Outlet-City Metzingen Mit Boss hat alles angefangen

Ein Chinese und seine Geschäftspartner haben ihren Weg gefunden. Sie kennen Metzingen, sagt der Mann in gebrochenem Englisch. Er steht bei Hugo Boss, zwischen Anzügen von der Stange. "I'm on a Businesstour in Europe", sagt er. Geschäftsreise. Und wie immer, wenn noch Zeit bleibt, hat er auch dieses Mal einen Abstecher nach Metzingen gemacht. Vor ihm steht eine große Kunststofftasche. Sie ist das, was ein Einkaufskorb im Supermarkt ist. Er hat zwei Anzüge darin verstaut, zusammengeknüllt wie Schmutzwäsche. Es muss schnell gehen, damit einem keiner ein Schnäppchen wegschnappt. Im Minutentakt schlüpft der Mann in beige Sommerjacken, die ihm ein Begleiter hinhält.

Mit Hugo Boss hat alles angefangen. Das Textilunternehmen war in Metzingen der Pionier des Fabrikverkaufs. In den 70er Jahren verhökerte Boss an drei Tagen die Woche Zweite-Wahl-Artikel. Ende der 90er siedelten sich weitere renommierte Modemarken in Metzingen an, mittlerweile sind mehr als 60 Firmen vertreten. Und es werden immer noch mehr.

Ein Geschäft darf sich dann Factory Outlet nennen, wenn der Betreiber ausschließlich eigene, nicht mehr aktuelle oder fehlerhafte Ware feilbietet. Verkauf ab Fabrik ist das nicht, denn keiner der Modemarken produziert vor Ort. Nicht einmal mehr Hugo Boss. "Boss hat an dem Outlet-Standort nichts mehr mit Fabrikverkauf zu tun", sagt Dietmar Bez, der Erste Bürgermeister. Wenn er über Metzingen spricht, dauert es nicht lange, bis der Begriff der "schwäbischen Erfolgsstory" fällt. Die Autoren dieser Geschichte heißen Uwe und Jochen Holy. Sie sind die Enkel von Hugo Ferdinand Boss und haben den Namen des Großvaters zur Weltmarke gemacht. Mitte der 80er Jahre haben die Brüder das Familienunternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, um sie anschließend zu verkaufen und ein neues Imperium aufzubauen. Der Holy AG gehören heute schier alle Outlet-Immobilien vor Ort.

Ohne Oulets wäre Metzingen eine kleine Stadt

Die Brüder haben sich mittlerweile aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Mit ihren Visionen sind sie nie öffentlich hausieren gegangen, Interviews gibt es so gut wie keine. Sie haben die Stadt aus dem Hintergrund umgekrempelt. Das geheimnisvolle Gebaren hat dazu beigetragen, dass sich so mancher Metzinger argwöhnisch gibt, wenn die Rede von den Holys ist. Die Brüder seien die eigentlichen Drahtzieher, die Stadtverwaltung habe sich ihrem Willen längst unterworfen, heißt es. "Dummes Geschwätz", sagt der Erste Bürgermeister. Es gebe "einen harten Kern", der sich beharrlich gegen die Outletisierung stemme, doch könne sich eine Stadt nun mal nur weiterentwickeln, wenn sich etwas verändert. Am Anfang habe es oft Ärger wegen der Autofahrer gegeben, die die Anliegerstraßen zuparkten, sogar eine Bürgerinitiative wurde gegründet. Das Problem sei aber mittlerweile Vergangenheit, sagt Bez. "Wir haben 4000 Parkplätze in Parkhäusern und noch mal so viele vor der Stadt."

Eine Studie der Universität Tübingen liest sich hingegen so, dass mehr als eine Minderheit dem Wandel ihrer Stadt skeptisch gegenübersteht. Studenten der Empirischen Kulturwissenschaft haben Metzingen vor fünf Jahren unter die Lupe genommen. Sie haben erkundet, wie die Outlets die Kultur der Stadt verändert haben. Zum Vorschein kam unter anderem "die Zwiespältigkeit, wenn nicht sogar die Getrenntheit der beiden städtischen Gebiete".

Eine geteilte Stadt: auf der einen Seite Grantler wie Konditormeister Mauch, auf der anderen Seite Befürworter wie Friedrich Schmid, der seit 30 Jahren sein Bekleidungsgeschäft - kein Outlet - an der Reutlinger Straße hat: "Was wäre Metzingen ohne Outlets? Eine kleine Stadt."