Ottenbacher Geschichtsstunde Nachbarn und Familien wurden zu Feinden

Von Philipp Braitinger 

Konfessionell gemischte Ehen waren lange tabu und für Katholiken und Protestanten gab es getrennte Läden. Im Ottenbacher Tal hatte die Reformation kuriose Folgen.

Karl Schönweiler hat die   Ottenbacher Ortsgeschichte erforscht. Foto: Braitinger
Karl Schönweiler hat die Ottenbacher Ortsgeschichte erforscht. Foto: Braitinger

Ottenbach - Die Älteren können sich noch daran erinnern. Daran, wie sich die Konfessionen bis vor einigen Jahren wie eine unsichtbare Grenze durch Ottenbach zogen. In seinem neuesten Buch „Es war wie eine Wand – Auswirkungen der Reformation im Ottenbacher Tal von 1534 bis 2017“ zeigt der Autor, Musiker und seit kurzem auch Historiker Karl Schönweiler auf 76 Seiten, wie sein Heimatort während der frühen Neuzeit konfessionell zerrissen war und wie sich die Trennung zwischen katholischen und evangelischen Ottenbachern bis in die Gegenwart hinein auswirkt.

„Die Religion hat längst keinen hohen Stellenwert mehr in der Gesellschaft“, sagt Schönweiler. Im 16. Jahrhundert war das anders. Die Höfe in und um Ottenbach gehörten zu unterschiedlichen Herrschaften. Mit der Spaltung der Kirche zu Beginn der Frühen Neuzeit nahmen die konfessionellen Spannungen im Land zu. In Ottenbach waren es die katholischen Herren von Rechberg und die sich früh zum Protestantismus bekennenden Württemberger, die mit unterschiedlichen Konfessionen im selben Ort über ihre jeweiligen Untertanen herrschten. Und weil der Untertan stets die Religion des Landesherren annehmen oder auswandern musste, zogen sich die konfessionellen Grenzen durch Nachbarschaften und sogar durch Familien.

„Es gab die kuriosesten Dinge.“

Immer wieder ist es in der Folge zu aus heutiger Sicht irrwitzigen Situationen gekommen. So sei ein Bauer verhaftet worden, weil er bei der Feldarbeit über das Grundstück seines Nachbarn und damit sozusagen illegal über ausländisches Terrain gegangen sei. „Es gab die kuriosesten Dinge“, berichtet Schönweiler. Ein anderes Mal sei der Pfarrer bei einer katholischen Prozession von Ottenbach nach Eislingen verhaftet worden. Und wenn die Katholiken aus Ottenbach zur Wallfahrtskirche nach Rechberg wollten, mussten sie ihre Fahnen einziehen, solange sie das Grundstück der Jauchenhöfe durchquerten.

Doch auch im Alltag hatte die Spaltung Folgen für die Einwohner des Ortes. Die evangelischen Kinder mussten beispielsweise den langen Weg nach Hohenstaufen in die Schule gehen. Und geheiratet wurde noch bis vor wenigen Jahren nur unter seinesgleichen. „Eine Mischehe, das war unvorstellbar“, erinnert sich der 64-Jährige an seine eigene Kindheit und Jugend. Und er weiß noch, wie es viele Einrichtungen zweimal in Ottenbach gab. Jede Konfession hatte ihren Metzger, Schneider und so weiter. „Menschlich war das schwierig“, sagt Schönweiler. Religion sei stets ein Tabuthema gewesen. Unabhängig von einander hätten ältere Ottenbacher, die er für das Buch interviewt hat, von einer unsichtbaren Mauer gesprochen, die das Dorf durchzogen habe und die sich nun im Titel seines neuesten Buches wiederfindet.

Doch während Zeitzeugen lediglich eine unsichtbare Mauer beschreiben, mündeten in der frühen Neuzeit die zunehmenden Spannungen im Reich in zahlreiche gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Liga der katholischen Fürsten und der Union der Protestanten, die ihren Höhepunkt im 30-jährigen Krieg fanden. Dass Männer aus Ottenbach auf beiden Seiten kämpften, hält Schönweiler für wahrscheinlich. „Es konnte sein, dass sich Nachbarn oder Bekannte auf dem Schlachtfeld als Feinde begegneten.“ Die Folgen dieses großen Krieges waren für Ottenbach ebenso verheerend wie für die restlichen Reichsgebiete. Die Einwohnerzahl habe um das Jahr 1500 laut Schätzungen bei 120 gelegen, nach dem 30-jährigen Krieg, also nach 1648, sei sie auf rund 30 gesunken gewesen. Der Ort „war damals extrem dezimiert“, sagt Schönweiler. Aber die konfessionellen Spannungen waren auch nach dem Krieg nicht vorbei.

Die Ökumene schreitet voran

Gottesdienste wurden in Ottenbach erst seit dem Jahr 1977 regelmäßig abgehalten – in einem Raum der katholischen Kirche . Zehn Jahre später wurde das evangelische Gemeindehaus gebaut, wo seither ebenfalls Gottesdienste gefeiert werden. Und inzwischen sei die Ökumene auch schon weit fortgeschritten, meint Schönweiler, der sich für die Zusammenarbeit stark macht. Der Katholik engagiert sich im ökumenischen Ausschuss der evangelischen Christuskirchengemeinde Eislingen-Ottenbach und der katholischen Gemeinde St. Sebastian Ottenbach.

Zu seinem Buch angeregt wurde Schönweiler nach einem Vortrag, den er im Lutherjahr 2017 in Ottenbach gehalten hatte. Das Interesse des Publikums sei überwältigend gewesen, erinnert sich der Autor. Der auf zwei Stunden angesetzte Vortrag habe am Ende vier Stunden gedauert. „Ich habe sofort gespürt, das hat etwas“, erzählt er. In dem Band kommen auch der evangelische Pfarrer Frederik Guillet von der Christuskirchengemeinde Eislingen-Ottenbach, der Eislinger und Göppinger Stadtarchivar Martin Mundorff sowie der Lokalhistoriker Lothar Holz zu Wort.




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