Oskar Becks Kolumne Wie feige muss man gegen die Bayern sein?

Alexander Zorniger: bloß  nicht  volle Kraft voraus in München Foto: AP
Alexander Zorniger: bloß nicht volle Kraft voraus in München Foto: AP

VfB-Trainer Alexander Zorniger mag attraktiven Fußball - sollte diesmal aber noch schnell mit Armin Veh telefonieren. Der Frankfurter Trainer weiß schließlich, wie man die Bayern aus dem Konzept bringt.

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Stuttgart - Das Südderby wirft seine Schatten voraus. Der VfB-Trainer hat sich sogar zu der kühnen Drohung hinreißen lassen: „Wir wollen den Bayern wehtun.“

Dieser Satz reicht normalerweise für die Tapferkeitsbrosche in Gold, aber von niederträchtigen Bruddlern wird er Alexander Zorniger ausgelegt als das Pfeifen im Wald und als höchste denkbare Stufe auf der nach oben offenen Richterskala des Zitterns und Zähneklapperns – viele fühlen sich sogar erinnert an die Geschichte vom mutigen Schwaben, dessen Frau mitten in der Nacht das Splittern einer Fensterscheibe hört. „Eugen, do isch was!“, stupft sie ihn durch die Bettdecke. „Gang du“, sagt darauf der Mutige, „i vergess mi in solche Fäll’ immer so schnell.“

Ähnlich bedrohlich klingt auch Zorniger: In der Haut der Bayern möchte keiner stecken, denn die Stirn will er ihnen bieten und die Sepplhosen ausziehen, kurz: weh tun.

Wie das geht?

In der Ära des Handys ist das ein Kinderspiel, man ruft als VfB-Trainer beispielsweise einfach geschwind einen Vorgänger an, am besten den letzten VfB-Meistertrainer. Auch Armin Veh war schließlich oft genug in dieser prekären Lage – keine ruhige Minute hatte er vor Bayern-Spielen, schlotternd hat er abends unters Bett geschaut und nachts im Angstschweiß gebadet. Veh hat die Bayern so oft am eigenen Leib verspürt, dass er inzwischen weiß, was zu tun ist – und falls ihn Zorniger über die Erste-Hilfe-Taste jetzt tatsächlich noch schnell anruft, braucht man bezüglich Vehs Antwort nicht viel Fantasie.

„Pass auf, Alex“, wird er sagen, „du machst hinten dicht, betest 90 Minuten das Vaterunser – und vorne hilft der liebe Gott.“ Zumindest steht dann die Null.

Wenn Fußballer nicht zweistellig verlieren wollen

Die Bayernstars können jetzt noch nicht fassen, was ihnen letzte Woche gegen Vehs Frankfurter widerfahren ist und mit welch abscheulichen Mitteln es den armen Säcken der Eintracht gelang, ihre entsetzliche Angst und Unterlegenheit zu bekämpfen. „Ich dachte immer, defensiver als defensiv geht nicht“, staunte Philipp Lahm, und der Chilene Arturo Vidal ging mit der Kompetenz des amtierenden Südamerikameisters sogar noch weiter: „Das ist kein Fußball mehr.“ Aber selbst dieses verbliebene Stück Restfußball hat immerhin noch gezeigt, wozu Fußballer fähig sind, die nicht zweistellig verlieren wollen. Die Bayern und viele Ästheten rümpfen jetzt die Nase und fürchten, dass dieser Maurerfußball übergreift auf die vielen anderen Habenichtse im Elendsviertel der Bundesliga und gegen die Münchner fortan alle wie diese Frankfurter Würstchen hinten dicht machen, wenn sie die Hose voll haben.

