So ein Fußballerjahr besteht mittlerweile aus einundfünfzig englischen Wochen und ein paar Tagen Ostern, Pfingsten und Weihnachten – jedenfalls sieht ein Profi den Heiligabend kaum noch kommen vor lauter Bällen, die ihm bis kurz zuvor um die Ohren fliegen.
Es gab sogar Zeiten, da flog die Nationalmannschaft anlässlich stressiger Weihnachtsreisen noch schnell um die Welt. Der Schreiber hier erinnert sich an ein Interview mit Berti Vogts auf dem Heimflug aus Mexiko City am Tag vor Heiligabend, bei dem der Bundestrainer nicht nur über die dünne Luft im Aztekenstadion, sondern auch über Gott, die Welt und Weihnachten sprach – und erzählte, wie er abends im Hotelzimmer zum Dichter wurde, in einem Moment der tiefen Besinnlichkeit. „Ich konnte nicht schlafen“, verriet Vogts, „ich habe mich hingesetzt und in dieser Stimmung dann das Gedicht geschrieben.“
Sie schossen an dem Tag nur mit dem Ball
Sein Gedicht hatte einen Hauch von Peter Rosegger und las sich dann so: „Ein bisschen mehr Freude und weniger Streit, ein bisschen mehr Güte und weniger Leid, ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass, ein bisschen mehr Wahrheit, das wäre doch was.“ Der Trainer Vogts schrieb sich seine Sehnsucht nach Freude und Friede von der Seele – im festen Glauben, dass der Fußball die Kraft hat, Menschen zusammenzubringen. Ist das nur ein schöner Weihnachtstraum, von dem nichts übrig bleibt in der rauen Wirklichkeit?
Es gibt darauf eine schöne Antwort, aber sie ist verdammt alt und verstaubt, schon über Hundert. Auch damals war gerade Weihnachten, inmitten weltweiten Unfriedens – und doch haben Fußballer es aller Barbarei zum Trotz fertiggebracht, mit dem Glauben an die Kraft ihres Spiels den Glauben an die Menschlichkeit wachzuhalten. Es ist eine gleichermaßen wunderbare wie furchtbare Geschichte. Furchtbar ist sie, weil sie zwischen den Schützengräben spielt, an der Westfront des Ersten Weltkriegs in Flandern – aber wunderbar ist, was die Soldaten an jenem Weihnachtstag 1914 taten. Sie hatten genug vom Töten und Sterben. Sie schossen an dem Tag nur mit dem Ball.
Vom „Christmas Truce“ ist in den Geschichtsbüchern die Rede, von der Waffenruhe an Weihnachten jenes ersten Kriegsjahrs. Mitten im Gemetzel geschah das Wunder: Die Soldaten auf beiden Seiten der Front verließen ihre Gräben. Freund und Feind spielten zusammen Fußball. Sie setzten ein Symbol für den Frieden – bis die Generäle wieder das Töten befahlen.
Ist der Fußball besser als die Welt, in der er gespielt wird?
Wie fair ist der Sport?
Die Funktionäre der Fifa haben die weihnachtliche Ruhe auch immer wieder gerne genutzt, um Reden über Ethik und Werte zu halten und „O Tannenbaum“ zu singen. Aber an Weihnachten vor drei Jahren haben die Tannenbäume im Hotel „Baur au Lac“ in Zürich dann plötzlich traurig genadelt, vermutlich angesichts zu vieler Scheinheiliger. In aller Herrgottsfrüh, morgens um sechs, wurden diverse FIFA-Herren im Zuge einer Razzia aus dem Bett heraus verhaftet und mit Decken über dem Kopf im Kerzenlicht der Christbäume abgeführt.
Sepp Blatter war damals beim größten Verband der Welt noch der Big Boss, und eines muss man ihm lassen: Er sprach oft von Anstand. Gleichzeitig hat er das Risiko, das mit diesem großen Wort einhergeht, einmal trefflich benannt: „Fairplay ist kein Thema, das die Leute vor Begeisterung von den Sitzen reißt.“
Immer mehr Menschen gähnen neuerdings sogar schon, wenn es um Dinge geht wie Respekt, Rücksicht oder Toleranz. Wie begehen die Fans von Hertha BSC wohl Weihnachten? Grübeln sie wenigstens kurz darüber, ob sie gegen den Leipziger Trainermanager Ralf Rangnick nochmal das Spruchband „Ralf, wir warten sehnlichst auf Deinen nächsten Burnout“ an die Balustrade hängen? Viele werden jetzt besänftigend einwenden: Das sind geistig, seelisch und moralisch tiefergelegte Gefühlskrüppel, das sind keine Fans, das ist nicht der Sport.
Wie fair ist der Sport?
Da war einmal dieser Straßstoß, für Köln, gegen Augsburg. Während die Augsburger mit dem Schiedsrichter stritten, hat Marwin Hitz, ihr damaliger Torwart, geschwind heimlich den Elfmeterpunkt zertrampelt, auf dem der Schütze Anthony Modeste anschließend prompt ausrutschte und verschoss. Der Torwart wurde hinterher gefragt: War das fair? „Nein“, lachte Hitz fröhlich.
Haben wir, Hand aufs Herz, nicht alle mitgegrinst? Wir merken schon gar nicht mehr, wie selbstverständlich es geworden ist, dass der Zweck jedes Mittel heiligt.
Ist der Sport besser als der Rest der Welt?
