Osteuropa-Historiker Karl Schlögel „Wir finanzieren Putins Krieg“

Das Grauen eines von Wladimir Putin entfesselten Krieges: eine Szene aus dem zerstörten Charkiw Foto: imago images/ITAR-TASS/Lyaxander via www.imago-images.de

Tut der Westen genug, um die Ukrainer gegen einen brutalen Aggressor zu unter-stützen? Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel meint: nein

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Wie sehr ihn mitnimmt, was gerade passiert, ist Karl Schlögel anzumerken. Mit Putins Angriffskrieg steht für ihn gleich zweifach auf dem Spiel, wofür er ein Leben lang gearbeitet hat: Russland und die Ukraine. Während die Nachrichten eintreffen, wie Städte und Orte, die er gut kennt, zerstört werden, Freunde fliehen müssen und davon bedroht sind, umgebracht zu werden, stehen Fernsehteams bei dem Osteuropaexperten Schlange. Wir haben eine Lücke gefunden für ein Gespräch.

 

Herr Schlögel, der Schock, der gerade alle durchfährt, hat sie bereits vor sieben Jahren erreicht. „Jede Sekunde sind Katastrophen nicht nur denkbar, sondern Wirklichkeit“ – das schrieben Sie 2015, kurz nach der Besetzung des Donbass und der Annexion der Krim. Was hat man in der Zwischenzeit versäumt?

Man war kurz irritiert und hat sich dann wieder dem Business as usual zugewandt, ohne die Signale ernst zu nehmen. Ich habe im Frühjahr 2014 die Erstürmung des Zentrums von Donezk durch sogenannte Separatisten mitbekommen und bei Busfahrten nach Mariupol und Odessa den schleichenden Zerfall und die Ruinierung des Donbass. Da hat etwas angefangen, was jetzt in einem unvorstellbaren Ausmaß weitergeführt wird und dessen Ende wir noch gar nicht kennen. Der Name dafür ist Urbizid – Städtemord.

Auf größtes Verständnis stößt der Diktator Putin in Kreisen, die gerade noch dabei waren, unter einer angeblichen Corona-Diktatur zu ächzen. Aber nicht nur da. Viele Putinversteher verurteilen jetzt zwar den Krieg, den sie bis vor Kurzen kategorisch ausgeschlossen haben, dann folgt jedoch gleich ein „aber die Nato . . .“

Die große Frage ist doch, wie es passieren konnte, dass in der deutschen Öffentlichkeit insbesondere im Raum der wesentlichen Talkshows diese Strömung von Lobbyisten, intensiven Putinfreunden und verständnisinnigen Interpreten über so lange Jahre, die jetzt in den Krieg gemündet sind, die Meinung bestimmt haben. Leute wie Gabriele Krone-Schmalz, die von der Ukraine überhaupt keine Ahnung hat, Sahra Wagenknecht, die eine intelligente Frau ist, aber sich in ukrainisch-russischen Verhältnissen so wenig auskennt wie Gregor Gysi. Warum saßen dort keine Augenzeugen aus der Krim, Odessa, dem Donbass, warum niemand aus der großen Schar intelligenter Journalisten und Analytiker aus Moskau oder Kiew? Dieses Genre ist gründlich an sein Ende gekommen. Und wenn man jetzt immer schon so großartig von Zeitenwende spricht, muss man sagen, dass es hoffentlich auch für diese Art von Talkshow-Zirkus gilt, wo Leute zu Wort kommen, die nicht wissen, wovon sie reden.

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Weiß Putin, was er tut - hat er wirklich geglaubt, in der Ukraine als Befreier empfangen zu werden?

