Paar im Ensemble der Bachakademie Berufsmusiker und Ehepaar – wie gelingt die Liebe auf der Bühne?

Ihre große Liebe zur Musik hat sie zusammengebracht. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Ihre Leidenschaft hat sie zusammengebracht: Yoko Tanaka-Zschenderlein und Jonas Zschenderlein spielen im Ensemble der Bachakademie. Sie erzählen von ihrem Leben als Berufsmusikerpaar.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Wie ist das Leben als Berufsmusiker und Ehepaar, ständig zusammen auf der Bühne und am Proben? Jonas Zschenderlein und Yoko Tanaka-Zschenderlein haben über die Alte Musik zueinander gefunden, sie ist bis heute ihre größte gemeinsame Leidenschaft. Jonas Zschenderlein spielt die Barockgeige und seine Frau die Bratsche, oft treten sie mit der Gaechinger Cantorey auf, dem Ensemble der Bachakademie Stuttgart. Das Ehepaar lebt in Frankfurt am Main, spricht mit uns im Videotelefonat aber von Kyoto, Japan, aus, wo es derzeit einige Wochen verbringt.

 

Frau Zschenderlein, Herr Zschenderlein, wie haben Sie sich kennen gelernt?

Yoko: Ich war 26, er 19. Ich kam aus Kyoto nach Frankfurt, um moderne Bratsche zu studieren. Dort war ich eines Tages wie verzaubert beim Besuch der Barocknacht der Abteilung für Alte Musik der Hochschule für Darstellende Kunst und Musik.

Inwiefern verzaubert?

Yoko: Das war so frei, nicht so streng, sondern entspannt und offen, es war mir neu.

Jonas: Das ist ein bisschen wie beim Jazz, man hat natürlich Regeln, aber jeder findet auch seine eigene Art, das zu spielen, der Notentext lässt den Raum dafür. Es ist wie eine eigene Sprache.

Und wie trafen Sie beide einander dann?

Yoko: Ich habe angefangen, meinen Master in Alter Musik zu machen. Da spielt man öfter in kleinen Ensembles zusammen, man kennt sich. Weil ich die Bratsche spiele und er die Geige, standen wir nebeneinander. Und man geht nach den Auftritten auch was trinken.

Yoko Tanaka-Zschenderlein und Jonas Zschenderlein Foto: HOLGER SCHNEIDER

Herr Zschenderlein, wie kamen Sie zur Alten Musik?

Jonas: Ich spiele seit ich denken kann Geige, wir waren eine musikalische Familie. Meine Eltern mochten auch schon die Alte Musik. Wir hatten ein Cembalo zu Hause und ganz viele Aufnahmen von den Alte-Musik-Pionieren Harnoncourt, Kuijken, Goebel. Mein erster Geigenlehrer hat mir im Grundschulalter eine Barockgeige in die Hand gedrückt. Mit 13 habe ich in einem Jugendorchester gespielt, das auf Alte Musik spezialisiert war.

Was ist das Besondere an Alter Musik?

Jonas: Das kann sehr unterschiedlich sein, je nach Jahrgang des Stückes. Wenn es von 1650 ist, benutzt man andere Saiten und andere Bögen, als wenn es von 1750 ist. Bei der Gaechinger Cantorey, wo wir sehr viel spielen, sind wir auf Johann Sebastian Bach fokussiert. Deshalb sind unsere Instrumente auf diese Zeit eingerichtet, auf den Hochbarock. Damit beschäftigen wir uns viel, was man genau für Saiten benutzt zum Beispiel. Diese Quellenkunde hört nie auf, weil man neue Sachen erkennt. Und es kommen immer noch neue Quellen ans Licht.

Das Ziel ist es also, es so zu spielen, wie es gemeint war, wie es damals klang?

Yoko: Genau, um das zu reproduzieren, wie der Komponist das damals entworfen hat. Er hat das mit dem Klang im Ohr komponiert, wie die Instrumente damals waren. Das ist in keiner Weise ein Rückschritt, auch wenn die Instrumente sich heute längst verändert haben. Bach wurde ursprünglich nicht in Konzertsälen für 2000 Leute gespielt, sondern in kleinen Räumen oder Kirchen, solche Dinge muss man mitdenken.

