Oskar Schlemmer in der Staatsgalerie Stuttgart Der neue Mensch ist geometrisiert

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Am Freitag eröffnet in der Staatsgalerie Stuttgart die umfassende Ausstellung „Visionen einer neuen Welt“ des 1888 in Stuttgart geborenen Künstlers Oskar Schlemmer.

Eines seiner bekanntesten Werke: Oskar Schlemmer, Bauhaustreppe, 1932 Öl auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Philip Johnson. Foto:   2014 Digital Image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, Florence 17 Bilder
Eines seiner bekanntesten Werke: Oskar Schlemmer, Bauhaustreppe, 1932 Öl auf Leinwand, The Museum of Modern Art, New York, Schenkung Philip Johnson. Foto: 2014 Digital Image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, Florence

Stuttgart - Er hat sich eigens an die Schreibmaschine gesetzt. „Als deutscher Mensch und Künstler“, schreibt Oskar Schlemmer, „protestiere ich mit aller Entschiedenheit gegen die Verdächtigung, ein Jude zu sein.“ Mehr noch: seine christlich-protestantische Herkunft sei „bis zum „dreißigjährigen Krieg makellos nachgewiesen“.

Oskar Schlemmer hat viele Briefe geschrieben, weil er nicht fassen konnte, dass seine Kunst als „entartet“ diffamiert wurde. Er, der berühmte Bauhaus-Meister wurde eines der ersten Opfer der nationalsozialistischen Politik, verlor seine Professur, einige Werke wurden zerstört. Dabei war er felsenfest davon überzeugt, im neuen Staat eine wichtige Rolle spielen zu können. Deshalb schrieb er auch Joseph Goebbels, dass seine Kunst der nationalsozialistischen Kulturpolitik entspreche.

In einem Kabinett der Staatsgalerie Stuttgart kann man nun einige dieser verzweifelten Briefe nachlesen – in der Ausstellung „Oskar Schlemmer. Visionen einer neuen Welt“. Fast vierzig Jahre war Schlemmers Werk nicht mehr in dieser Größenordnung zu sehen, weil seine Tochter Ute-Jaina und ihr Sohn Raman Schlemmer rigide die Rechte am Werk verwalteten, Schenkungen anfochten und Leihgaben versuchten einzubehalten. Deshalb ist die Große Landesausstellung für die Kunstwelt eine Wiederentdeckung – selbst wenn man über manch unschönes Detail stolpern mag wie Schlemmers blindes Bekenntnis zum Deutschtum.

Auch die „Bauhaustreppe“ aus New York ist zu sehen

Aber er war eben ein Visionär. Wie viele Künstler seiner Generation glaubte er, dass die Kunst einen neuen Menschen, eine humanere Welt hervorbringen könne. Deshalb spielt die Kuratorin Ina Conzen gleich zu Beginn ihren größten Trumpf aus und eröffnet die Ausstellung mit der legendären „Bauhaustreppe“ von 1932. Das kunsthistorisch bedeutsame Gemälde aus dem MoMA in New York steht paradigmatisch für die Moderne und das Bauhaus-Ideal. Die Figuren, die die Treppe im Dessauer Bauhaus erklimmen, drängt es nach oben – einer Vision entgegen. Schlemmer macht aus den Studenten regelrechte Geistwesen, androgyne Lichtgestalten.

Die Ausstellung in der Staatsgalerie ist mit rund 270 Exponaten sehr umfangreich geraten. Die Kuratorin Ina Conzen arbeitet sich sorgfältig durch das Werk und zeichnet auf grauen Wänden ohne jede Inszenierung, chronologisch und nüchtern Schlemmers Entwicklung nach. Er wurde 1888 in Stuttgart geboren und studierte bei Adolf Hölzel an der Stuttgarter Akademie. Schlemmer findet seine Motive zunächst in der Stadt und malt zum Beispiel eine Gärtnerei auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Zwei brauntonige Selbstporträts aus den Jahren 1912 und 1913 zeigen ihn als ernsten jungen Mann, abweisend und mit energischem Mund.

Schlemmer wird vom Kubismus beeinflusst – und die Ausstellung zeigt schön, wie er die Zerlegung der Fläche in hölzerne Reliefs zu übersetzen versucht. 1922 entwirft er eine lustige, bunte Gliederpuppe, die das vereint, was ihn zeitlebens beschäftigt: die Figur, die wie eine Marionette im Raum bewegt wird. Fast sämtliche Werke der Ausstellung variieren die Geometrisierung der Figur. Denn für Schlemmer ist der Mensch das Maß aller Dinge – ganz konkret. Er interessiert sich nicht für das Individuum mit psychischen Abgründe und Nöten, sondern sein neuer Mensch ist geometrisch abstrahiert.