Eigentlich will das keiner. Gerade Veh will eigentlich einen ganz anderen Fußball spielen, vor der Saison hat er in ein Interview das mitreißende Bekenntnis gepackt: „Nur defensiv zu spielen wäre mir ein Gräuel.“ Aber dann kommen plötzlich die Bayern mit ihren Kanonen – und widerwillig, aber gezwungenermaßen zieht Veh für seine Pflegefälle an der Mittellinie einen Stolperdraht auf und holt jeden mit dem Lasso zurück, der öfter als einmal pro Viertelstunde die eigenen Verteidigungslinien verlässt und nach vorne ausbricht. Grundsätzlich ist Veh ein moderner Mensch, er lässt nach dem letzten Schrei spielen und ist auch so gekleidet. Mit den mutigsten Kreationen überzeugt er vor der Trainerbank, seine waghalsig ausgeschnittenen T-Shirts ergänzt er zuweilen mit raffiniert verzierten Jeans im Shabby-Chic-Stil, und jetzt im Herbst sind in seine Mäntel sogar gelegentlich Musikinstrumente eingewebt. Als Trainer vom Laufsteg würde er also am liebsten Designerfußball spielen – doch die Bayern zwingen ihn zu schmucklosem Barrikadenfußball.

Zorniger hat es an der Stelle leichter. Der VfB-Trainer trägt keinen feinen Zwirn, sondern eine Trainingsjacke mit Reißverschluss und Schlabberhose – mit dieser rustikalen Allzweckkombination ist man gegen Katastrophen gewappnet, man kann damit bei Hochwasser den Keller leerpumpen und Sandsäcke schleppen, aber genausogut gegen die Bayern Dämme bauen und Barrikaden errichten.

Geschlossener Rückzug statt kühner Angriff

Die Bundesliga ist keine Bühne mehr für Helden. Die Bayern ballern inzwischen mit Kanonen auf Spatzen, und bevor sich der Rest der Liga abknallen lässt, zerstört er immer öfter das Spiel und plädiert auf Notwehr im Rahmen des Notstands – ein solcher, lehrt uns das Strafgesetzbuch, ist ein Rechtfertigungsgrund, der die Rechtswidrigkeit einer tatbestandsmäßigen Handlung aufhebt. Schämen? Das war früher. Schämen musste sich noch Helenio Herrera, der in den 60ern bei Inter Mailand den Catenaccio erfand und ein paar der besten Spieler der Welt zu Minimalisten seines Fußballs umerzog.

Aber darf man auf Mannschaften schimpfen, die der Selbsterhaltungstrieb dazu bringt, dem kühnen Angriff einen geschlossenen Rückzug vorziehen – also beispielsweise auf Gordon Strachan, der neulich als schottischer Nationaltrainer gegen unsere Weltmeister die Schotten dicht machte? „Warum hast Du nicht angreifen lassen?“, wollte hinterher ein Nörgler wissen. „Frag die Brasilianer“, antwortete Strachan – ganz offensichtlich hielt er deren 1:7 von Belo Horizonte nicht für nachahmenswert.

Die Rache der Geknechteten

Hinten dicht, das ist die Notwehr der Wehrlosen, und wenn ein Nullnull herausspringt wie letzte Woche für Vehs Frankfurter, ist dieses Konzept zu gut, um nicht geklaut zu werden von Plagiatoren. Hinten dicht, das ist auch die Rache der Entrechteten und Geknechteten, denn die Geldschere zwischen Arm und Reich ist so weit aufgegangen, dass den Hageren gegen die Gestopften nur noch die billige Genugtuung bleibt, sie mit destruktiver Doppeldeckung in die Weißglut zu treiben.

„Weh tun“ will Zorniger den Bayern.

Aber bitte hinten. Nicht vorne, nicht diesmal, der ganze VfB fleht den Trainer an. Zehntausende von Schwaben haben angeblich diese Woche auf der Königstraße ihre Unterschrift unter eine Bittschrift gesetzt, die Alexander Zorniger davon abhalten soll, auch gegen die Bayern mit seinem frühem Vollpressing an der Mittellinie aufzuwarten, um ihnen anschließend mit halsbrecherischen Offensivattacken weh zu tun – der flammende Appell der besorgten VfB-Schwaben stand unter dem alten Landsermotto: „Lieber fünf Minuten feige als ein Leben lang tot.“ In besonders gefährlichen Fällen darf man sogar neunzig Minuten lang feige sein.




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