InterviewPaarserie „Beziehungsweise“ (4): Sea + Air „Ich denke beim Singen nicht an ihn“

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Warum passen zwei Menschen zusammen? In einer Serie sprechen besondere Paare über ihr Leben. Heute: Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin sind Eheleute und das Popduo Sea + Air.

Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin im Dachboden ihres Frickenhausener Eigenheims. Bilder vom letzten Konzert der Band in Kornwestheim zeigt die Fotostrecke. Foto: Gottfried Stoppel 8 Bilder
Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin im Dachboden ihres Frickenhausener Eigenheims. Bilder vom letzten Konzert der Band in Kornwestheim zeigt die Fotostrecke. Foto: Gottfried Stoppel

Frickenhausen - Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin alias Sea + Air waren in den vergangenen sechs Jahren mit ihren lieblichen Popsongs permanent auf Tour. Beim Interviewtermin im Eigenheim in Frickenhausen sind sie kurz vor der Abreise Richtung Griechenland. Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin waren noch Teenager, als sie ein Paar wurden und in der ersten gemeinsamen Band namens Jumbo Jet spielten. Wie hält man das so lange durch?

Wie haben Sie sich kennengelernt?
Daniel Benjamin: Das ist in einem Dorf wie Frickenhausen relativ unausweichlich für Charaktere wie uns.
Eleni Zafiriadou: Man hat so ein Radar, das gleich anschlägt, wenn ein Seelenverwandter im näheren Umfeld auftaucht.
Daniel B.: Zudem gab es diverse Begebenheiten, die mit Schlafwandeln zu tun hatten oder mit der Dorfdisco, wo man sich Songs wünschte, die nur der andere überhaupt kannte. Zusammengekommen sind wir letztendlich auf einer Müllkippe in der Nähe von Pforzheim.
Das müssen Sie jetzt natürlich erzählen!
Eleni Z.: Daniel hatte dort einen Nachtwächterjob, und ich habe ihn eine Schicht lang begleitet. Das war quasi unser erstes Date, zwischen Ratten und Mülleimern. In einem romantischen Moment bei Vollmond kamen wir uns näher. Das war in einem Kaff bei Pforzheim, in Niefern. Ist doch ein schönes, lustiges Wortspiel: nie fern.
Hatte Ihre Annäherung damals schon etwas mit Musik zu tun?
Daniel B.: Eleni war für mich der Grund, die Band Jumbo Jet zu gründen. Ich hatte ein Auge auf sie geworfen, aber ich war 17 Jahre alt und schüchtern. Um mehr Zeit mit Eleni zu verbringen, habe ich sie gefragt, ob sie in der Band singen will.
Eleni Z.: Ich habe geantwortet: Schreien kann ich. Und ich wollte schon immer Mitglied einer Punkband sein.
Sie haben sich also quasi gleichzeitig für Ihren Beruf und Ihren Partner entschieden – obwohl Sie damals noch nicht einmal volljährig waren.
Eleni Z.: Als wegweisende Entscheidung für mein Leben habe ich das damals nicht wahrgenommen. Ich war ein Teenager, der sich austoben wollte, und bei Jumbo Jet konnte ich das. Es ging auch nicht darum, mit unserer Musik Geld zu verdienen, sondern um die Gemeinschaft mit Freunden.
Daniel B.: Diese gemeinsame sorglose Teeniezeit war schon wichtig für uns.
Eleni Z.: Anfang 2000, nach einem Gig in Berlin, kam dann so ein illustrer Typ auf uns zu. Er versprach, eine Platte mit uns zu produzieren, nach dem Motto: Ich bringe euch ganz groß raus. Wir haben das nicht ernst genommen, sind aber trotzdem hingefahren. Die Band hat dann einige Monate im Studio in Berlin gewohnt. Einmal in der Woche waren wir zum Duschen bei einem Freund in Friedrichshain. Das waren schon sehr punkige Zeiten.
Daniel B.: In das Studio kamen irre Typen. Marlon zum Beispiel, ein 15-Jähriger, der damals mit Udo Lindenberg gesungen hat. Mit Marlon haben wir in einem Zimmer geschlafen. Eine Woche später hat er in der „Bravo“ erzählt, dass Jumbo Jet voll die tolle Band sei.
Eleni Z.: Ständig fanden in dem Studio wilde Partys statt. Die Leute haben auf unseren Cornflakes-Packungen gekokst. Wir Landeier waren erschüttert.
Daniel B.: Wenn die Partys zu lange gingen und wir am Morgen wieder aufnehmen sollten, habe ich den Hauptstromschalter umgelegt, um ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.
Eleni Z.: Und unser Produzent hat uns dafür bezahlt, dass wir die Bude putzen.

