Paartherapie in Stuttgart „Ich habe Angst heimzukommen, und er liegt tot in der Badewanne“

Pete und Ella lernen von der Therapeutin Franciska Wiegmann-Stoll, wie sie Wege finden können, mit Ängsten wegen Petes suizidalen Gedanken umzugehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Pete und Ella versuchen als Paar mit Petes Depression fertig zu werden. In ihrer dritten Paartherapiesitzung im Stuttgarter Westen sprechen sie über ein Tabu: Es geht um suizidale Gedanken.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Pete stellt sich seine Depression so vor: Ein kleines Kind baut mit Holzklötzen ein Schloss auf, dann kommt ein anderes und wirft alles wieder um. Das andere Kind sei seine Krankheit, sagt Pete, und er der, der mit Klötzen alles immer wieder neu aufbauen müsse. Wenn das fünfmal so laufe, sei es unvorstellbar, wieder neu anzufangen.

 

Die Depression ist wie ein dritter Akteur in der Beziehung

Heute sind Ella und Pete zu ihrer vorerst letzten Sitzung der Paartherapie in den Stuttgarter Westen gekommen. Die Therapeutin Franciska Wiegmann-Stoll ist begeistert von der Metapher, die sich Pete für seine Krankheit ausgedacht hat, sie holt einen Flipchart hervor und schreibt die Namen von Ella und Pete auf das Blatt, zieht Kreise darum und malt einen weiteren dazu, einen für die Depression. Wiegmann-Stoll erklärt: „Petes Depression ist wie ein weiterer Akteur in eurer Beziehung, eine dritte Person – manchmal kann Ella sich fragen, mit wem sie spricht, mit Pete oder der Depression.“

Therapeutin Franciska Wiegmann-Stoll Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Stuttgarter Ehepaar Ella und Pete, 35 und 37 Jahre alt, hat sich in Behandlung begeben in den Praxisräumen der Therapeutin. Sie gehen zur Paartherapie, weil sie Hilfe brauchen im Umgang mit Petes Depression. Er sagt: „Ich möchte nicht akzeptieren, immer mit dieser Krankheit leben zu müssen.“ Ella glaubt, er müsste die Krankheit aber als Teil seines Lebens annehmen. Das sieht auch die Therapeutin so. Sie fragt: „Fällt es dem Kind wirklich so schwer, alles immer neu aufzubauen? Es ist doch wie beim Laufenlernen, das Kind steht immer wieder auf, und das fällt dem Kind nicht schwer, es kann den Turm dann beim nächsten Mal umso schöner bauen. Du musst es nicht bemitleiden.“ Pete solle lernen, mit der Krankheit zu leben wie andere mit chronischen Krankheiten leben müssen.

Ella blickt zu Boden und sagt ganz nüchtern, sie fürchte manchmal das Schlimmste. „Ich habe Angst, heimzukommen, und er liegt tot in der Badewanne, ich rechne immer mit dem Schlimmsten.“ Ella sagt, das sei, weil sie auch 2020 vollkommen überrascht war, als Pete ihr offenbarte, wie schlecht es ihm ging und dass er eine Depression habe. Damals fing alles an. Auch heute noch, das gesteht Pete ein, offenbare er ihr oft nicht, wie es ihm in Wahrheit gehe.

„Wenn man in dem Tunnel ist, wird es im Kopf immer enger“

Kommt es zum Streit, wird Ella meist laut, Pete zieht sich zurück und sagt, er wolle kein „Boxsack“ sein. Wie kann das Paar lernen, besser zu kommunizieren, auch um Ella zu helfen, weniger Ängste bezüglich Petes Krankheit zu haben? Franciska Wiegmann-Stoll schlägt erste, einfache Lösungen vor. Pete könnte täglich in den Küchenkalender auf einer Skala von 1 bis 10 seine Stimmung eintragen. So gäbe es keine Hürde für ihn, sofort mitzuteilen, wie es ihm geht, wenn Ella heim kommt. Und für sie wäre es eine Gewissheit, womit sie an dem Tag konfrontiert wird, eine Verlässlichkeit. „Es gibt im Notfall auch die Option, den Therapeuten anzurufen oder eine Hotline“, erklärt Wiegmann Stoll, die es für wichtig hält, Strategien für den Umgang mit suizidalen Gedanken in einer Beziehung zu finden, die beiden helfen. „Wenn man in dem Tunnel ist, wird es im Kopf immer enger, es braucht jemanden von außen, der eingreift“, sagt sie.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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