Outlet-City Metzingen Die geteilte Stadt

Mit Boss hat alles angefangen, damals in den 70ern. Inzwischen ist Metzingen mit mehr als 60 Modefirmen weltweit bekannt als Outlet-City.  

Kleider für die Schönen und Reichen: mehr als 60 internationale Modefirmen haben inzwischen einen Laden in Metzingen. Foto: Stoppel 2 Bilder
Kleider für die Schönen und Reichen: mehr als 60 internationale Modefirmen haben inzwischen einen Laden in Metzingen. Foto: Stoppel

Stuttgart - Die beiden Pantomimen geben an diesem Tag das Begrüßungskomitee. Sie stehen auf Podesten am Beginn der Shoppingstadt, verbeugen sich und winken wie die Queen. Der eine hat sich mit einem goldenen Umhang kostümiert, der andere posiert im schwarzen Anzug und mit geweißeltem Gesicht. Manche Schnäppchenjäger belohnen die zwei mit ein paar Münzen, für andere genügt ein Lächeln. Und dann gibt es Leute, die das freundliche Duo gar nicht erst bemerken. Weil sie nur Augen für die Prozentzeichen haben. Willkommen in der Outlet-City Metzingen.

Die schicke Einkaufsstadt erhebt sich jenseits des Flüsschens Erms. Die Bauten sehen aus wie eine Flotte Luxusdampfer, die im Hafen angelegt hat. Sie heißen Hugo Boss, Joop, Bally, Escada, Tommy Hilfiger oder Calvin Klein. Metzingen ist der Ankerplatz der teuren Modemarken.

Hier heißt der Stadtplan Shoppingguide, und der lotst Schnäppchenhungrige nicht nur an den Wochenenden durch die Ladenschluchten. Seit einem guten Jahrzehnt wächst die Outlet-City stetig, sie hat dem Provinzstädtchen am Fuße der Schwäbischen Alb zu internationaler Berühmtheit verholfen. Hier kauft die Welt ihre Krawatten und Sakkos. Das ist das eine Metzingen.

"Hier wird mit zweierlei Maß gemessen"

Das andere Metzingen liegt keine fünf Gehminuten von den Luxusdampfern entfernt. Die unsichtbare Grenze der geteilten Stadt verläuft an der Reutlinger Straße, in früheren Zeiten war sie das Einkaufsmeilchen. Das andere Metzingen hat sich nicht so herausgeputzt. Die Häuser rund um die Innenstadt haben ihre besten Zeiten schon hinter sich, die Fassaden sind fahl, der Putz blättert ab. Hier parken Autos mit einheimischen Kennzeichen. Hier ist man unter sich. Hier hat der Wind der großen weiten Modewelt Flaute. Nur ab und zu weht eine Brise in die Seitenstraßen. An den Tischen der gut bürgerlichen Gastwirtschaft werden die Shoppingtouristen wegen ihrer Einkaufstaschen enttarnt.

Bei der Familie Mauch köchelt das Mittagsgeschäft. Erich Mauch, der 78-jährige Inhaber, steht am Herd und brät Maultaschen mit Ei. Am Tisch hinter ihm gönnt sich die Belegschaft einen Happen. Das Café Mauch, wenige Schritte vom Bahnhof gelegen, ist eine Institution im anderen Metzingen. Die Bedienungen tragen weiße Kittelschürzen, und die Gäste genießen Kaffee und Kuchen auf altmodischen Polstermöbeln. Bei Mauch zählt die Tradition und nicht der Trend. 1936 hat Erich Mauchs Vater das Café an der Schönbeinstraße eröffnet. Sein Sohn Thomas ist der Juniorchef.

"Die Stadt Metzingen ist nicht mehr die Stadt Metzingen", sagt der Senior, "es ist ein Anhängsel der Outlet-City." Er sagt es schnoddrig, damit kein Zweifel daran bleibt, wie er die Lage einschätzt. "Hier wird mit zweierlei Maß gemessen", sagt er und meint: das eine Metzingen gedeiht, während das andere Metzingen mit seinen mehr als 22.000 Einwohnern verkümmert. Von den Touristen, die mit dem Zug anreisen, verirrt sich so gut wie keiner ins Café Mauch. "Wenn die vom Bahnhof kommen, laufen sie schnurstracks da runter", sagt die 83-jährige Else Mauch.

Die Outlet-Pfeile führen die Ortsfremden am Schaufenster der Konditorei vorbei. Die Gäste eilen vom Bahnhof in Richtung Sieben Keltern. Der Platz, der als Markenzeichen des anderen Metzingens gilt, ist zwischen 1971 und 1998 frisch eingekleidet worden. Die alten Weinkeltern postieren als historische Sehenswürdigkeiten umrahmt von neu verlegtem Kopfsteinpflaster und renovierten Fachwerkhäusern. Vom Kelternplatz aus dauert der Fußweg knapp zehn Minuten bis zu den beiden winkenden Pantomimen, bis zur Outlet-City Metzingen.