Die Delegationen aus den Partnerstädten haben gemeinsam das Mercedes-Museum besucht. Foto: Elisabeth Maier
Mit sechs Partnerstädten pflegt die Stadt Ostfildern ein dichtes internationales Netz. Zum Stadtjubiläum trafen sich Kommunalpolitiker aus vier Ländern, um sich auszutauschen.
Gerade in Krisenzeiten haben die Städtepartnerschaften für Ostfilderns Oberbürgermeister Christof Bolay hohen Stellenwert: „Trotz der aktuellen weltpolitischen Krisen ist das Engagement innerhalb der Städtepartnerschaften ungebrochen.“ Wie wichtig den Menschen in Polen der Austausch gerade jetzt ist, bestätigte Bierawas Bürgermeister Krzysztof Ficon. „Jetzt ist es wichtig, dass wir Grenzen zwischen den Menschen abbauen“, ist der Kommunalpolitiker überzeugt.
Zum Stadtjubiläum besuchten Delegationen aus den Partnerstädten Ostfildern. Wegen des Kriegs in der Ukraine musste die Partnerstadt Poltawa absagen, und auch die Gäste aus dem italienischen Mirandola waren verhindert. Für Markus Klien, den Vizebürgermeister aus dem österreichischen Hohenems, war der Austausch ein Gewinn: „Die Gespräche mit unseren polnischen Kollegen haben mir gezeigt, wie schwierig ihre Situation in Zeiten des Ukrainekrieges ist.“ Polen liegt an der Grenze zu dem kriegsgebeutelten Land. Den Österreicher haben die Berichte „betroffen gemacht“.
Voneinander lernen und den Horizont weiten
Bei Ausflügen und Gesprächen tauschten sich die Gäste aus Polen, Frankreich, Österreich und der Schweiz aus. Birgitta Wallrauch, die die Partnerschaften koordiniert, freute sich über den regen Dialog. „Das war sehr wertvoll“, findet Ferdinand Pulver, Bürgermeister von Reinach im Kanton Basel-Land in der Schweiz. Obwohl sein Land neutral ist, liegt ihm der Austausch mit den europäischen Partnern am Herzen. „Viele Probleme, die wir haben, lassen sich gemeinsam besser lösen.“ Da könne man voneinander lernen und zugleich den eigenen Horizont weiten. Junge Leute aus beiden Ländern machen etwa Praktika in der Verwaltung.
Im Scharnhauser Park stehen Wegweiser zu den Partnerstädten. Foto: privat
Ein großes Thema war die Krise in Europa. Da sind die Städtepartnerschaften für OB Bolay unverzichtbar: „Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie tragfähig und lebendig diese Verbindungen sind.“ Die gegenseitige Solidarität, Anteilnahme und Unterstützung hätten das Miteinander weiter gestärkt und zu einem noch engeren Zusammenhalt geführt – getreu dem Motto: Freunde helfen einander in der Not.“ Ostfildern, Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen unterstützen Poltawa seit Kriegsbeginn mit humanitären Hilfen, etwa für ein Kinderkrankenhaus.
Den Europagedanken stärken
Den Europagedanken zu stärken, findet Anne Fabiano wichtig. Denn auch in Frankreich sind nationalistische Tendenzen stark. Umso mehr freut sich die Bürgermeisterin der Partnerstadt Montluel, dass der Austausch mit Ostfildern seit 1975 gedeiht. Nicht nur der Schüleraustausch ist beliebt. Vereine füllen die Partnerschaft mit Leben. Pascal Grand, der das Städtepartnerschaftskomitee leitet, schafft es, immer mehr junge Leute zu begeistern.
In den Städtepartnerschaften geht es für Krzysztof Ficon in Bierawa auch darum, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten. Da wünscht sich der Verwaltungschef der schlesischen Stadt offene Gespräche. Ihm geht es um eine ehrliche Erinnerungskultur. Gerade beim Schüleraustausch der deutschen und polnischen Jugendlichen steht Geschichte im Fokus. Als die Partnerschaft mit Montluel vor 45 Jahren begann, gaben Feuerwehrleute den Anstoß für den Austausch mit Frankreich. Auch da galt es, Feindschaften aus dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden. Dass viele ältere Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, den Austausch mit aufgebaut haben, freut Anne Fabiano. „Sie sind heute Freunde, besuchen sich und kennen einander.“
„Gelebtes Europa im Kleinen“
Städtepartnerschaften sind für Markus Klien „gelebtes Europa im Kleinen“. Der Vizebürgermeister von Hohenems findet, „dass sie es ermöglichen, über internationale Grenzen hinweg voneinander zu lernen – sei es in der Bildung, im sozialen Miteinander oder in der nachhaltigen Stadtentwicklung.“ Für Klien ist europäischer Zusammenhalt nicht nur ein politisches Ziel: „Das muss im Alltag gelebt werden.“ Jugend und Bildung sind Schwerpunkte der Partnerschaft.
Ostfilderns OB Christof Bolay ist Foto: Ines Rudel
Um die Beziehungen zwischen den Partnerkommunen weiter zu intensivieren, setzt Ostfildern nach OB Bolays Worten „auf gezielte Vernetzung“. Regelmäßige Begegnungen aller Partnerstädte – etwa im Rahmen von Jubiläen oder Stadtfesten – schafften Raum für persönlichen Austausch und gemeinsames Erleben. Darüber hinaus organisiere die Stadt projektbezogene Treffen zu konkreten Themen, etwa im Bildungsbereich. „So wird der partnerschaftliche Dialog nicht nur gepflegt, sondern aktiv weiterentwickelt.“ Dieses Miteinander will sein Kollege Ferdinand Pulver weiter pflegen: „Jetzt haben wir uns kennengelernt und können uns vernetzen.“ Da pflichtet ihm Markus Klien bei: „Dank digitaler Medien klappt die Kommunikation über Grenzen hinweg schnell und unkompliziert.“
Die Städtepartnerschaften
Die ersten Schritte Die erste Städtepartnerschaft ging die Gemeinde Nellingen mit Reinach im Kanton Basel-Landschaft ein. 1965 knüpften Vereine freundschaftliche Bande. Der Austausch begann zunächst auf persönlicher Basis. 1975 nahmen Vertreter der neugegründeten Stadt Ostfildern Kontakte mit Montluel in Frankreich auf. Die Kommune nahe Lyon tat sich mit benachbarten Kommunen zusammen. 1978 wurde die deutsch-französische Städtepartnerschaft offiziell besiegelt.
Weitere Bande Später kamen die polnische Stadt Bierawa in Schlesien, Mirandola (Italien) und Hohenems in Österreich dazu. Die Partnerschaft mit Poltawa in der Ukraine pflegen Ostfildern, Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen zusammen.