen die beiden täglich mit Essen auf Rädern.“

„Also alles Schwindel“, frage ich, „alles Tarnen und Täuschen?“ „Nein“, beruhigt mich der andere, „von den Komplottfanatikern wird da oft viel Humbug dazugedichtet. Wenn es nach denen ginge, wäre beispielsweise Kennedy von der Mafia, den texanischen Ölbaronen, dem CIA, KGB, Ku-Klux-Klan und Fidel Castro gleichzeitig ermordet worden – die Schar der angeblichen Hintermänner war so gewaltig, dass einmal ein kluger Kopf meinte, für ihre konspirativen Treffen hätte man den Madison Square Garden mieten müssen. Aber grundsätzlich haben Sie recht: Die Welt ist ein abgekartetes Spiel – und die Krönung ist jetzt das Mäuser-Komplott. Der Kopf dieser Verschwörung gegen den Präsidenten des VfB Stuttgart ist der Gipfel der Abgebrühtheit.“

„Wen meinen Sie?“

„Viele glauben, es sei der Aufsichtsratschef Hundt, aber der steckt nicht dahinter.“

„Sondern wir Journalisten?“

„Ach was, auch das ist nackter Unsinn“, belehrt mich der Unbekannte, „Ihr liebt den Mäuser doch, ihr braucht doch so einen, der füttert euch doch mit seiner direkten Art mit eurem täglichen Brot, den Schlagzeilen. Nein, ihr seid es auch nicht – aber, zugegeben, auf den wahren Kopf hinter dem Komplott kann ein normaler Mensch auch gar nicht kommen.“

„Und, wer ist es?“, bohre ich.

Die Mondlandung und ihre Tücken

„Schauen Sie“, sagt der andere, „ich kenne, weiß Gott, alle Tricks. Ich selbst habe in der Zentrale verantwortlich den Flug auf den Mond getürkt. Die Astronauten ließen wir kurz nach dem Start der Rakete mit dem Fallschirm über der Wüste Nevadas gleich wieder abspringen, und die vermeintliche Mondlandung haben wir dann live übertragen aus einem Trickfilmstudio in Hollywood. Ich bin als Verschwörer also mit allen Wassern gewaschen, aber was da jetzt mit Mäuser abläuft, geht selbst mir zu weit – dazu kann ich nicht mehr schweigen.“

„Jetzt mal Nägel mit Köpfen – was ist passiert?“

„Also“, kommt mein Informant endlich zur Sache, „eines Tages betrat der VfB-Präsident die Firma und sagte: Ihr helft doch auch Präsidenten, ihr habt doch Obamas Geburtsurkunde aus einem Entbindungsheim in Honolulu gefälscht, damit der als Amerikaner gilt und US-Präsident werden konnte. Ich bin auch Präsident, nämlich beim VfB, und ich möchte es wie Obama machen, nur andersrum, ich wäre den Job gerne wieder los – aber freiwillig kann ich nicht gehen, sonst riskiere ich meine Abfindung, könnt ihr was für mich tun?“

„Und dann?“

„Wir waren völlig ratlos“, sagt der Unbekannte. „Doch plötzlich meinte Mäuser: Leute, ich glaub, ich hab’s, was haltet ihr von folgender Wahnsinnsidee: Ich schnauze ab sofort jeden Tag meine Mitarbeiter im Clubhaus an, falte und bügle die Sponsoren zusammen, brüskiere die Fans und zocke sie über Viagogo ab, beleidige die Journalisten öffentlich als Scheiße schreibende Schmierfinken – und wenn das alles dann noch nicht reicht, jage ich unsere erfolgreiche Nachwuchsabteilung in die Luft und spare den VfB zu Tode, mindestens aber in Abstiegsgefahr.“

„Würden Sie das bitte noch mal langsam wiederholen, zum Mitschreiben“, frage ich fassungslos den Unbekannten, „der Drahtzieher hinter der Verschwörung gegen den VfB-Präsidenten ist der VfB-Präsident selbst?“

Aber es kommt keine Antwort mehr, denn im selben Moment wird mein Maulwurf verschluckt von der tiefen Kehle eines Krokodils in den trüben Sümpfen der Everglades – und ich bin froh, als ich jäh aus dem Schlaf aufschrecke, im Sand, am Strand.