InterviewPaarserie „Beziehungsweise“ „Während der Reise haben wir uns nie richtig gezofft“

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Wie funktioniert ein gutes Reiseteam?
Gwen W. Wichtig ist, dass jeder seinen Bereich hat, in dem er stärker ist als der andere – und man sich genau darin gut ergänzt.
Patrick A. Die Grundphilosophie und das Verständnis vom Reisen müssen schon ähnlich sein. Gwen und ich sind beide nicht zimperlich, wenn es mal etwas unbequemer wird.
Gwen W. Wichtig ist auch, dass jeder dazu bereit ist, Kompromisse einzugehen.
Ging es gut, solche Kompromisse zu schließen?
Patrick A. Ja. Irgendwann hatten wir ein Gefühl dafür, wann dem anderen etwas wichtiger war, und dann haben wir das so gemacht. Aber ohne Strichlisten zu führen – das hat sich von alleine ausgeglichen.
Gab es denn überhaupt keine Unstimmigkeiten?
Patrick A. Wenn’s wirklich mal richtig stressig war, etwa weil wir irgendwo kein Visum bekommen haben, dann waren wir schon gereizt. Aber das war stets den Umständen geschuldet.
Gwen W. Während der Reise haben wir uns lustigerweise nie richtig gezofft. Wir hatten ja auch die Zeit, viel zu kommunizieren.
Patrick A. Wenn uns etwas stört, sprechen wir das direkt an. Die Nähe auf der Reise hat das leichter gemacht – wenn man nebeneinander ist, spürt man vieles.
Gwen W. Erst am Ende der Reise waren wir angespannter und haben uns ab und zu angezickt – in den letzten drei, vier Wochen, als wir von Barcelona aus nach Hause gelaufen sind und immer nervöser wurden.
Patrick A. Da waren wir auch körperlich manchmal wirklich am Anschlag. Das hat dann auf die Laune geschlagen.
Ist Ihnen eine besonders heikle Situation von der Reise im Kopf geblieben?
Gwen W. Wir haben uns in Mexiko einen Bus gekauft, als wir wussten, dass wir ein Kind kriegen. Der Bus lief aber nicht richtig, und wir sind von Werkstatt zu Werkstatt gezogen. Es war klar, dass es mit unserem Kind ohne den Bus nicht weitergegangen wäre.
Patrick A. Geschweige denn, dass wir genug Geld gehabt hätten, uns einen neuen zu kaufen. Irgendwann konnte der Bus aber doch noch repariert werden.
Bruno, Ihr Sohn, kam im Mai 2015 in Mexiko zur Welt. Haben Sie nie darüber nachgedacht, die Reise abzubrechen, als das klar war?
Gwen W. Wir haben uns offengehalten, nach Hause zu fahren, wenn es Probleme geben sollte. Aber es war ziemlich schnell klar, dass wir weiterreisen, auch schwanger und mit Kind.
Patrick A. Wir waren zuversichtlich, dass wir auch in Mexiko Leute finden würden, die ähnliche Vorstellungen von einer Geburt haben wie wir – und so war es dann auch.
Gwen W. Wir wussten auch: Wenn wir nach Hause gehen, muss einer von uns wieder arbeiten. Und wenn wir weiterreisen, sind wir rund um die Uhr als Familie zusammen. Das war natürlich ein unschlagbares Argument.
Was hat sich durch die Geburt von Bruno auf der Reise verändert?
Gwen W. Ein Kind ist definitiv eine Herausforderung für eine Beziehung. Da geht es dann eben nicht mehr nur darum, Kompromisse untereinander zu finden, sondern da ist dann auf einmal noch ein neues, völlig anderes Bedürfnis. In Bezug auf das Reisen hat das bedeutet, dass wir uns viel weniger mit den fremden Kulturen beschäftigt haben. Wir haben uns stärker auf uns konzentriert und die Hauptenergie in unsere Familie gelegt.
Patrick A. Man ist natürlich automatisch organisierter. Die ersten zwei Jahre haben wir uns beim Reisen völlig treiben lassen – da war auch nicht wichtig, wo wir abends schlafen. Manchmal sind wir bis nachts noch getrampt. Mit Bruno wäre das nicht gegangen – wir mussten gucken, dass wir regelmäßig essen und schlafen. Das war eine völlige Umstellung.
Jetzt sind Sie zurück in Ihrer Heimatstadt Freiburg und kümmern sich erst einmal um den Vertrieb von dem Film, den Sie aus den Reiseaufnahmen produziert haben. Bleibt etwas von dem zurück, was Sie auf der Reise gelernt haben?
Gwen W. Hoffentlich die Flexibilität – einfach zu gucken, was kommt. Und das Wissen, dass man mit einer positiven Einstellung und mit Vertrauen in die Welt weit kommen kann.
Patrick A. Wir wurden auf unserer Reise fast nie enttäuscht. Im Gegenteil, die Sachen, die man sich so denkt über Pakistan oder den Iran, stellen sich vor Ort ganz anders dar. In unserem Film sagen wir: Wir haben Fantasie mit Erfahrung getauscht. Wir haben gelernt, dass es nichts bringt, alles detailliert zu planen. Das zeigt sich jetzt wieder: Wir hatten nicht geplant, einen Kinofilm zu machen. Jetzt geht dieses Projekt auf seine Reise – und wir auch. Wir haben einen kleinen Wohnwagen, darin schlafen wir, solange wir mit dem Film durchs Land touren. Das alles wird uns wieder irgendwo hinführen.
Gwen W. Wir haben keinen Plan für die nächsten fünf Jahre. Aber wir haben gelernt, große Träume zu haben – und in kleinen Schritten zu planen. Und für unsere Beziehung: sich nicht stressen zu lassen und sich Zeit zu nehmen für das Kommunizieren.




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