Der große Prozess gegen die Führungsriege des türkischen Rockerclubs Osmanen Germania in Stuttgart gibt Einblicke in den Cluballtag. Aussteiger berichten von Demütigungen, Gewalt und Todesdrohungen.

Stuttgart - Einmal mehr gleicht die Justizvollzugsanstalt in Stammheim einer Festung: Polizeifahrzeuge riegeln alles ab, diesmal ist sogar ein Sondereinsatzkommando vor Ort. Der dritte Tag des Prozesses gegen die Führungsriege des nationaltürkischen Boxclubs Osmanen Germania birgt erneut große Brisanz. Denn an diesem Tag sagt ein Aussteiger gegen wichtige Mitglieder aus, darunter den Stuttgarter Clubpräsidenten Levent Uzundal. Alle Zuschauer werden wie an den anderen Tagen durchsucht, Hunderte von Beamten sind im Einsatz. Eine Gruppe von Anhängern der inhaftierten Osmanen-Anführer Mehmet Bagci und Selcuk Sahin hat sich im Zuschauerraum eingefunden.

 

Die acht Angeklagte und deren 16 Verteidiger werden wie immer unter großem Aufwand in den Gerichtssaal geführt. Der Prozess beginnt diesmal ohne juristische Spielstrichfechtereien, der Richter Joachim Holzhausen weist einen früheren Antrag des Verteidigers Julian Hess zurück, den Prozess wegen angeblicher Fehler der Staatsanwaltschaft auszusetzen.

Einem Aussteiger soll das Ohr abgeschnitten werden

Hochspannung herrscht, als der erste Zeuge aussagt. Der 19-jährige Cem S. erzählt, wie er eher per Zufall in die Fänge des Boxclubs gekommen ist, der in Baden-Württemberg gut 200 Mitglieder zu den Hochzeiten gehabt haben soll. „Ich war auf der Suche nach einem neuen Boxclub, nachdem mein langjähriger Trainer gestorben ist“, berichtet er. In einer Disco habe er dann Levent Uzundal getroffen, der ihn zu einem Treffen eingeladen habe.

Doch die Versammlung in Altbach (Kreis Esslingen) im Januar 2017 nahm einen anderen Verlauf als gedacht. „Zunächst haben wir was getrunken und über die Gründung eines Boxclubs gesprochen“, berichtet Cem S. Doch dann sei ein Aussteiger brutal geschlagen und malträtiert worden – sogar ein Ohr sollte ihm abgeschnitten werden. Cem S. wollte aussteigen – und wurde zum Abschied zu einer weiteren Versammlung in Dettingen (Kreis Reutlingen) am 29. Januar 2017 eingeladen.

Doch dort seien er und zwei Kumpels selbst Ziel von Gewalt geworden: Tritte, Beleidigungen, Schläge, Todesdrohungen – am Ende seien sie gezwungen worden, auf eine Fahne der kurdischen Terrorgruppe PKK zu urinieren oder zu erbrechen. „Wir hatten Angst um unser Leben und um das unserer Familien“, erzählt der 19-Jährige. Schließlich mussten sie noch 500 Euro Austrittsgebühr zahlen.

Der Prozess geht bis Januar 2019

Die beiden Versammlungen sind zwei wichtige Bausteine der Anklage von Staatsanwalt Michael Wahl. Der Prozess wird am Montag fortgesetzt, dann sollen die beiden anderen Opfer der Abstrafungsaktion aussagen sowie ein Sachverständiger. Weitere wichtige Fälle sind eine Schlägerei von 30 Osmanen gegen zwei Kurden in Ludwigsburg und eine noch brutalere Abstrafungsaktion in Herrenberg (Kreis Böblingen), bei dem ein abtrünniges Mitglied tagelang gefoltert und fast umgebracht worden sein soll, so die Anklage. Der Mammutprozess wird voraussichtlich bis Januar 2019 gehen.