Am Freitag eröffnet in der Staatsgalerie Stuttgart die umfassende Ausstellung „Visionen einer neuen Welt“ des 1888 in Stuttgart geborenen Künstlers Oskar Schlemmer.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Er hat sich eigens an die Schreibmaschine gesetzt. „Als deutscher Mensch und Künstler“, schreibt Oskar Schlemmer, „protestiere ich mit aller Entschiedenheit gegen die Verdächtigung, ein Jude zu sein.“ Mehr noch: seine christlich-protestantische Herkunft sei „bis zum „dreißigjährigen Krieg makellos nachgewiesen“.

Oskar Schlemmer hat viele Briefe geschrieben, weil er nicht fassen konnte, dass seine Kunst als „entartet“ diffamiert wurde. Er, der berühmte Bauhaus-Meister wurde eines der ersten Opfer der nationalsozialistischen Politik, verlor seine Professur, einige Werke wurden zerstört. Dabei war er felsenfest davon überzeugt, im neuen Staat eine wichtige Rolle spielen zu können. Deshalb schrieb er auch Joseph Goebbels, dass seine Kunst der nationalsozialistischen Kulturpolitik entspreche.

In einem Kabinett der Staatsgalerie Stuttgart kann man nun einige dieser verzweifelten Briefe nachlesen – in der Ausstellung „Oskar Schlemmer. Visionen einer neuen Welt“. Fast vierzig Jahre war Schlemmers Werk nicht mehr in dieser Größenordnung zu sehen, weil seine Tochter Ute-Jaina und ihr Sohn Raman Schlemmer rigide die Rechte am Werk verwalteten, Schenkungen anfochten und Leihgaben versuchten einzubehalten. Deshalb ist die Große Landesausstellung für die Kunstwelt eine Wiederentdeckung – selbst wenn man über manch unschönes Detail stolpern mag wie Schlemmers blindes Bekenntnis zum Deutschtum.

Auch die „Bauhaustreppe“ aus New York ist zu sehen

Aber er war eben ein Visionär. Wie viele Künstler seiner Generation glaubte er, dass die Kunst einen neuen Menschen, eine humanere Welt hervorbringen könne. Deshalb spielt die Kuratorin Ina Conzen gleich zu Beginn ihren größten Trumpf aus und eröffnet die Ausstellung mit der legendären „Bauhaustreppe“ von 1932. Das kunsthistorisch bedeutsame Gemälde aus dem MoMA in New York steht paradigmatisch für die Moderne und das Bauhaus-Ideal. Die Figuren, die die Treppe im Dessauer Bauhaus erklimmen, drängt es nach oben – einer Vision entgegen. Schlemmer macht aus den Studenten regelrechte Geistwesen, androgyne Lichtgestalten.

Die Ausstellung in der Staatsgalerie ist mit rund 270 Exponaten sehr umfangreich geraten. Die Kuratorin Ina Conzen arbeitet sich sorgfältig durch das Werk und zeichnet auf grauen Wänden ohne jede Inszenierung, chronologisch und nüchtern Schlemmers Entwicklung nach. Er wurde 1888 in Stuttgart geboren und studierte bei Adolf Hölzel an der Stuttgarter Akademie. Schlemmer findet seine Motive zunächst in der Stadt und malt zum Beispiel eine Gärtnerei auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Zwei brauntonige Selbstporträts aus den Jahren 1912 und 1913 zeigen ihn als ernsten jungen Mann, abweisend und mit energischem Mund.

Schlemmer wird vom Kubismus beeinflusst – und die Ausstellung zeigt schön, wie er die Zerlegung der Fläche in hölzerne Reliefs zu übersetzen versucht. 1922 entwirft er eine lustige, bunte Gliederpuppe, die das vereint, was ihn zeitlebens beschäftigt: die Figur, die wie eine Marionette im Raum bewegt wird. Fast sämtliche Werke der Ausstellung variieren die Geometrisierung der Figur. Denn für Schlemmer ist der Mensch das Maß aller Dinge – ganz konkret. Er interessiert sich nicht für das Individuum mit psychischen Abgründe und Nöten, sondern sein neuer Mensch ist geometrisch abstrahiert.

Der schematisierte Mensch spiegelt die kosmische Ordnung

Ob es das „Triadische Ballett“ ist, bei dem die Tänzer Kostüme aus Holz, Draht oder Aluminiumfolie tragen, oder ob es die Entwürfe zum Folkwang-Zyklus sind, die im Obergeschoss gezeigt werden – Schlemmer geht es stets um eine schematisierte Darstellung der menschlichen Gestalt im Raum, die für ihn die mystische Einheit von Mensch und Kosmos spiegelt. „Homo“ nennt er die Figur, die keine knirschenden Knochen besitzt, sondern deren Gelenke durch Umlenkrollen ersetzt wurden, über die Schnüre laufen.

Wenige historische Fotos geben auch Einblicke in Schlemmers Leben: hier die Wohnung in der Senefelderstraße in Stuttgart, dort Fotos, die ihn als Clown zeigen. Aber gern würde man mehr erfahren von der Familie oder dem Alltag am Bauhaus in Weimar und Dessau, an dem sich die Visionen einer neuen Welt mitunter in handfesten Aktivitäten niederschlugen. Hier organisierte Schlemmer, weil er auch Theatermann war, legendäre Feste – wie das „Schlagwörterfest“ oder das „Bart-Nasen-Herzensfest“.

Körper bewegen sich wie Automaten

Dafür entdeckt man in der Ausstellung auch Beiläufiges – etwa eine originelle Zeichnung von 1922: eine schnell gekritzelte Puppenstube mit Esszimmer, Bad, Schlafzimmer und Sofa in der Wohnstube. „Bitte drücken“ steht wiederum auf dem „Figuralen Kabinett“, auf dem Körper wie Automaten bewegt werden. Anfang der Dreißigerjahre werden die Figurendarstellungen plötzlich sinnlicher, freier, man könnte fast sagen: menschlicher – als sei Schlemmer nun selbst der rigiden Schematisierung überdrüssig.

Wer weiß, wohin sich Oskar Schlemmer noch entwickelt hätte, hätten die Nationalsozialisten ihn nicht ins Abseits gedrängt. Seine Bittbriefe an Goebbels blieben ohne Wirkung. Die letzte Phase seines Werkes – er stirbt 1943 – lässt ahnen, dass ihm das Ende seiner Karriere nicht nur den Lebensmut genommen hat, sondern auch den Glauben an den neuen Menschen. 1942 malt er Männer, die den Stuttgarter Gaskessel tarnen. Nur zaghaft klingt das alte geometrische Ideal noch an. Schlemmer ist wieder im Realismus angekommen – und die Zeit der großen Visionen für ihn endgültig vorbei.

Informationen und Programm zur Schau

Termine Die Ausstellung läuft bis 6. April 2015 und ist täglich außer montags von10 bis 18 Uhr geöffnet und am Donnerstagvon 10 bis 20 Uhr. Karten können auch online gekauft werden unter www.staatsgalerie.de.

Katalog Der Katalog ist im Hirmer Verlagerschienen und kostet im Museum 29,90 Euro und im Buchhandel 49,90 Euro.

Führungen Es findet jeden Tag um 15 Uhr eine öffentliche Führung statt und an Donnerstagen zusätzlich um 18.30 Uhr. Am 14. Dezember und 15. Februar 2015 wird um 12 Uhr eine Sonderführung angeboten – unter anderem mit dem Schauspieler Elmar Roloff. Außerdem gibt es Themenführungen und im nächsten Jahr an Dienstagen auch Kurzführungenzur Mittagszeit. Es sind auch drei Führungen angesetzt in Englisch, Russisch und Türkisch.

Kinder Begleitend zur Ausstellung ist das Kinderbuch „Tribal tanzt in der Welt von Oskar Schlemmer“ zu 9,90 Euro erschienen, das im Museumsshop verkauft wird. Außerdem gibt es Kinderpraxisführungen.

Jugendliche Unter dem Titel „Young & Art“ werden von Januar an an DonnerstagenFührungen für junge Erwachsene angeboten.

Tanz In der kommenden Woche gastiert das Bayerische Staatsballett München in der Staatsgalerie Stuttgart mit der Rekonstruktion des „Triadischen Balletts“. Die Karten sind aber bereits ausverkauft.