Warum gingen Sie zurück in die Provinz?
Daniel B.: Berlin ist wie Disneyland. Da gehen nur langweilige Leute vom Dorf hin, die sich dann eben in der großen Stadt langweilen. Von uns wollte keiner in Berlin bleiben. Zwei Bandmitglieder sind nach Leipzig gezogen, Eleni und ich in den Schwarzwald.
Eleni Z.: Ich habe in Nagold in einer Werbeagentur gearbeitet, Daniel hat Schlagzeugunterricht gegeben und mit mir sowie wechselnden Gastmusikern zusammengearbeitet. Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass wir nur als Zweierkonstellation von der Musik leben können. Also haben wir uns für diesen Weg entschieden und sind seither als Sea + Air unterwegs.
Von lustigen Wortspielen hatten wir es ja vorher schon.
Daniel B.: Witze machen ist wie Songs schreiben: um auf einen guten zu kommen, braucht es drei schlechte.
Eleni Z.: Den Wortwitz mit Sea + Air – Sie und Er – kapieren nur Deutschsprachige, unser Publikum haben wir aber in ganz Europa. Die meisten verstehen bloß „Meer und Luft“.
Der Bandname spielt damit, dass Sie auch privat „Sie und Er“ sind. Wie hält man es aus, ständig zusammen zu sein, daheim, im Studio, auf Tour?
Eleni Z.: Im Griechischen gibt es drei Arten der Liebe: Philia, Eros und Agape, also Freundschaft, Leidenschaft und die göttliche, selbstlose Liebe. Wenn eine Beziehung aus allen drei Arten besteht, kann sie so etwas auch aushalten. Wichtig ist, dass man seine Rituale auf Tour mitnimmt. Eine Serie anzuschauen zum Beispiel, und sei es um ein Uhr nachts.
Jedes Paar streitet manchmal. Es muss schwierig sein, dann auf der Bühne die reine Liebe zu besingen, wie es viele Ihrer Lieder tun.
Eleni Z.: Wir versuchen, nie im Streit auf die Bühne zu gehen und auch nicht ins Bett. Für Anschweigen habe ich kein Talent.
Daniel B.: Wir könnten die Songs gar nicht so oft singen, wenn sie nur eine Dimension hätten, sie also nur unsere eigene Paarbeziehung reflektieren würden. Vielmehr geht es immer auch um die Liebe als solche. Unser Lied „You Are“ wird gern bei Hochzeiten verwendet: „You are greater than of the universe . . . you are love“. Für die Hochzeitspaare spielt es gewiss keine Rolle, dass dieser Song eigentlich einen Teil von Elenis Familiengeschichte thematisiert.
Eleni Z.: Ich denke beim Singen von Liebesliedern nicht an Daniel. Die Texte handeln ja nicht von uns. Dass ein Song wie „You Are“ bei vielen Leuten hängen bleibt, hat mit ihrer eigenen Sehnsucht zu tun. Das Lied ist für sie eine Projektionsfläche.
Daniel B.: Früher hat es mich total geärgert, dass viele uns auf unsere Liebeslieder reduzieren. Mittlerweile ist mir das ziemlich egal.

Bei Ihrem bislang letzten Auftritt, in Kornwestheim im Herbst, haben Sie Ihr nach meinem Empfinden recht kitschiges Lied „We Under­stand You“ ironisch mit Vollplayback vorgetragen. Eleni hüpfte um ihre Keyboards, Daniel bat eine ältere Dame aus dem Publikum zum Paartanz auf die Bühne. Selbstironie gehört offenbar zu Ihrem Repertoire.
Eleni Z.: Wir waren schon immer selbstironisch. Es ist wichtig, sich nicht so ernst zu nehmen. Mir wäre es zu einseitig, wenn wir nur schöne Liebeslieder spielen würden.
Aber das verstört die Händchenhalter!
Daniel B.: Das ist eigentlich nur ein deutsches Problem und vielleicht noch eines für Holländer, dass man ein Liebeslied entweder ganz berührend oder superkitschig präsentiert bekommen will. Wir finden es spannend, auf der Bühne solche Erwartungshaltungen auch mal zu hinterfragen.
Wie lange waren Sie jetzt auf Tour?
Eleni Z.: Sechs Jahre, seit 2010.
Daniel B.: Die längste Pause dauerte drei Monate.
Was ist mehr Beziehungstest: das Touren oder die Pausen?
Daniel B.: Die Übergänge sind am schwierigsten. Da ist es egal, wie gut man sich kennt.
Eleni Z.: Bei der Rückkehr ist man noch berauscht von der Tour – dann fällt man in ein tiefes Loch.
Kann man diesen Rhythmus ewig durchhalten?
Daniel B.: Mit der Hälfte der Konzerte vielleicht schon. Wir haben jetzt 150 Auftritte im Jahr gehabt. Es geht auch um den Lifestyle. Man kriegt auf Tour so viel hinterhergeworfen. Allein an Drogen . . . sogar in Stuttgart!
Was kommt jetzt, nach sechs Jahren gemeinsamer Tournee?
Daniel B.: Wir waren in einer Art Sinnkrise. Man wird ja auch älter. Aber es ist ein schönes Gefühl, dass man mit 14 seinem Mathelehrer gesagt hat: Ich brauch’ die Scheiße nicht, weil ich später Musiker werden will. Und jetzt ist es so gekommen, und ich kann von der Musik leben. Jetzt können wir zum Spaß Jumbo Jet wiederbeleben.
Eleni Z.: Sea + Air machen wir natürlich weiterhin. Aber ich werde dieses Jahr vielleicht auch mit einer anderen Band unterwegs sein. Man kann nach sechs Jahren auch einmal beruflich getrennte Wege gehen.
Was war die längste Zeit, die Sie nicht zusammen waren?
Daniel B.: Zwei Wochen?
Eleni Z.: Nein, einmal war ich sechs Wochen weg. Das war in unserem ersten Sommer, kurz nachdem wir zusammengekommen waren. Das war ganz schön hart!
Ist es für Sie denkbar, Kinder zu haben?
Eleni Z.: Wir haben ja auch schon zwei Kinder – unsere Alben!
Und was machen Sie mit dem Kind, wenn Sie wieder auf Tour sind?
Eleni Z.: Dann braucht man halt jemand, der auf das Kind aufpasst.
Daniel B.: Wir wollen Kinder. Bislang haben wir unsere unsichere finanzielle Situation als Ausrede genutzt. Apropos: Kann man als Musiker eigentlich Elterngeld bekommen?
 

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