Eben sagten Sie, Alte Musik sei wie eine eigene Sprache. Wie ist das gemeint?

Jonas: Musik ist generell eine Sprache, nur ist diese Musiksprache je nach Epoche und Stil sehr unterschiedlich. Der Notentext ist viel leerer, sage ich mal, als in der Romantik.

Und wenn man miteinander spielt, muss man die jeweilige Art zu improvisieren auch verstehen?

Yoko: Ja, ich glaube, das war auch etwas, woran wir gemerkt haben, dass wir zueinander passen. Wenn die Spielweise komplett unterschiedlich gewesen wäre, dann hätten wir vielleicht nicht zusammengefunden.

Jonas: Wir haben gemerkt, dass wir die gleiche Atmung und Musikalität haben.

Yoko: Wenn man etwas Kanonisches spielt, kommt ja dann die erste Geige, die zweite Geige, die Viola. Wir kommunizieren mit den Instrumenten. Je nachdem, wie jemand reagiert, merkt man sofort, ob das passt.

Jonas: Das ist der entscheidende Punkt, dass man diese Sachen spontan macht. Man hört einfach zu, wie der andere spielt und passt sich dem an. Das macht es spannend. Es kann sein, dass in der Probe etwas anders ist als im Konzert. Das trainieren wir auch ein bisschen, das zulassen zu können.

Wie oft treten Sie zusammen auf?

Jonas: Am Anfang hatten wir noch relativ unterschiedliche Ensembles. Heute spielen wir mindestens die Hälfte unserer Konzerte zusammen. Bei der Gaechinger Cantorey spielen wir meistens zusammen. Das ist unterschiedlich je nach Monat, aber man kann schon sagen, mindestens einmal im Monat ist ein Projekt, bei dem wir auftreten. Manchmal sind es dann drei im Monat und dann ist zwei Monate nichts.

Yoko: Wir sind viel unterwegs. Wenn wir Konzerte spielen, sind wir fast nie zu Hause.

Was war beispielsweise das letzte Konzert, das Sie zusammen hatten, und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Yoko: Wir haben die Matthäuspassion gespielt. Da muss man sich eigentlich nicht viel vorbereiten, das spielt man jedes Jahr.

Jonas: Wie bitte? Du hast es halt schon sehr oft gespielt. Bei mir war das anders. Ich habe Konzertmeister gemacht, und es war in der Elbphilharmonie, auch mit der Gaechinger Cantorey. Das war für mich etwas Besonderes, da habe ich auch eine Solo-Aria, die muss ich schon vorbereiten. Ich habe ein paar Wochen vorher angefangen, das ins tägliche Üben aufzunehmen. Es ist aber viel parallel, wir spielen in vielen Ensembles.

Wie ist Ihr Alltag zusammen, sind Sie auch ständig gemeinsam am Proben?

Jonas: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt eigentlich keinen sich wiederholenden Alltag. Aber den Morgen gehen wir meistens sehr entspannt an. Das ist bei vielen Musikern so, schätze ich. Dann fahren wir Rad, beantworten E-Mails, üben ein bisschen, kochen etwas, üben wieder.

Welche Sprache neben der Musik sprechen Sie miteinander?

Yoko: Jetzt waren wir länger in Japan, da sprechen wir wieder mehr Japanisch. Im Alltag in Deutschland eher Deutsch.

Jonas: Ich lerne Japanisch, seitdem ich Yoko kennengelernt habe. Seither waren wir öfter in der Nähe von Kyoto bei ihren Eltern. Auch am Anfang von Corona waren wir in Japan. Als dann alle Konzerte abgesagt wurden, sind wir erst mal hier geblieben. Fünf Monate lang. Da habe ich viel mit ihren Eltern gesprochen und Freunde gefunden, auch übers Radfahren. Das ist mehr ein Alltagsjapanisch, das ich spreche.

Yoko: Er spricht meinen Dialekt, also das westliche Japanisch.

Wie viel Zeit verbringen Sie in Japan?

