Otto-Hahn-Gymnasium Böblingen Russisch-Schüler wollen Brücken nicht einreißen

Hier im Russisch-Raum werden Sprache, Kultur und die Geschichte des Riesenreichs vermittelt. Foto: Dimitri Drofitsch/Eibner

Am Böblinger Otto-Hahn-Gymnasium gibt es einen Russisch-Zug. Auch hier ist der Krieg gegen die Ukraine Thema. Die Schule zeigt sich solidarisch mit der Ukraine und spricht sich für einen differenzierten Umgang mit Russland aus.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Das Alphabet, berühmte Schriftsteller wie Tolstoi oder Dostojewski, oder die weltbekannten Matruschka-Puppen – am Böblinger Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) wird Schülern seit 50 Jahren Russland, seine Sprache, Kultur und Geschichte nähergebracht. In diesen Tagen ist der unbeschwerte Blick auf die große Kulturnation im Osten allerdings getrübt.

 

Seit zwei Wochen läuft der Überfall Russlands auf die Ukraine, Menschen sterben und fliehen. Das Riesenreich steht so isoliert da wie wohl nie zuvor. Wie denken Schüler und Lehrer der Schule, die als eine der wenigen im Kreis Böblingen einen Russisch-Sprachprofil anbietet, über den Krieg Russlands gegen die Ukraine?

Schlaflose Nächte, aber keine Schockstarre

Die eindrücklichste Antwort gibt Tetyana Bier, Russisch-Lehrerin am OHG, gebürtige Ukrainerin und durch flüchtende Familie und Freunde vom Krieg betroffen. „Ich bin schockiert, seit zwei Wochen habe ich einige schlaflose Nächte gehabt“, schildert Bier. In Schockstarre ist sie allerdings nicht gefallen. Sie hat gehandelt und zuallererst ihre Eltern aus dem zentralukrainischen Cherkasy nach Deutschland gebracht. Mit den Eltern kamen auch eine Freundin, deren beide Kinder und weitere Bekannte aus der Ukraine nach Böblingen. Nun sind sie privat bei Bier und einer Nachbarin untergebracht.

Erst im Dezember 2021 habe sie ihre Eltern besucht, da schien ein Angriff auf die seit über 30 Jahren friedlich existierende Ukraine undenkbar – auch wenn die Drohungen Putins lauter wurden und seit 2014 Kriegshandlungen im Osten des Landes zu beobachten waren.

„Ich war überrascht, immerhin haben wir Ukrainer nie jemanden angegriffen. Ich kann mir den Überfall nur durch Putins Machtbesessenheit erklären“, sagt die Lehrerin. Obwohl die humanitäre Situation schlecht und die Existenz der Ukraine bedroht ist, die Hoffnung aufgeben will Tetyana Bier nicht: „Die Ukraine wird das hinbekommen. Ich bekomme mit, wie selbst die Männer, die noch nie etwas mit Militär zu tun hatten, bereit sind das Land zu verteidigen.“ Auch Biers Russisch-Kollegin Antje Brokoph ist fassungslos, wie skrupellos Moskau den Krieg vom Zaun brach. Völlig verwunderlich erscheint die Entscheidung zum Angriff dennoch nicht, betrachtet man die Verfolgung von Oppositionellen und die Beschneidung der Medienfreiheit. „In Russland herrscht seit vielen Jahren ein Klima der Angst. Die Menschen hören und sehen nur staatliche Propaganda. Viele unterstützen Putin und dessen imperiales Bestreben, andere sind völlig apolitisch. Ich bin aber sicher, einen Krieg gegen das ukrainische Brudervolk will kaum jemand“, sagt Antje Brokoph, die selbst unzählige Male das Land bereist und viele Menschen kennengelernt hat.

