Oskar Beck-Kolumne Whitney Houston kommt lieber nicht

Atemlos durch die Nacht der Pfiffe: Helene Fischer Foto: dpa
Atemlos durch die Nacht der Pfiffe: Helene Fischer Foto: dpa

Den Fußball quält nach dem Helene-Fischer-Eklat vor dem Champions-League-Finale die brisante Liedgut-Frage.

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Stuttgar - Morgen steigt in Cardiff zwischen Real und Juventus das große Finale der Champions League, und alle sind gespannt auf das fetzige Beiprogramm – es gab Gerüchte, dass eine Fliegerstaffel der walisischen Luftwaffe über das Stadion donnert, musikalisch begleitet von Madonna, Anastacia oder Helene Fischer.

Aber das ist vom Tisch.

Denn das Dach bleibt geschlossen. Aus Sicherheitsgründen, heißt es, aus Furcht vor einem Drohnenangriff – neuerdings ist ja sogar militanten Fußballfans zuzutrauen, dass sie aus der Luft die Halbzeitshow bombardieren.

Jedenfalls hat der Fan langsam genug von dem, was ihm an Glamour und Gesang aufs Auge und Ohr gedrückt wird. Bei der Meisterfeier des FC Bayern wollten die Freiburger neulich Fußball spielen, aber das ging nicht, denn Anastacia sang noch. Und beim Einmarsch ins Berliner Olympiastadion nahm sich die Eisprinzessin Kati Witt vor ein paar Tagen den DFB-Pokal so zur Brust, dass ihr fast das Dekolleté wegrutschte – so ähnlich war es einst bei Janet Jackson im skandalösen Superbowl-„Nippelgate“, als ihr Justin Timberlake im wilden Gesang den Busen freilegte.

Die Amerikaner mögen so was, sagen viele – aber der Fußballfan wehrt sich: Müssen wir uns an diesen geistig Verwirrten orientieren, die als Präsident einen Vollpfosten wählen? Helene Fischer („Atemlos durch die Nacht“) ist nach ihrer Halbzeitshow auf der Flucht vor den Fans jedenfalls atemlos durch die Nacht geirrt. Sie wurde weggegrätscht, wie man das letztmals erlebt hat, als bei einer Saisoneröffnungsfeier der Bundesliga der Tenor Paul Potts plötzlich im Smoking mit Fliege auf die Bühne der Allianz-Arena trat und die Arie „Nessun Dorma“ aus Giacomo Puccinis „Turandot“ vortrug.

Der Spruch von Gascoigne

Große Oper. Aber den Fan befallen da Ängste. Muss auch er bald mit Smoking und Fliege erscheinen? Kommen die Schiedsrichter irgendwann statt mit Trillerpfeife mit Querflöte? Der Fan pfeift auf Violinen, Klarinetten und Paul Potts – wenn schon Paul, dann Paul Gas­coigne, denn Gazza empfahl seine Fußballsong-CD früher mit dem Satz: „Wie Pavarotti klinge ich nur, wenn ich furze.“

Der Ex-Profi Ansgar Brinkmann hat Helene Fischer letzten Samstag in Berlin mit dem Satz getröstet: „Heute wäre auch Whitney Houston ausgepfiffen worden.“ Also sogar eine Tote – der Fußballfan kennt keine Gnade mehr. Der mündige Fan rebelliert. Er will musikalisch befragt werden, wie das vorbildlich die beliebte Sendung „Sie wünschen, wir spielen“ im Südfunk tut – neun von zehn schwäbischen Hausfrauen wählen dann in aller Regel den Gefangenenchor aus „Nabuco“. Sie können dazu nebenher pfeifend die Fenster putzen und bedanken sich dafür immer mit einem „Viele Grüße ans Schallarchiv“.

So wollen auch die Fans mitsingen. Wie Gerry and the Pacemakers singt beispielsweise ganz Dortmund „You`ll Never Walk Alone“, und bis hinunter in die Landesliga ist das inzwischen die Hymne des Fußballs. Der kleinste Pokalsieger Deutschlands, die Sportfreunde Dorfmerkingen, spielte neulich gegen Waldstetten, und vor dem Anpfiff dröhnte das zündende Lied aus der Kabine des Gegners. „Da läuft dir eine Gänsehaut über den Buckel“, sagt Trainer Helmut Dietterle, „das singen wir künftig auch.“

Die Fußballer singen wieder selbst – wie früher.

Es ist so lange her, dass sich sogar der Schreiber hier wegen seiner beginnenden Altersdemenz nur sporadisch erinnert, beispielsweise an die Kremers-Brüder, Erwin und Helmut. In den frühen 70ern waren sie Europa- und Weltmeister, und weil die langhaarigen Lockenköpfe alle Mädchenherzen eroberten, fragte sie eines Tages der Vater des Schlagerstars Vicky Leandros: „Könnt ihr auch singen?“

Im Prinzip nein, sagten sie. Aber die Zwillinge trällerten dann trotzdem die Schnulze „Das Mädchen meiner Träume“ und stürmten in die Charts. Von rhythmischen Unebenheiten war die Rede, und sicherheitshalber sangen die nächsten Fußballhelden fortan im Chor, gestützt von stimmgewaltigen Blindenhunden wie Michael Schanze oder Peter Alexander – jedenfalls verdanken wir jener Ära eine ohrenbetäubende Sammlung von Fußballmelodien zum Mitklatschen. Jack White, der Schlagerproduzent, ist bis heute nicht davon abzubringen, dass sein von den 74er-Weltmeistern dargebotenes Lied „Fußball ist unser Leben“ mit zum Tapfersten gehört, was im Rahmen der musikalischen Mutprobe je an die Öffentlichkeit gelangte – noch vor dem heldenhaften Song unserer WM-Kicker 1990. Am Flügel saß da Udo Jürgens, und dann ging`s los: „Hinter uns liegt der Inn, und vor uns liegt der Po/ Holla hi, holla ho.“

„Bin i Radi, bin i König“

Jahrzehntelang haben deutsche WM-Stars bewiesen, dass der nächste Song immer der schwerste ist, von 1978 („Buenos Dias, Argentina“) über 1982 („Olé, España“), 1986 („Mexico mi amor“) bis 1994 („Far Away In America“). Die Erfolgshits jener musikalisch unwiederbringlichen Zeit nahmen kein Ende, der Torwartclown Petar Radenkovic hat es mit „Bin i Radi, bin i König“ in der Hitparade sogar den Beatles gezeigt, Kaiser Franz schlug mit „Du allein“ zu, Bomber Gerd Müller („Dann macht es bumm“) vollstreckte im Rahmen des Sprechgesangs – und Hansi Krankl, unser Cordoba-Albtraum von 78, hat es uns als „Johann K.“ später noch einmal knüppeldick gegeben, denn in der Hitparade hielt er sich zehn Wochen mit der Wiener Schmähversion des trostlosen Paula-Anka-Songs „Lonely Boy“. Das ging so: „I hob doch olles, wos ma ho`m kon / Doch oll`s, wos i hob, mi wü kana hob`n.“

Was jetzt in Cardiff gesungen wird? Die gute Nachricht: Selbst wenn uns das Liedgut dort nicht weiterbringt, kann womöglich vielen geholfen werden. Musikforscher behaupten nämlich, dass mindestens drei von zehn deutschen Frauen, falls die Juve-Fans morgen „O sole mio“ singen, daheim vor dem Fernseher sagen: „Otto, denk dran, deine Schuhe müssen zum Schuster.“




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