Jonas: Seit Corona machen wir in Japan größere Blöcke, wir sind dann zum Beispiel einen Monat in Japan. Jetzt haben wir auch mehr Connections dort. Wir unterrichten ein bisschen und geben ab und zu kleinere Konzerte. Die Möglichkeiten sind nicht so groß wie in Deutschland, aber wir finden es schön, dort zu sein, und auch wieder mehr Kontakt zu Yokos Familie zu haben.

Yoko: Neben meinem Elternhaus steht noch das Haus meiner Großeltern. Dort habe ich während der Corona-Zeit viel aufgeräumt, da waren so viele Bücher und Kram. Jetzt können wir dort schlafen und unsere Ruhe haben.

Was spielen Sie außer der Bratsche?

Yoko: Ich bin mit ganz vielen Instrumenten aufgewachsen. Meine Eltern lieben die Musik, aber der Vater meines Vaters hat ihm nicht erlaubt, selbst Musiker zu werden, er sagte: Du musst einen Brotberuf lernen. Mein Vater hat das bei mir dann anders gemacht. Ich habe Klavier gespielt, Bassklarinette, Oboe, Geige und Gitarre. Heute spiele ich neben der Bratsche noch Oboe und Klavier. Ich mag es auch, zu begleiten. Ich kann damit sehr gut entspannen. Wir spielen zu Hause zusammen Klavier und Geige. Ich habe eigentlich keine Hobbys, weil das meine Abwechslung und meine Erholung ist.

Was spielen Sie dann?

Yoko: Sicilienne von Fauré.

Jonas: Oder Mozartsonaten.

Haben Sie ein Lieblingsstück aus der Alten Musik?

Yoko: Manchmal höre ich sehr gerne Et misericordia aus dem Magnificat von Bach. Oder Beethovens Symphonien.

Jonas: Was ich mir immer anhören kann, sind die Sonaten von Mozart für Geige und Klavier. Und weil wir so viel Bach in Stuttgart gespielt haben die letzten Jahre, haben wir davon auch viele Aufnahmen, die höre ich mir ehrlich gesagt auch sehr gerne an, weil vieles davon so besonders war.

Yoko: Ja, diese Vier-Bratschen-Kantate.

Jonas: BWV 18 – Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt. Da haben wir beide Bratsche gespielt.

Jonas: Der Text hat eine solche Tiefe. Es geht aber auch musikalisch so tief. Bach hatte einfach unglaubliche Ideen. Ich kenne kein anderes Stück für vier Solo-Bratschen und zwei Blockflöten und dann noch Continuo und Sänger. Er hat in dieser Zeit, als er die Kantate geschrieben hat, sehr viel ausprobiert. Das sind schon meine Lieblingsstücke.

Alte Musik

Musiker
 Yoko Tanaka-Zschenderlein wurde 1988 in Shiga, Japan, geboren und lebt seit 2010 in Deutschland. Sie absolvierte ihr Masterstudium der Viola und Oboe mit Spezialisierung auf die historische Aufführungspraxis an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Gegenwärtig konzertiert sie in Ensembles wie der Gaechinger Cantorey, B’Rock Orchestra, Freiburger Barockorchester, Ensemble 1700 und anderen. Jonas Zschenderlein, geboren 1995 in Koblenz, ist ein Konzertmeister im Bereich der Alten Musik und tritt mit Ensembles wie der Gaechinger Cantorey, Ensemble 1700 und Concerto Köln auf. In einer musikalischen Familie aufgewachsen, fand er als Jugendlicher zur Barockmusik, was er auch dem Jugend-Barockorchester „Bachs Erben“ zu verdanken hat. Einer seiner weiteren Schwerpunkte ist die Kammermusik mit teils eigens gegründeten Ensembles, die 2018 zu einem Opus Klassik führte.

Bachakademie
 Die Internationale Bachakademie Stuttgart wurde 1981 von Helmuth Rilling gegründet und widmet sich der Aufführung, Vermittlung und Erforschung der Musik von Johann Sebastian Bach. Sie veranstaltet Konzerte, Musikfeste und Bildungsprojekte.

Gaechinger Cantorey
Das Ensemble der Bachakademie besteht aus Chor und Barockorchester und steht für historisch informierte Aufführungspraxis. Es entstand 2016 durch die Zusammenführung der Gächinger Kantorei und des Bach-Collegium Stuttgart und wird von Hans-Christoph Rademann geleitet. 

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