Russlands Bürger leben größtenteils in einer Propagandablase

Jahrelang hat Brokoph den Schüleraustausch mit einer Partnerschule in Moskau mitorganisiert. Dieser liegt durch Corona, nun durch den Krieg vorerst auf Eis. „Corona hat unseren eigentlich blühenden Schüleraustausch mit Russland ausgebremst. Natürlich haben viele Schüler, die Russisch lernen, gefragt, ob er dieses Jahr wieder stattfinden könne. Nach den vergangenen zwei Wochen steht dies aber nicht zur Debatte. Ich könnte keine Schüler in ein Land schicken, das Krieg führt – abgesehen davon, dass es aktuell keine Flugverbindungen nach Moskau gibt“, erklärt Schulleiterin Stefanie Bermanseder. Kontakte zu der Moskauer Schule bestünden aktuell nicht.

Wer über den Krieg sprechen will, darf das tun

Alle Brücken nach Russland sollen dennoch nicht eingerissen werden, denn nichts sei förderlicher für Frieden und Völkerverständigung als gegenseitiges Interesse. „Eigentlich lebt unser Unterricht gerade vom persönlichen Austausch, dem Kennenlernen von jungen Russen, aber das geht im Moment nicht“, unterstreicht Bermanseder. Wie man das kaum greifbare Thema Krieg im Unterricht angeht? „Wir stehen natürlich bereit, wenn Schüler das Bedürfnis haben, über den Krieg zu sprechen.“ Das habe es in den vergangenen zwei Wochen auch gegeben. „Öfter kam die Frage auf, ob der Krieg auch nach Deutschland überschwappen könnte. Dann möchten wir Raum geben für Gespräche, egal ob in welchem Unterrichtsfach“, betont Bermanseder.

Trotz der Betroffenheit will die Schule nicht tatenlos zusehen, sondern anpacken. Schülersprecher Florian Stupp berichtet von einer „großen Hilfsbereitschaft“ unter den Schülern. Gerade die neu nach Deutschland gekommenen ukrainischen Kinder und Jugendlichen sollen schnell integriert werden. „Wir möchten uns um die Neuen, die nun zu uns stoßen werden, kümmern. Dazu überlegen wir auch, wie wir weiter helfen und uns mit weiteren Schulen vernetzen können“, erklärt Stupp. Den allermeisten der OHG-Schüler sei Krieg völlig fremd. Sie gehörten zu einer Generation, die nur friedvolle Zeiten erlebt habe. „Natürlich kommen wir auch nicht am Leid vorbei, immerhin geht unser erster Blick am Morgen auf das Smartphone und die Nachrichten“, sagt der 17-Jährige.

Gerade jetzt für Russisch-Zug werben

Auch wenn Russland derzeit eine politische Ächtung erfährt wie selten zuvor, darunter leiden soll der Russisch-Zug des OHG keineswegs. Dafür setzen sich die Lehrer und Lehrerinnen täglich ein. „Wir machen deutlich, dass Russland und Russisch nicht mit Putin und der Politik gleichzusetzen ist. Sprache, Kultur und Geschichte Russlands sind so vielfältig, dass das Fach dennoch einen großen Reiz hat“, führt die Russisch-Lehrerin Corinna Albrecht aus. Gerade weil die Beziehungen zu Russland und der Ruf des Riesenreiches so leiden, sei die Auseinandersetzung mit dem Land wichtiger denn je. „Nur wenn wir die anderen verstehen und uns füreinander interessieren, kommen wir uns näher. Die Schüler sehen sich auch als Friedensboten nach außen und das wollen wir im Rahmen des Russisch-Unterrichts weiter fördern“, bekräftigt Corinna Albrecht.

Russisch als dritte Fremdsprache

Seltenheitswert
 Das Böblinger Otto-Hahn-Gymnasium ist zusammen mit dem Andreae-Gymnasium Herrenberg die einzige Schule im Kreis mit Russisch-Zug.

Klassen
 Schüler können ab Klasse 8 Russisch als dritte Fremdsprache wählen. In der Oberstufe ist Russisch als Leistungs- oder Grundkurs wählbar. 15 bis 20 Schüler lernen jährlich die Sprache. Es gibt aktuell vier Russisch-Lehrkräfte am OHG.

Austausch
 Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie gab es jährlich einen Schüleraustausch mit einer Partnerschule in Moskau.

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