Paar in offener Ehe Alex’ Ehefrau schläft mit anderen – er findet das höchst spannend
Als seine Frau von ihrer Affäre erzählt, ist Alex nicht eifersüchtig – es macht ihn eher an. Heute, 20 Jahre später, gehören Affären zu ihrer Ehe dazu.
Als seine Frau von ihrer Affäre erzählt, ist Alex nicht eifersüchtig – es macht ihn eher an. Heute, 20 Jahre später, gehören Affären zu ihrer Ehe dazu.
Es war der Abend vor seiner Hochzeit, als Alex’ zukünftige Frau ihm eröffnete, dass sie mit einem anderen Mann geschlafen hatte. Dabei waren sie da schon ein Paar gewesen. Mit ihm hatte sie sich schon vorher regelmäßig getroffen, bei ihrer Arbeit im Hotel. Jetzt, kurz bevor sie Alex heiraten würde, wollte sie Klarheit schaffen.
Ein Schock für ihn? Nicht wirklich, sagt der 59-Jährige aus dem Osten Baden-Württembergs heute. Vielmehr merkte er, dass er neugierig war. Sich vorzustellen, wie seine Frau mit einem anderen Mann zugange ist, habe ihn erregt.
Eine neue Erfahrung. Sie habe damals etwas angestoßen, erzählt er rückblickend. „Ich war schon vor meiner Ehe kein Kind von Traurigkeit“, sagt er. Aber wenn er in Beziehungen war, sei das für ihn kein Thema gewesen. Seine Frau sei die Ruhigere, Schüchterne. Sexuell lebe sie sich aber gerne aus – ob das nun im Widerspruch miteinander steht oder nicht.
Heute jedenfalls, fast dreißig Jahre später, leben die beiden in einer offenen Ehe. Affären spielen in ihrem Leben eine Rolle – ohne Heimlichkeit. Damit sind sie eine ziemliche Seltenheit. Denn obwohl es keine aussagekräftigen Statistiken über offene Beziehungen gibt; laut einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag des Nachrichtenportals „Watson“ konnten sich 2025 nur 18 Prozent der Deutschen vorstellen, eine zu führen. Die meisten (ein Viertel) waren zwischen 18 und 29 Jahren. In Alex’ Alter ist das also eher ungewöhnlich.
Trotzdem: für ihn funktioniert’s. Nach der Offenbarung seiner Frau probierten sie sich gemeinsam aus. Als ein Paar über eine Zeitungsannonce nach sexuell aufgeschlossenen Paaren suchte, meldeten sie sich. „Das hat uns geprägt. So wie die wollten wir nie werden“, sagt er. Der Mann habe die Tür geöffnet und seine Frau sofort aufgefordert, sich auszuziehen. „Da war der Ofen direkt aus“, sagt Alex. Nach einer halben Stunde sei das Treffen vorbei gewesen.
Die zweite Erfahrung sei schon deutlich besser gewesen. Die folgte erst eineinhalb Jahre später, dazwischen war ihr zweites Kind auf die Welt gekommen. Nach dieser Bedenkzeit merkten sie, dass die Lust immer noch da war. „Mit dem Paar lief es harmonischer und ein bisschen ruhiger ab“, erzählt Alex. Sie trafen sich immer wieder.
Nach ein paar Treffen mit dem Paar merkte Alex’ Frau, dass es doch nicht ganz passte. Sie beschlossen, den beiden das getrennt beizubringen: Alex ging mit der Frau spazieren, seine Frau sprach mit dem Mann zuhause. „Als wir zurückkamen, war meine Frau mit dem Mann schon relativ gut zugange“, sagt er. „Sie hatten noch keinen Sex, aber es war kurz davor.“ Damit hätte wohl niemand gerechnet, sagt er.
Das war der Punkt, an dem sie zum ersten Mal in einen Swingerclub gingen. Und an dem sie beschlossen, auch mal einzeln Erfahrungen zu machen. Bis dahin waren sie immer als Paar unterwegs gewesen – eine der Regeln, die sie zu Beginn festgelegt hatten. Sie flog hochkant über Bord.
