Osmanen-Prozess in Stuttgart Anwärter müssen sich selbst ins Bein stechen

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Der Osmanen-Prozess in Stuttgart zeigt, wie leicht junge Türken in die Fänge der Organisation geraten können. Beim Einstieg werden Mutproben verlangt – und wer raus will, muss zahlen und Schläge erdulden.

Die Polizei sichert den Osmanen-Prozess mit einem großen Aufgebot ab. Foto: Kovalenko
Die Polizei sichert den Osmanen-Prozess mit einem großen Aufgebot ab. Foto: Kovalenko

Stuttgart - Er sei nur auf der Suche nach einem neuen Boxclub gewesen. Doch dann habe er sich in einem Strudel aus Gewalt, Demütigung und Erpressung wiedergefunden. In einer Gaststätte habe er ein stundenlanges Martyrium aus Schlägen, Beleidigungen, Todesdrohungen und Erniedrigungen erlitten – am Ende sei er gar gezwungen worden, auf eine Fahne der kurdischen Terrorgruppe PKK zu urinieren. So schildert es der 19-Jährige vor dem Oberlandesgericht.

Es ist der dritte Tag des bundesweit beachteten Prozesses, bei dem die Führungsriege der Osmanen Germania BC auf der Anklagebank sitzt. Im Zuschauerraum des Saals in der Justizvollzugsanstalt Stammheim zeigen sich auch die mutmaßlichen Stellvertreter der inhaftierten Chefs Mehmet Bagci und Selcuk Sahin. Die Polizei setzt weiter auf massive Präsenz und strenge Kontrollen, auch ein Sondereinsatzkommando ist zur Absicherung im Einsatz.

Der 19-jährige Cem S. lässt sich von den aufmarschierten Türkenrockern nicht einschüchtern und erzählt im Zeugenstand seine Geschichte. Sie gewährt Einblicke in die hierarchischen Strukturen der Osmanen-Bande und zeigt die bedingungslose Gefolgschaft, die sie auszeichnet.

Die Anwärter mussten sich ein Messer ins Bein stecken

Cem S. berichtet, er sei Ende 2016 von einem Freund des Stuttgarter Osmanen-Präsidenten Levent Uzundal angesprochen worden. „Er wollte einen Boxclub aufmachen, wir sollten dabei sein“, erzählt er. Nichts ahnend sei er mit zwei Kumpels zu einem Treffen in einer Gaststätte in Altbach (Kreis Esslingen) gegangen.

Doch schon nach kurzer Zeit traute er seinen Augen kaum. „Ein Mitglied erklärte, er wolle aus dem Club aussteigen“, berichtet er von dem Treffen, „denn seine Mutter habe Angst um ihn.“ Daraufhin soll der sogenannte Waffenmeister der Stuttgarter Osmanen den Abtrünnigen mit Fäusten auf den Kopf geschlagen und das am Boden liegende Opfer ins Gesicht getreten haben. „Dann hat er sein Messer gezogen und wollte ihm ein Ohr abschneiden“, erzählt der junge Mann. Erst auf Befehl von Uzundal habe er davon abgesehen. Als „Mutprobe“ mussten die drei Interessenten sich dann selbst mit einem Messer in den Oberschenkel stechen.

„Wir haben uns sofort gesagt: Wir müssen hier raus“, erinnert sich der 19-Jährige. Doch es war zu spät – immer wieder wurden sie zu Clubaktivitäten, etwa als Ordner bei einer Versammlung in einer Stuttgarter Shisha-Bar verpflichtet. Als sie doch aussteigen wollten, wurden das Trio für den 29. Januar 2017 ins Hotel Krone in Dettingen/Erms (Kreis Reutlingen) geladen.

Drohung gegen Aussteiger: Wir zerfleischen dich im Wald

Diese Versammlung ist auf Überwachungskameras dokumentiert, die Aufnahmen werden vor Gericht gezeigt. Der Ablauf erinnert an andere Berichte von Osmanen-Versammlungen: Muskulöse Männer in Bomberjacken und Trainingsanzügen füllen den gefliesten Nebenraum der Gaststätte, es wird viel geraucht, die Anhänger umarmen sich zur Begrüßung. Handys werden eingesammelt, die Türen und Fenster verriegelt und Wachen postiert. Die drei Aussteiger, die eigentlich gar keine Mitglieder sind, werden aufgefordert, sich neben einer Dartspielanlage vor einem Spiegel aufzustellen.

„Wir wurden beleidigt und angebrüllt“, erzählt der 19-jährige Cem S. Doch dabei bleibt es nicht, wie Aufnahmen zeigen: Plötzlich gehen mehrere Osmanen-Anhänger auf die drei Wehrlosen los, schlagen ihnen mit Fäusten ins Gesicht, knallen ihre Köpfe gegen das Knie und treten auf sie ein. Waffen werden drohend vorgezeigt. Einer der drei Geschädigten leidet an einer Blutgerinnungsstörung und fängt stark an zu bluten. „Den haben sie am meisten geschlagen“, erzählt der 19-jährige Zeuge.

Aus seinen Schilderungen entsteht ein klares Bild: Das Kommando hätten die Anführer gegeben – wie der Vizepräsident Mustafa K., der sich in die Türkei abgesetzt haben soll. Über Stunden werden die drei jungen Männer malträtiert. „Immer wieder fragte einer: Darf ich mit ihnen in den Wald und sie zerfleischen?“, so der Zeuge. Es sei auch gedroht worden, dass ihre Mütter und Schwestern vergewaltigt würden. Dann sei ein Eimer und eine PKK-Fahne gebracht worden. „Wir sollten auf die Fahne urinieren oder zumindest darauf erbrechen.“ Schließlich hätten sie 500 Euro Austrittsgebühr zahlen müssen.

Der 19-Jährige berichtet, dass er lange Zeit Angstzustände gehabt habe und sich nicht mehr auf die Straße wagte. Doch seit er in einem anderen Osmanen-Prozess ausgesagt hat, fühlt sich Cem S. wieder besser: „Die Angst hat jetzt endlich aufgehört.“