Oskar-Beck-Kolumne zu TV-Moderatoren Und täglich lauert der Shitstorm . . .

Die ARD-Moderatorin Jessy Wellmer Foto: dpa/Christina Peters

Das Internet schlägt um sich, das Moderieren wird immer riskanter – allen voran die ARD-Frontfrau Jessy Wellmer geht bei Olympia 2021 in Tokio auf Nummer sicher.

Tokio. - Axel Balkausky ist der Kragen geplatzt. „So geht es nicht weiter!“, schäumte der ARD-Sportkoordinator. Am liebsten würde er die schamlosen Rotzlöffel und Rufmörder in den Diskussionsforen des asozialen Netzes in Handschellen abführen lassen.

 

Um Jessy Wellmer geht es. Die ARD-Moderatorin im Olympiastudio in Tokio ist ins Visier der Rabauken geraten, hämisch wird sie beleidigt und als Blondinenwitz auf zwei Beinen beschimpft. Bei der Fußball-EM hatte es angefangen, spätestens nach dem deutschen Aus, als sie Jogi Löw nach dem 0:2 in Wembley vollends mit der Frage erschlug: „Ende gut, alles gut?“ Dem Bundestrainer fiel dazu noch weniger eine Antwort ein als zuvor im Spiel.

Fast ein Traumjob

Eigentlich war Moderator einmal ein Traumjob. „Eigentlich“, sagte der große Hajo Friedrichs in seiner Blütezeit auf der Bühne, „brauchen Moderatoren keine andere Fähigkeit als die, möglichst vielen Menschen sympathisch zu sein.“ Das war vor ungefähr 30 Jahren, das Internet fing gerade erst an, und niemand ahnte, was ein Shitstorm ist. Der Sympathiewert eines Moderators wurde vom Applaus im Studio abgelesen, und der war immer donnernd, denn das Publikum war glücklich, dabeisein zu dürfen. Ansonsten erschien noch gelegentlich irgendwo ein Leserbrief, der aber keinen juckte.

Ein Moderator durfte also damals noch ungeniert zur Sache gehen, fragen Sie Rudi Cerne. Das heißt, man kann den ZDF-Mann im Moment nicht befragen, denn auch er ist in Tokio, erinnern wir also geschwind von hier aus an seinen mutigen Abend. Damals moderierte er neben seiner Ganovenjagd in „Aktenzeichen XY“ auch noch das „Sportstudio“ und hatte anlässlich der Münchner Stadion- und Schmiergeldaffäre den 1860-Boss Karl-Heinz Wildmoser zu Gast. Der war gerade aus der U-Haft entlassen worden, und Cerne konfrontierte ihn auf dem Höhepunkt des Interviews mit dem Wunsch, man werde sich „beim nächsten Mal hoffentlich nicht in ,Aktenzeichen XY’ wiedertreffen“. Wildmoser schenkte ihm dafür einen Blick, der normalerweise einen Ochsen tötet.

Als es noch keine Shitstorms gab

Cerne hat, weil es noch keinen Shitstorm gab, seinen Mutanfall überlebt. Jetzt interviewt er in Tokio Olympiasieger wie Flora Duffy, die im Triathlon das erste Gold für Bermuda gewonnen hat, und sie haben über Gott, die Welt und über Michael Douglas geplaudert, dessen Mutter von der Karibikinsel stammt und der ihr ein Glückwünschvideo geschickt hat: „Congratulations to Flora and Bermuda! On we go!”

Rudi Cerne ist wie immer gut, souverän und sattelfest, aber einen Schlenker wie den gegen Wildmoser würde er heute weglassen. Denn Millionen von Meinungsstarken lauern im Internet auf jedes halbwegs fressbare Wort eines Moderators wie Rottweiler, denen man einen Klumpen rohes Fleisch in den Zwinger wirft.

„Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt Carsten Sostmeier. Der ARD-Reitsportkommentator wird als „Pferde-Poet“ gefeiert, beim Gold-Ritt von Jessica von Bredow-Werndl anlässlich der Dressur in Tokio verriet er im Tonfall eines schmachtenden Liebhabers: „Wie gerne würde ich doch einmal Dalera oder auch ihre Reiterin zum Tanz auffordern“. Als sensibler „Pferdeflüsterer“ gilt Sostmeier, dabei war er früher gerne ein Grobmeier, mit dem der Gaul durchging – wie anno 2016 in Rio, als er sich die Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski wegen Halbherzigkeit als „Angsthase“ mit einem „braunen Strich in der Hose“ vorknöpfte. Zum besseren Verständnis ließ er auch noch das vernichtende Argument „Blondine“ fallen.

Die Worte wägen

Jedes Wort kann eines zu viel sein. Neulich verwickelte Jessy Wellmer die aus dem Katastrophengebiet Ahrweiler stammende Gold-Kanutin Ricarda Funk derart ins Gespräch, dass ein empörter „Sven“ auf Twitter prompt fauchte: „Hat Jessy Wellmer gerade wirklich gesagt, dass dieses Gold Trost für die Menschen in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist?????“ So oder ähnlich litt sie schon bei der EM, als sie mit ihrem Experten Bastian Schweinsteiger einmal ausmachte, dass er sie im Fall eines bestimmten Spielstands im Huckepack durchs Stadion trägt, oder bei der unvergesslichen Frage: „Steht Italien schon mit einer halben Pizza im Achtelfinale?“

Wortwitz oder Entgleisung? Das Internet schlägt auf jeden Fall um sich, das Moderieren wird immer riskanter. Auch Katrin Müller-Hohenstein, die als ZDF-Frau in Tokio weilt, beißt sich im Zweifelsfall zusehends auf die Zunge. Vor ein paar Jahren hätte sie sich nach einem Tor von Miro Klose im politisch nicht ganz korrekten Redeschwall („Das muss für ihn ein innerer Reichsparteitag sein!“) um ein Haar in Teufels Küche geplappert. Seither dreht sie jedes waghalsige Wort zweimal im Mund rum, bevor sie es ausspricht.

Mit ironischem Unterton

Strategisch ähnlich verhält sich die Allzweckwaffe Alexander Bommes, der nicht nur ein erfolgreicher ARD-Quizmaster („Gefragt – Gejagt!“) ist, sondern jetzt auch Moderator in Tokio. Bommes gilt als Meister des ironischen Untertons: Oft schmunzelt er geheimnisvoll in die Kamera wie einer, der eine tollkühne Frage auf den Lippen hat – sie dann aber sicherheitshalber für sich behält.

Es sind in aller Regel konfliktfreie Moderationen, die uns aus Tokio übertragen werden, was natürlich auch daran liegt, dass meistens frischgebackene Sieger in den Studios sitzen. Die härteste Frage wird gleich zur Begrüßung gestellt („Wie fühlt man sich als Olympiasieger?“), und abgerundet wird das reizende Gespräch am Ende mit dem Dank: „Toll, dass Sie da waren, feiern Sie heute Abend noch mit ein, zwei Gläschen.“

Es geht weitgehend vorhersehbar zu. Nur selten ist zu befürchten, dass etwas Verrücktes passiert und ein Moderator womöglich einen Schimpansen mitbringt wie einst Dieter Kürten, als er im „Sportstudio“ den legendären Schwimm-Olympiasieger und Hollywood-Helden Jonny („Tarzan“) Weissmüller interviewte. Das Gespräch schlug Wellen – nicht wegen der Fragen, sondern wegen des rotzfrechen Schimpansen, der Jonnys Frau plötzlich die Perücke vom Kopf riss. An harte Interviews von Kürten erinnert man sich eher mühsam, dafür aber an diesen Affen.

Ein Shitstorm ist nicht das, was man unbedingt haben muss, also suchen sich kluge Moderatoren ihre Gäste gut aus. Auch Jessy Wellmer geht zusehends auf Nummer sicher und verzichtet auf so manchen Wortwitz – auf jeden Fall hat sie kein bisschen falsch gemacht, als sie uns dieser Tage aus ihrem ARD-Glasstudio in der Tokio Bay mitteilte: „Die Sonne geht hier in Kürze unter.“

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