All das, was er sagt über den Verlust des russischen Reiches, der Sowjetunion, steckt tief in ihm drin. Putin ist nie aus der imperialen Mentalität hinausgekommen. Das Fatale und Verhängnisvolle ist, dass er damit Russland den Weg zu einer Nation jenseits des Imperiums und jenseits des Kolonialsystems versperrt hat. Das Land sitzt in der Imperiumsfalle. Und die ganzen Tragödien, die über Russland im 20. Jahrhundert gekommen sind, werden dadurch nicht nur zementiert, sondern auch ausgebeutet. Putin bewirtschaftet die nicht aufgearbeitete Vergangenheit. Der Komplex einer nicht bewältigten Geschichte ist seine Ressource, die er ständig mobilisiert und mit dem Phantasma des Angriffs der ganzen Welt auf Russland zusammenbringt. Das ist todgefährlich.

Warum fällt ihm niemand in den Arm?

Russland ist Teil der globalen Welt geworden, doch in einer abhängigen Weise. Es ist hauptsächlich Rohstofflieferant. Aus den Rohstoffexporten hat Russland ungeheure Profite erzielt, aber es hat nie den Schritt gemacht, sich neu aufzustellen, zu modernisieren und das sowjetische Erbe abzuschütteln. Das ist die Verantwortung Putins, er hat den offenen Raum zerstört, die Vertikale der Macht gestärkt und die Selbstständigkeit der Regionen beschnitten. Die Folge ist, dass Millionen junger, tüchtiger und gebildeter Leute aus dem Land weggegangen sind. Noch nie hat es so einen Exodus von Kreativität gegeben wie in den letzten 20 Jahren. Gar nicht zu reden, von dem ungeheuren Strom an Reichtum, den Privatleute ins Ausland geleitet haben – und von dem der Westen willig profitiert hat.

Wir haben vieles im Modus des „Post“ entschärft, Geschichte, Heldentum, Kolonialismus. Nun kehrt alles wieder: Lässt sich Putins Krieg auch als Kolonialkrieg fassen?

Das russische Reich ist hervorgegangen aus einem jahrhundertelangen Prozess der Binnenkolonisation. Doch was ist, wenn die Zentrifugalkräfte stärker werden, der Entwicklungsmotor stottert oder gar still steht? Es geht aus den Ausführungen Putins ganz klar hervor, dass er die Zentralmacht weiter ausbauen will. Er unterdrückt alle größeren unabhängigen Bewegungen und versucht alle Formen von Öffentlichkeit auszuradieren. Der große Exodus kritischer und oppositioneller Stimmen dient der Festigung der eigenen Macht. Die Repression und die Evolution eines Polizeistaates im Inneren und die barbarische Kriegsführung nach außen sind zwei Seiten einer Medaille.

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Welche Idee trägt den unglaublichen Widerstand der Ukrainer?

Die Ukrainer wollten eigentlich nach der Unabhängigkeit das Land in Ordnung bringen. Die Schäden einer schwerindustriellen und strukturellen Fehlentwicklung beheben, die Talente und Besonderheiten ihres Landes zum Tragen bringen. Es ist ungemein viel passiert. Wer in den letzten 20, 30 Jahren in der Ukraine war, sieht, dass sie ein anderes Land geworden ist. Es ist eine sehr schwierige prosaische Aufbauarbeit. Aber sie geht voran. All das wird plötzlich von außen angegriffen unter Vorwänden, die so haarsträubend, hanebüchen und wahnsinnig sind, dass jeder weiß: das ist das Werk einer verrückten und aggressiven Macht. Deswegen ist die Bereitschaft, die eigenen Städte und Dörfer, die Heimat zu verteidigen, so groß.

In Ihrem Ukraine-Buch rücken sie eine Erinnerungslandschaft ins Licht: Städte, über die die ungeheuren Katastrophen des letzten Jahrhunderts hereingebrochen sind, und die gerade dabei sind ausgelöscht zu werden.