So ist es auch heute noch. Swingen, gemeinsame Erlebnisse und Affären, die jeder einzeln hat. Manche dauern schon recht lange, andere sind „kurz und heftig“. Seine Frau trifft sich seit fast 20 Jahren mit einem Mann. Alex kennt ihn, er kennt Alex. Wenn seine Frau mit dieser Affäre oder einem anderen Mann unterwegs ist, findet er das höchst spannend. „Kopfkino hoch drei“, sagt er. Selbst wenn er sich parallel mit Frauen treffe, könne er sich gar nicht richtig auf sie konzentrieren. „Wenn sie zurückkommt, sehe ich sofort, wie gut es ihr gefallen hat“, sagt er. Er wolle gerne viel darüber wissen, was in der Zeit passiert sei. Weil es ihn anregt.
Seiner Frau gehe es ganz anders. Sie interessiere sich nicht wirklich dafür, was genau er mit seinen Affären macht. Eifersucht sei aber bei beiden kein Problem.
Manche Bekanntschaften treffen sie über Onlineportale wie das Netzwerk Joyclub. Aber Alex findet, dass es manchmal sogar einfacher ist, Frauen live kennenzulernen. Im echten Leben. Zum Beispiel an Hotelbars, wie im Film. Weil er im Außendienst arbeitet, sei er da regelmäßig. „Ich sage es mal so: Wenn eine Frau alleine in der Hotelbar sitzt und du sie zum Lachen bringst, ist das die halbe Miete“, sagt er.
Wichtig sei ihm aber, mit offenen Karten zu spielen. „Bevor ich mit einer Frau ins Bett gehe, sage ich ihr, dass ich verheiratet bin.“ Er wolle deutlich machen, dass sich daraus keine Beziehung ergeben könne. Manche reagierten überrascht, aber auch daraus entstünden oft spannende Gespräche.
Das ist eine Regel, die über die Jahre bestehen blieb: „Ich habe kein Problem damit, Kontakt aufzubauen oder mich öfter mit einer Frau zu treffen – aber sie muss halt wissen, dass meine Frau vorne dran steht und immer, immer wichtiger ist“, sagt er.
Genauso wie er mit offenen Karten spielt, will er von seinen Partnerinnen wissen, ob sie gebunden sind. Zumindest, wenn er sie öfter sieht. „Bei einem One Night Stand ist es mir relativ egal“, sagt er. Da müssten die Frauen wissen, was sie tun. Aber wenn die Frau ihrem Partner nichts davon erzählen will, und das zu Problemen führen könnte, hat er eher keine Lust darauf. „Ich will nicht, dass der Partner auf einmal bei uns vor der Tür steht“, sagt er.
Das ist auch eine Regel für Alex und seine Frau. „Wir wollen nicht zwingend Steigbügelhalter für Betrug und Lüge sein.“ Man übernehme eine gewisse Verantwortung, wenn man eine Affäre eingeht. Für ihn ist das ab dem dritten oder vierten Treffen, „wenn klar ist, worauf es hinausläuft“.
Meistens gebe es ja Gründe dafür, dass jemand eine Affäre eingeht. Ein Bedürfnis, das in der Beziehung nicht erfüllt wird. Besonders bei der heimlichen Version. „Da ist die Frage, warum man mit dem Partner nicht reden kann.“ Das ist bei Alex und seiner Frau ganz anders. Er habe den Vorteil, dass seine Affären ihn auch mal anrufen könnten. Dass er spontan sein könne. „Wenn man das heimlich planen muss, ist es Sex nach Kalender“, sagt er.
Letztlich müsse jeder diese Gründe für sich beurteilen. Und was ist sein Grund? „Die Lust am Sex mit anderen“, sagt er. Die Aufregung, das Neue, das eben ganz anders sei als der Sex mit seiner Frau, zu der er eine emotionale Nähe hat. Aber er sagt: „Die offene Beziehung funktioniert nur, wenn du eine gefestigte Partnerschaft und großes Vertrauen zueinander hast“. Im Grunde ist das die Hauptregel: Dass sie miteinander sprechen, egal, was passiert.
Und was ist mit anderen Menschen? Wissen die auch, dass sie eine offene Beziehung führen? Sie gehen nicht damit hausieren, sagt Alex. Aber wenn jemand es mitbekommt und Fragen hat, seien sie ganz offen. „Unsere Kinder haben uns irgendwann eröffnet, dass sie davon wissen“, sagt er. Aber ihnen sei das egal. Ein paar mal hätten sie nachgefragt, inzwischen spiele es keine Rolle mehr. Er lacht. „Für Kinder haben Eltern ja sowieso keinen Sex.“