Ostermarsch in Stuttgart Nazi-Tochter kämpft seit 50 Jahren für Frieden

Sigrid Altherr-König demonstrierte schon als Jugendliche gegen den Vietnamkrieg. Auch Norbert Heckl ist seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Protest gegen Krieg: Am Samstag ist in Stuttgart Ostermarsch. Mit dabei ist auch Sigrid Altherr-König, Tochter von Nazi-Eltern. Sie engagiert sich seit ihrer Jugend für Frieden.

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Was macht es mit einem, wenn die Eltern Nazis waren? Sigrid Altherr-König hat ihre Mutter und ihren Vater immer wieder gefragt, warum sie sich nicht gewehrt haben gegen das Hitler-Regime, warum sie sogar Funktionen zur Zeit des Nationalsozialismus innehatten. „Die Antwort war Schweigen“, sagt die 72-jährige Esslingerin. Sie selbst schwieg nicht. Sondern nahm sich vor, „alles zu tun für den Frieden und gegen eine Rechtsentwicklung, um zukünftiges Leid zu verhindern“, wie sie sagt. „Ich könnte nicht in den Spiegel schauen, wenn mir meine Kinder die gleichen Fragen stellen würden, die ich meinen Eltern gestellt habe.“

 

Bereits mit 14 Jahren setzte sie sich im Rahmen einer Demo gegen den Vietnamkrieg auf die Straßenbahnschienen in Freiburg, wo sie aufwuchs. Als dann Wasserwerfer kamen, wurde die Frage in ihr lauter, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung sei. Sie begann, sich in der Friedensbewegung zu engagieren.

„Ich habe zwei Kinder, da muss man Verantwortung übernehmen“

Norbert Heckl kam erst etwas später hinzu – und ist trotzdem schon rund 45 Jahre dabei. Er erlebte Anfang der 80er Jahre die großen Demonstrationen gegen Mittelstreckenraketen mit. „Schon da spürte ich den Wunsch in mir, in einer friedlichen und gerechten Welt zu leben.“ Er wurde Betriebsratsvorsitzender in seiner Firma, übernahm Funktionen bei Verdi und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Ich habe zwei Kinder in die Welt gesetzt, inzwischen sogar zwei Enkelkinder – da muss man Verantwortung übernehmen“, sagt der 71-Jährige, der in Stuttgart-Feuerbach lebt.

Sigrid Altherr-König und Norbert Heckl sind zwei der Menschen, die beim Stuttgarter Ostermarsch am Karsamstag, 4. April, mit dabei sein werden. Die Demonstrierenden wollen ein Zeichen setzen gegen die Militarisierung der Gesellschaft, also gegen Aufrüstung und Kriege als Mittel der Politik.

Diplomatie bedeute, auch mit Wladimir Putin zu verhandeln, sagen sie

Nun sind sicherlich die allermeisten Menschen gegen Kriege. Die Friedensbewegung geht in ihren Forderungen aber weiter. Sie stellen sich gegen sämtliche Rüstungsexporte, gegen die hohen Bundesinvestitionen in die Verteidigung, auch gegen eine neue Wehrpflicht. Das Geld solle statt für Aufrüstung lieber für die Bekämpfung des Hungers, der Armut und der Klimakatastrophe investiert werden, fordern sie. Und sie betonen, dass man auch mit „Feinden ins Gespräch kommen und verhandeln muss“ – wie etwa Wladimir Putin. „Russland wäre gesprächsbereit, sofern die Ukraine auf eine Nato-Mitgliedschaft verzichtet“, sagt Heckl.

Beim Ostermarsch 2024 demonstrierten die Teilnehmenden dafür, dass Geld für Rente und Klimaschutz investiert werde statt für Rüstung. Foto: Lichtgut/Zophia Ewska

Die beiden sprechen von „Feindbildpropaganda“ und „Kriegslügen“. So sei es widerlegt, dass Russland die Nato-Staaten bald angreifen werde, sagt Norbert Heckl. Er bezieht sich dabei unter anderem auf eine Rede von Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Oktober 2025, als dieser sagte, dass das Militär der Nato-Staaten dem russischen Militär unendlich überlegen sei („infinetely superior“). Aus ihrer Sicht würden „Bedrohungslügen“ aufgebaut, um Menschen kriegstüchtig zu machen. „Wenn ein neuer Krieg begonnen hat, werden wir oft gefragt, ob man jetzt nicht doch Waffen liefern müsste“, sagt Sigrid Altherr-König. „Aber eigentlich ist es dann zu spät, man muss Konflikte bereits im Entstehen begreifen, die Ursachen heraus finden und dann diplomatisch eingreifen.“

Beim Ostermarsch am Samstag rechnen sie mit hohem Interesse, vergangenes Jahr hatten sie rund 4000 Teilnehmer gezählt. „Früher hat man vor allem grauhaarige Menschen beim Ostermarsch gesehen, doch 2025 hatten wir einen großen Zulauf junger Menschen“, sagt Heckl. Die Jugend sei durch die Debatte um eine neue Wehrpflicht politisiert. Und ganz aktuell hätten durch die „neuen“ Kriege im Libanon und Iran viele Menschen Angst vor einem Dritten Weltkrieg, sagt Altherr-König. In einer Welt multipler Krisen wird die Friedensbewegung wohl nicht so schnell aussterben.

Auch der DGB ruft zur Teilnahme auf

Ablauf
Die Demonstrierenden treffen sich am Karsamstag, 4. April, zunächst vor der US-Kaserne Patch Barracks (EUCOM) an der Katzenbachstraße 207 in Stuttgart-Vaihingen. Anschließend fahren sie in einem Fahrradkorso hinunter in die Innenstadt, wo um „85 Sekunden vor 12 Uhr“ (Stand „Weltuntergangsuhr“) eine Kundgebung am Schlossplatz beginnt. Danach führt der Ostermarsch durch die Stadt bis zur Abschlusskundgebung um 14 Uhr am Schlossplatz. Auf der Bühne spricht unter anderem Maike Schollenberger, Landesbezirksleiterin von Verdi.

Aufruf
Der DGB ruft zur Beteiligung an den diesjährigen Ostermärschen auf, um „ein starkes Signal für die uneingeschränkte Einhaltung des Gewaltverbots zu setzen“. In dem Aufruf heißt es, dass der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften sich zum völkerrechtlichen Gewaltverbot der UN-Charta bekennen. „Sie schafft die Voraussetzungen für eine internationale Staatengemeinschaft, in der die Suche nach friedlichen, diplomatischen Konfliktlösungen oberstes Gebot ist“, heißt es.

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