Das Medikament muss man sich selbst spritzen. Foto: imago/CHROMORANGE
Von Hollywood nach Stuttgart: Inzwischen ist der Hype um die Abnehmspritzen auch bei uns angekommen. Wir sprechen mit einer Patientin und einem Arzt über die Spritzen.
„Willkommen zu den 82. Golden Globes, Ozempics größtem Abend!“, begrüßte Moderatorin Nikki Glaser dieses Jahr das Publikum der bekannten Awardverleihung. Oprah Winfrey, Robbie Williams, Rebel Wilson, Sharon Osbourne – sie alle sollen es angeblich nehmen. Ein Medikament, das anfangs nur für die Behandlung von Diabetiker:innen gedacht war und das dank Hollywood nun die ganze westliche Welt kennt. Inzwischen ist der Hype um die Abnehmspritze auch in Stuttgart angekommen.
„Wir können eine stark zunehmende Nachfrage aus dem Adipositaszentrum im Krankenhaus Bad Cannstatt des Klinikums Stuttgart melden“, sagt uns der Leiter des Zentrums, Emre Tanay. „Während es im vergangenen Jahr noch fünf bis zehn Rezepte in der Woche waren, sind es aktuell fünf bis zehn Rezepte pro Tag für die Abnehmspritze zur Adipositastherapie.“
Leidensdruck führt zur Ozempic-Spritze
„Ich glaube jeder, der Medien konsumiert, hat schon mal von Ozempic gehört und weiß, dass das viele Celebritys in den USA zum Abnehmen nutzen. Ich hatte das Mittel als etwas Negatives abgespeichert“, sagt uns die Stuttgarterin Thea. „Gleichzeitig habe ich aber auch schon mein ganzes Leben lang Übergewicht.“
Gerade die letzten Jahre habe sie stark zugenommen und seit letztem Herbst sei ihr BMI so hoch, dass es sich um Adipositas Grad drei handle. Ihr Mann und sie hätten sich Sorgen um ihre Gesundheit gemacht, aber sie habe das Gewicht einfach nicht runter bekommen. „Es ist das einzige in meinem Leben, das ich nicht in den Griff bekomme.“ Die 33-Jährige hat studiert, ist verheiratet und arbeitet – wie sie es nennt – in einem High-Performer-Job.
Sie denkt permanent an Essen - hilft Ozempic?
Thea leidet vor allem sehr stark unter sogenanntem Food Noise. Sie denkt permanent an Essen, die Gedanken dominieren ihren Alltag. „Ich überlege zum Beispiel: Was gibt es zum Mittagessen? In welches Restaurant kann ich mit meinen Freunden? Was soll ich kochen?“
Als der Leidensdruck zu groß wird, sucht sich Thea Hilfe. „Im Februar bin ich zu meiner Hausärztin gegangen. Sie hat mir eine psychologische Beratungsstelle empfohlen. Außerdem meinte sie, dass sie gute Erfahrungen mit der Abnehmspritze gemacht habe.“ Alternativ habe die Ärztin noch einen operativen Eingriff vorgeschlagen, also eine Magenverkleinerung. „So eine OP finde ich schon eine drastische Maßnahme“, findet Thea und informiert sich daraufhin ausführlich über die Spritze.
Ozempic eigentlich für Diabetiker:innen
„Die sogenannten Abnehmspritzen werden bereits seit Längerem mit Erfolg in der antidiabetischen Therapie angewandt“, erklärt Emre Tanay vom Klinikum Stuttgart. Im Verlauf sei der appetitzügelnde Effekt beobachtet worden und daraufhin dieselben Präparate zur medikamentösen Therapie bei Übergewicht und Adipositas freigegeben worden.
In Deutschland seien aktuell drei zugelassene Abnehmspritzen auf dem Markt – allesamt verschreibungspflichtig: Wegovy (Wirkstoff: Semaglutid), Mounjaro (Wirkstoff: Tirzepatid) und Saxenda (Wirkstoff: Liraglutid). Das durch die Medien bekannte Ozempic enthalte ebenfalls Semaglutid, aber in niedrigerer Dosis als Wegovy und sei offiziell ein Diabetes-Medikament und zumindest in Deutschland nicht zur Gewichtsabnahme zugelassen.
Nur in Kombination mit Lebensstil macht Ozempic Sinn
„Die Anwendung der Abnehmspritzen sollte allerdings immer Teil einer Lebensstiländerung sein“, merkt der Arzt an. „Am besten begleitet von Bewegung und Ernährungsberatungen, damit auch langfristig ein Effekt eintreten kann.“ Leider finde diese Einbettung in den seltensten Fällen statt. Zudem sei die Therapie nur bei Übergewicht (ab BMI 27) und Adipositas (BMI>30) freigegeben und auch nur für diese Patientengruppen sinnvoll.
Theas Hausärztin verschreibt ihr Mitte Mai Mounjaro. Dazu soll sie eine Therapie machen. Sie startet daraufhin mit einer Einstiegsdosis von 2,5 Milligramm und lässt sich von mehreren Therapeut:innen auf die Warteliste setzen.