Kürzlich war, irgendwo im Kleingedruckten, von den 6,7 Millionen Euro die Rede, nach denen im Zusammenhang mit Kaiser Franz und der Vergabe des WM-Sommermärchens 2006 an den Deutschen Fußball-Bund immer noch gefahndet wird. Das Thema juckt kein Schwein mehr. Spätestens Axel Schulz, unser alter Boxkönig, hat es schwer k.o. geschlagen mit seinem unvergesslichen Plädoyer gegen die Verteufelung des Stimmenkaufs: „Das gehört zum Sport dazu. Es ist gang und gäbe. Beckenbauer muss man in Ruhe lassen. Er hat uns einfach eine tolle WM besorgt.“
Hat Schulz einen Kampf zuviel? Nein, er denkt nur wie jeder Schulze, Müller oder Maier im Land, also wie Sepp Maier, unser alter Torwartheld, der die Moralapostel vollends mit der Faustabwehr erlegt hat: „Bei der Fifa kriegst du nie eine WM, wenn du nicht schmierst. Das ist wie in der Großindustrie, wenn du einen Auftrag haben möchtest. Besser als 6,7 Millionen für irgendeinen Schwachsinn ausgeben.“ Ja, unser Sepp, hat das Sportvolk gelacht, er ist schon einer.
Ist der Sport besser als der Rest der Welt?
„Ja“, würde Cristiano Ronaldo womöglich jetzt feierlich sagen, schließlich ist Weihnachten. Aber in ein paar Tagen beginnt wieder der Ernst seines Lebens, und schlagartig ist der bekannteste Sportler des Welt dann wieder zu bösen Dingen gezwungen.
Zum Egoismus zum Beispiel. Der Portugiese findet es eklig, wenn er bei Wahlen zum Weltfußballer und Europafußballer nur Zweiter wird, wie dieses Jahr gleich zweimal hinter seinem langjährigen Real-Mitspieler Luka Modric. Ronaldo kommt dann lieber gar nicht, lässt in Abwesenheit seinen Berater Jorge Mendes toben („Eine Schande, lächerlich!“), und es ihm total egal, wenn der bekannte Trainer Fabio Capello im Namen vieler fragt: „Wo bleibt da der Respekt gegenüber Modric?“ Respekt? Der größte Sportler der Welt hat Berater für alles, vermutlich bis hinauf zur Frisur, aber er hat keinen, der ihm sagt, was Respekt gegenüber anderen ist. Oder was es heißt, Ronaldo zu sein. Dass ein Leben als Ronaldo mehr ist als Tore, Tore und Tore. Ein Ronaldo hat die verdammte Pflicht, Vorbild zu sein – und Orientierungshilfe für alle Dreikäsehochs dieser Welt, die mit der „7“ auf dem Rücken als kleine Ronaldos hinter dem Ball herrennen.
„Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt“
Ronaldo genügt sich als selbstgefälliger Nimmersatt. Einmal, in der Champions League, mit Real gegen Donezk, schoss er einem Gegner den Ball mitten auf den Rücken. „Hand!“, brüllte er auf der Stelle, riss den Arm hoch, tippte sich wild an den Ellbogen, und der Schiedsrichter fiel darauf herein. Eiskalt verwandelte Ronaldo dann den Elfmeter, jubelte schallend, ließ sich feiern – und die letzten Romantiker mit der abgrundtiefen Erkenntnis von Golo Mann allein: „Der Mensch ist aus krummem Holz geschnitzt.“
Wieder ein Tor mehr. Ein stinkiges Tor, aber wichtig für die ewige Schützenliste, womöglich Gold wert für das Markenzeichen „CR7“.
Vorbild?
Ronaldo könnte für den Sport mehr sein als nur dessen größte Kanone. Denn die moralischen Instanzen auf dieser Welt werden jeden Tag weniger. Die prägenden Vermittler höherer Werte habe sich weitgehend abgemeldet, viele Politiker sind wie die zahllosen Halbstars und C-Promis aus Film, Funk und Mattscheibe längst Totalausfälle, und immer mehr Topmanager der Wirtschaft predigen die Philosophie der grenzenlosen Gier. Der Zustand der Elite ist also ungefähr so, wie es Noel Coward schon vor langer Zeit kommen sah – der englische Dichter schickte einst an 20 prominente Londoner anonyme Briefe mit der Nachricht „Alles ist entdeckt. Flieh, solange noch Gelegenheit ist!“ 17 davon, so wird behauptet, verließen die Stadt am nächsten Tag mit unbekanntem Ziel.
Die drei schönsten Worte der Welt sind nicht mehr „Ich liebe Dich“, sondern „Scheck liegt bei“ – und wenn der Sport nicht schnell aufwacht, wird auch er eher früher als später zum Spielball von Kommerz und Profitgier. Schon jetzt tanzen ihm schamlose Vertragsbrecher und korrupte Funktionäre auf der Nase herum, und prestigehungrige Regierungen und ölfördernde Königshäuser kaufen ihm demnächst vollends alles ab, was es für Geld gibt, die wichtigsten WM-Turniere und notfalls auch die letzten Skrupel.
„Klose ist in diesem kranken Fußball eine Anomalie“
Was würde, fragt man sich, der Scheich von Paris St. Germain wohl sagen, wenn Neymar ein entscheidendes Tor schießt, den Schiedsrichter aber anfleht: „Nimm es zurück, mir ist der Ball an die Hand gesprungen.“ Miroslav Klose hat genau das getan, als es noch halbwegs erlaubt war, vor ein paar Jahren bei Lazio Rom, worauf die „Gazzetta dello Sport“ den Ehrlichen anstarrte wie einen Außerirdischen mit drei Köpfen und schrieb: „Klose ist in diesem kranken Fußball eine Anomalie.“
So gibt es viele Dinge im Sport, über die einmal in Ruhe nachgedacht werden muss, und deshalb ist es jetzt höchste Zeit für diese erhellenden Tage im Kerzenlicht. Der Sport muss sie nutzen. Sie kommen erst in einem Jahr wieder.