Die Separatisten in der Ostukraine können das Blatt mit russischer Hilfe wenden. Kiew sieht sich militärisch bereits auf der Verliererstraße. Der Westen debattiert derweil über Sanktionen gegen Russland – Deutschland holt verwundete Soldaten nach Berlin.
Kiew - Die wachsende Nervosität vor einem russischen Angriff ist auch in Kiew spürbar. Ein Blick auf die Landkarte, die täglich von den ukrainischen Streitkräften veröffentlicht wird, zeigt den enormen Landgewinn der prorussischen Separatisten in den vergangenen Wochen. Anfang August kontrollierten sie lediglich eine kleine Gegend, rosa markiert, zwischen den Städten Donezk und Lugansk. Einen Monat später hat sich die von den Rebellen besetzte Region bis in die Südostukraine ausgeweitet. Weite Teile an der russischen Grenze sind verloren gegangen.
Am Donnerstag will das Parlament in einer nicht-öffentlichen Sitzung über die neue Strategie der ukrainischen Streitkräfte debattieren. Militärsprecher Andrej Lysenko sagte im Fernsehen, man werde eine Guerilla-Armee aufbauen. Auf einer Sitzung mit den Fraktionschefs der Parlamentsparteien hatte Präsident Petro Poroschenko schon am Montagabend die kritische Situation dargelegt.
Die Wende kam mit dem Hilfskonvoi
Offenbar ist der Führung seit Donnerstag vergangener Woche bewusst, dass der Krieg in der Ostukraine faktisch verloren ist. An dem Tag sagte Poroschenko einen Türkei-Besuch ab, Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk sprach von einer „russischen Invasion in die Ukraine“. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem die ukrainischen Politiker ihre westlichen Verbündeten geradezu beknien, dem Land Waffen und Militärspezialisten zur Verfügung zu stellen.
Die Wende im Kampf um den Donbass kam mit dem von Russland als Hilfslieferung deklarierten Lkw-Konvoi. Am 12. August hatten sich fast 300 weiß lackierte Militärlaster von Moskau aus auf den Weg Richtung Ostukraine gemacht. Für das zweite Augustwochenende plante die ukrainische Armee zusammen mit einigen Freiwilligen-Bataillonen die Erstürmung der Großstadt Donezk. Dorthin und in die Stadt Lugansk hatten sich die prorussischen Separatisten zurückgezogen, in Donezk galten sie als eingekesselt. Durch die von Moskau als „Hilfskonvoi“ bezeichneten Lkws entstand ein fast zweiwöchiges diplomatisches Hickhack. Spekuliert wurde, dass die 280 Lastzüge neue Soldaten sowie vor allem militärische Ausrüstung in die Ukraine brachten.