Muss man sich leisten können
„Das Medikament ist in so einem Klickpen, mit vier Einheiten, den man aufziehen kann. Meiner hat 206 Euro gekostet. Also 206 Euro pro Monat. Aber das ist ja dann nur die Anfangsdosis, man steigert das in der Regel dann.“
„Ich habe das Glück, dass das für mich ein Betrag ist, den ich mir noch gut leisten kann. Aber viele kritisieren zu Recht, dass Dünnsein dadurch zum Luxus wird.“ Dazu gehöre nicht nur die Spritze, sondern auch gesunde Lebensmittel und private Therapieplätze.
Gefährliche Spar-Tipps auf Social Media
Durch verschiedene Tricks versuchen Patientinnen und Patienten Kosten zu sparen. Ihre kreativen aber oft nicht ungefährlichen Ideen teilen sie auf Tiktok, Instagram und Co. Auch Thea hat sich dort etwas abgeschaut: „Ich kaufe mir inzwischen den 5-mg-Pen anstatt den 2,5-mg-Pen. Der kostet 270 Euro. Durch die Klack-Geräusche beim Aufziehen versuche ich dann zu berechnen, wie oft ich drehen muss, dass es nur eine halbe Dosis ist.“ Manche Leute würden sogar so weit gehen, dass sie den kleinen Rest, der im Pen übrig bleibt, mit einer anderen Nadel herausziehen. In den Sozialen Medien spreche man dann von #goldenshot, weiß Thea. (Anmerkung der Redaktion: Achtung, laut Beipackzettel ist die Durchstechflasche nur zum einmaligen Gebrauch bestimmt.)
Thea ist in den ersten Wochen sehr zufrieden. Sie hat weniger Hunger, isst langsamer. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben ein Gramm verloren, ohne zu leiden.“ Doch nach sechs Wochen mit der niedrigsten Dosis kommt der Food Noise zurück. Thea erhöht die Dosis selbstständig auf 3 mg. Daraufhin wird ihr etwas übel. Für sie sind die Nebenwirkungen akzeptabel.
Muss man das für immer nehmen?
Wie bei jedem Medikament, könne es in seltenen Fällen schwere Nebenwirkungen geben, weiß Emre Tanay vom Klinikum Stuttgart. Aktuell gebe es zum Beispiel die Meldung über die doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit einer Netzhautschädigung bei Diabetikern. Häufiger seien jedoch weniger gefährliche Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen. „Dann muss das Präparat in der Dosis reduziert oder abgesetzt werden.“
Ansonsten heißt es weiter einnehmen. Denn was vielen nicht klar ist: Aktuell gehen Wissenschaftler davon aus, dass für einen lang anhaltenden Erfolg von Wegovy und Co. diese nicht abgesetzt werden sollten. „Die Therapie wurde zum Trend, da sie bei vielen Patienten schnell wirkt, allerdings nur, solange die Therapie fortgeführt wird. Mit ihrem Absetzen kommt es in den meisten Fällen leider wieder zur Gewichtszunahme“, weiß auch Tanay.
Nicht für jede:n geeignet!
Thea ist sich dessen bewusst, für sie überwiegen aber die Vorteile der Spritze: „Für mich hat es das Potenzial, mein gesamtes Leben zu verändern.“ Weiterempfehlen würde sie es aber trotzdem nicht: „Medikamente weiterzuempfehlen, finde ich schwierig. Da muss jeder selbst entscheiden, was für ein Risiko er eingehen möchte.“
Auch Emre Tanay mahnt zur Vorsicht: Für Patienten mit leichtem Übergewicht seien diese Medikamente nicht zugelassen und auch nicht zu empfehlen. „Meine persönliche Empfehlung ist dann eine bewusste Lebensstiländerung, gegebenenfalls mit fachlicher Unterstützung: mehr Bewegung und gesünderes Essverhalten. Hier kann man die Unterstützung einer Ernährungsberatung und Bewegung beim Vereinssport oder Rehasport suchen.“
Hilfe bei Essstörungen
Andreas Stengel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Klinikum Stuttgart „Bei entsprechender (und zunehmender) Beschäftigung mit dem Essen und dem Körpergewicht sollte auch an die Entstehung und das Vorliegen einer Essstörung gedacht werden. Hier kann man bei Verdacht – auch in der Selbstanwendung – Screeninginstrumente einsetzen.“
Screeningfragen Übergibst du dich, wenn du dich unangenehm voll fühlst?, Machst du dir Sorgen, weil du manchmal nicht mit dem Essen aufhören kann?, Hast du in der letzten Zeit mehr als sechs Kilogramm in drei Monaten abgenommen?, Findest du dich zu dick, während andere dich zu dünn finden?, Würdest du sagen, dass Essen dein Leben sehr beeinflusst?; Wenn mindestens zwei Fragen positiv beantwortet werden, sollte der Verdacht auf eine Essstörung gestellt werden und es sollte eine weitere Exploration und Diagnostik erfolgen, z.B. in der Psychosomatischen Institutsambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart.