Stuttgart - Am Ende steht Jago, Othellos Widersacher, allein auf der Bühne. Mit perfiden Intrigen hat er sein Ziel erreicht: In rasender Eifersucht tötete Othello zuerst Desdemona, dann sich selbst, gefangen im Netz der Lügen, das von Jago virtuos ausgelegt wurde. Sein Racheplan ging auf: Der in Venedigs Diensten stehende General, der ihn bei einer Beförderung übergangen hat, ist tot – und doch ist es mehr als nur gekränkte Eitelkeit, die den kleinen Fähnrich über den großen, ihm leblos zu Füßen liegenden Feldherrn triumphieren lässt. Ein anderes, gefährlicheres Gefühl ist noch im Spiel: „Ich hasse den Fremden“, sagt Matthias Leja als Jago mit kalter Genugtuung, bevor im Stuttgarter Schauspielhaus das Bühnenlicht erlöscht.
Zwei Stunden sind bis zum finalen, das Thema des Abends bündelnden Schlusswort vergangen: Shakespeares 1604 uraufgeführter „Othello“ ist das berühmteste Eifersuchtsdrama der Welt, aber der regieführende Intendant Burkhard Kosminski spitzt es zu auf ein Drama der Diskriminierung des Fremden und Anderen, das freilich auch schon im Original angelegt ist. Seinen Othello bezeichnet der Dichter im Untertitel als „Mohr von Venedig“. Mohr: das ist ein mittlerweile rassistisch verseuchter Begriff, der zu Recht aus dem Sprachgebrauch verbannt worden ist. Deshalb hat auch der Übersetzer Frank Günther, dessen Fassung in Stuttgart gespielt wird, den „Mohren“ durch den „Schwarzen“ ersetzt, was Kosminski aber noch nicht genug ist. Bei ihm wird Othello jenseits aller Hautpigmentierung zum „Fremden“ – und abgesehen davon, dass er mit dieser Neudefinition jedem Rassismusvorwurf den Boden entzieht, weist sein Regiekonzept dann doch weit über bloße Political Correctness hinaus: Um nämlich von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen zu werden, das sagt uns seine Inszenierung, muss man nicht mehr schwarz sein. Da reichen auch andere, nicht ganz so offensichtliche Abweichungen völlig aus.
Zum Beispiel ein fremder Akzent – und ein Glücksfall ist es, dass einer der besten Spieler in Kosminskis Ensemble der aus Tel Aviv stammende Film- und Theaterstar Itay Tiran ist, dessen Deutsch grammatikalisch korrekt, phonetisch aber holprig klingt. Er ist Othello – und er kennzeichnet ihn allein mit seiner Sprechweise als den Fremden, der er bei Shakespeare ist, gekommen aus dem Morgenland, um als begnadeter Militärstratege den venezianischen Kolonialbesitz zu sichern. Und noch ist Othellos Welt in Ordnung, feiert er doch zum Auftakt der Inszenierung eine formvollendete Hochzeit in Weiß.
Auf der abstrakten, von Florian Etti eingerichteten Bühne geben sich Othello und Desdemona – Katharina Hauter – das Ja-Wort. Nichts fehlt: die Videokamera, die das Zeremoniell aufzeichnet, die Glitzerkanone, die den festlichen Akt vergoldet, der Walzertakt, zu dem sich das Paar rauschhaft in die Zukunft dreht – bis die Hochzeitsmusik von Sirenenklängen, das Hochzeitsvideo von Kriegsbildern zerschossen werden. Und prompt dreht die Bühne das Besprechungszimmer der Kommandantur herbei, in dem sich Generäle und Offiziere über Landkarten beugen: Die Türkei greift das unter venezianischer Herrschaft stehenden Zypern an. Othello muss ran!
In aller Prägnanz und Kürze beschreibt Kosminski mit der Eingangsszene die Triebkraft der Shakespeare-Tragödie: Das Private vermischt sich mit dem Politischen, eins geht ins andere über, sowohl bei Othello selbst als auch bei der venezianischen Gesellschaft. Denn Othello musste heimlich heiraten, weil seine Verbindung zur Senatorentochter Desdemona nicht die Zustimmung der Honoratioren findet: „Du Sau. Du fremde Sau. Du Drecksau“, schleudert ihm der hintergangene Vater entgegen, als er von der unbotmäßigen Hochzeit erfährt – und Elmar Roloff, nach längerer, krankheitsbedingter Abwesenheit zum ersten Mal wieder auf der Bühne, steigert sich als Senator souverän in eine Brüllattacke, bevor auch er zum sachlichen Ton zurückkehrt. Denn auf den kriegswichtigen Othello kann der Stadtstaat nicht verzichten – und schon steht der schneidige, in einer weißen Uniform steckende General vorm Riesenbildschirm und wischt von einer Seekarte zur nächsten.
In welchen Krieg er ziehen wird, verdeutlicht die Bildermontage, die Kosminski einspielt. Drohnenaufnahmen von Städten, Dörfern und Häusern, Computerbilder mit Zielscheiben, dazu anlandende Boote, marschierende Truppen und durch die Wüste rollende Panzer, die von Othello zu Wagner-Klängen dirigiert werden, als befände er sich in „Apocalypse now“: Seine Mission ist zweifellos eine moderne Nahost-Mission, ein hochtechnologischer Desert-Storm, der Angst und Schrecken verbreiten soll. Und das tut er gewiss, allerdings auch im kriegführenden Othello selbst, der – noch eine einleuchtende Regiezutat – unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet: Itay Tiran wälzt sich in Alpträumen, visualisiert in ebenfalls filmisch präsentierten Szenen. Er foltert und wird gefoltert, er jagt und wird gejagt, Ungeheuerlichkeiten, die ihn zum Psychowrack werden ließen, das allein von Desdemonas Liebe gerettet werden konnte. Er weiß das: „Und wenn ich dich nicht liebe“, sagt Tirans ungemein präsenter Othello, „so ist das Chaos wieder da.“
Und ja, es ist nach diesem Schlüsselsatz wieder da, wenn sich die Diskriminierungstragödie über das Soldatendrama schließlich zur Eifersuchtstragödie verdichtet. Matthias Leja als Jago bei seinem verwinkelten Rachemanöver zu folgen, ist eine Lust, bewegt er sich durch Shakespeares Verse doch in einer Selbstverständlichkeit, als würde er eine Zeitung lesen. Zur Lust gesellt sich allerdings Schaudern, wenn er Othello von Desdemonas – scheinbarer – Untreue überzeugt: mit Hilfe eines Videos, das der Ränkeschmied fintenreich während der zypriotischen Siegesfeier gedreht hat und nun, aus dem Zusammenhang gelöst, gegen Desdemona verwendet – eine überraschenden Volte, mit der Kosminski zeigt, wie Fake-News entstehen und was sie anrichten: Othello, gefangen im soldatischen Ehrenkodex, erwürgt Desdemona – und während er der Liebsten die Tat ankündigt, fällt vom Bühnenhimmel schrecklich schön ein Nieselregen aus Blut aufs Ehegemach.
Zugänglich, zupackend, klug aktualisiert und sehr brisant: Burkhard Kosminski holt Shakespeares „Othello“ im Stuttgarter Schauspielhaus in die Gegenwart und verwandelt den Klassiker in ein Drama für Zeitgenossen. Sehenswert!
Aufführungen
am 10., 21. und 24. Mai, am 13. und 14. Juni sowie am 1., 7. und 20. Juli