Hoffen wir, dass es nicht soweit kommt. Im Moment gibt es eine ungeheuer große, fast naturwüchsige Solidarität mit den Angegriffenen. Es ändert sich etwas. Man merkt, dass dort wenige Flugstunden entfernt ein großes Land ist, von dem man nicht viel weiß. Die Deutschen haben allen Grund, sich mit der Ukraine auseinanderzusetzen sowohl im positiven Sinn, man denke an die vielfältigen Kulturbeziehungen zu Lemberg oder Czernovitz, aber auch im Blick auf die Verbrechensgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bisher ist die ganze Aufmerksamkeit des Schuldbewusstsein auf Russland konzentriert. Doch der Genozid an den Juden fand hauptsächlich auf dem Territorium der Ukraine und Belarus statt.

Sehen Sie eine Chance für die Ukraine?

Der Widerstand ist sehr, sehr stark. Aber die entscheidende Frage ist, ob er genügend Unterstützung bekommt. Es ist gut, Solidarität zu demonstrieren. Aber es müssen eben auch andere Maßnahmen ergriffen werden. Ich begreife nicht, warum immer noch Gas und Öl aus Russland fließen, womit wir diesen Krieg mitfinanzieren. Und ich verstehe nicht, warum man nicht weitere Möglichkeiten diskutiert, den Ukrainern beizustehen. Warum greift man nicht auf Erfahrungen während der Berliner Blockade zurück? Ich bin der Meinung, dass Waffen zur Selbstverteidigung geliefert werden dürfen. Alle starren auf die nächsten Schritte von Putins Eskalationsdominanz. Doch er braucht gar keine Anlässe, um die Aggression zu steigern. Das ist die Lehre der letzten 20 Jahre. Er spielt das Spiel der Dominanz, und der Westen reagiert. Und dann preist sich der Kriegsbrandstifter auch noch als Friedensstifter!

Sie sprechen von der Ukraine als von einem Europa im Kleinen, was bedeutet der Krieg für das Europa im Großen?

Die Angriffe, die auf Kiew, Lemberg oder Odessa stattfinden, sind keine bloße Metapher, das ist bereits der Angriff auf Europa. Odessa und Kiew sind Zentren Europas, wenn sie auch nicht in der EU sind – was man schleunigst ändern sollte. Die EU muss ihre für gewöhnliche Zeiten bestimmten Prozeduren der Beitrittsverhandlungen aussetzen. Es müssen Maßnahmen gefunden werde, die Verteidigung Europas, die in diesem Augenblick die Ukrainer leisten, zu unterstützen. Sonst können wir einpacken.

Besteht Hoffnung, dass die russische Bevölkerung irgendwann Putins Spiel nicht mehr mitspielt.

Es gibt keinen automatischen Zusammenhang zwischen wachsender Repression, sinkendem Lebensstandard und Rebellion. Aber es ist klar, dass dort etwas heranreift. Die Wortmeldungen und Proteste in vielen Städten Russlands sind das Symptom einer tiefen, vor allem moralischen Krise. Es könnte anders laufen, als der Chef im Kreml sich das vorstellt. In der russischen Geschichte gibt es genügend Konstellationen, in denen ein vom Zaun gebrochener Krieg mit einem Desaster für das Regime geendet hat.

Info

Historiker
 Karl Schlögel, 1948 in Hawangen im Allgäu geboren, zählt zu den führenden Osteuropa-Experten unserer Zeit. Er hat in Berlin, Moskau und Leningrad Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Bis 2013 lehrte er Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Karl Schlögel ist mit der russisch-deutschen Autorin Sonja Margolina verheiratet und lebt in Berlin.

Buch
 Schlögels Werke wurden vielfach ausgezeichnet unter anderem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Das Buch der Stunde ist jedoch sein bereits 2015 erschienenes Werk „Entscheidung in Kiew“ (Hanser, 306 Seiten, 21,90 Euro). Aus aktuellem Anlass bietet der Verlag noch bis zum 17. März die E-Book-Ausgabe für 0,99 Euro an.

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