Packende Miniserie: „Chernobyl“ Die Katastrophe und die Leugner

Von Jan Freitag 

Der akribisch recherchierte Fünfteiler „Chernobyl“ zeichnet auf Sky die Havarie eines sowjetischen Kernreaktors nach. Das ist nicht nur schmerzhaft unterhaltsam. Es ist auch ziemlich lehrreich.

Kontrollverlust im Reaktor-Kontrollraum: Sam Troughton, Paul Ritter und Robert Emms (v. li.) Foto: HBO 8 Bilder
Kontrollverlust im Reaktor-Kontrollraum: Sam Troughton, Paul Ritter und Robert Emms (v. li.) Foto: HBO

Stuttgart - Was ein Geschehen zur Katastrophe macht, erschließt sich manchmal sofort, manchmal mit fatalem Verzug. Letzteres gilt etwa für den von Menschen bewirkten Treibhauseffekt, der auch lange nach seiner Gewissheit geleugnet oder, noch schlimmer, ignoriert wurde. Ersteres ist immer dann zu beobachten, wenn etwas weithin sichtbar in die Luft geht – wie am 26. April 1986, als der Reaktorblock 4 von Tschernobyl explodierte.

Das Wort steht seither wie Utøya und Auschwitz, Seveso oder Ramstein für Ereignisse, die von ihrem Ort nicht zu trennen sind. Durch den Super-GAU wäre halb Europa unbewohnbar geworden – hätte sich die Ignoranz der Leugner gegen den Verstand der Mahner durchsetzt.

Im Fegefeuer des Reaktorkerns

Wie knapp es seinerzeit zuging, malt eine HBO-Serie auf Sky von diesem Dienstag an in fünf Folgen in beigegrauer Patina aus. Im britischen Original heißt sie „Chernobyl“ und erzählt das Drama als Echtzeitdesaster, das vom ersten Moment an und doch auch fatal verzögert katastrophal ist. Wie in Diktaturen üblich, darf schließlich nicht sein, was die Allmacht der Herrschenden infrage stellt.

So wird das Publikum von Craig Mazins akribisch recherchiertem Drehbuch von Beginn an in eine real existierende Fiktion gezogen. Während Tausende schutz- und ahnungsloser Hilfskräfte das Fegefeuer des schmelzenden Reaktorkerns bekämpfen, einigt sich die verantwortliche Nomenklatura aus sicherer Entfernung nämlich darauf, dass eigentlich gar nichts los sei.

Ein Geheimprotokoll

Wie ihre Arbeiter auf dem Werksgelände währenddessen vergebens Geigerzähler suchen, wie Anwohner beim Wodka im radioaktiven Niederschlag übers Farbenspiel des Feuers am Horizont rätseln, wie schon in dessen Licht die Verdrängungskampagne der Schuldigen beginnt – all dies zeigt eindrücklich, dass die Katastrophe gerade mal richtig Fahrt aufnimmt. Benannt wird sie zu minimalistischer Musik vom fabelhaften Jared Harris als Valery Legasow, der als Direktor des Kurschatow-Instituts für die Liquidierung des Meilers zuständig war. Zum Serienauftakt nimmt er zwei Jahre nach dem Unfall in seiner muffigen Moskauer Wohnung ein Geheimprotokoll all der bürokratischen, politischen, persönlichen Führungsfehler auf – und sich selbst das Leben.

Eine Rückblende zeigt ihn im Moment der Katastrophe als Funktionär, der den wahrhaft Schuldigen als einer der wenigen im Duckmäuser-Sozialismus zaghaft, aber aufrecht entgegentritt. Mit der Kremlgröße Boris Shcherbina (Stellan Skarsgård) liefern sich Legasow und die Atomwissenschaftlerin Ulyana Khomyuk (Emily Watson) fortan ein episches Tauziehen um Klarsicht und Kalkül einer Staatspartei, die selbst deren neuer Generalsekretär Michail Gorbatschow (David Dencik) noch nicht kleinkriegt.

Desaströse Krisenbewältigung

Gerade die hornbrillenbewehrte Selbstgerechtigkeit jedoch, mit der ein greiser Funktionär unterm Applaus willfähriger Genossen um Zutrauen in Staat, Partei und Sozialismus bittet und Kontaktsperre, Desinformation, Zusammenhalt fordert, während nebenan noch Feuerwehrleute verrecken, soll die Zuschauer auch ein wenig in Sicherheit wiegen. Ist ja alles weit weg – zeitlich, politisch, geografisch.

Am Ende aber – das mischt die Serie eher unterschwellig in dieses Geschichtsdrama einer desaströsen Krisenbewältigung – war Tschernobyl nur vorweggenommenes Abbild unserer Gegenwart. Denn die rast in eine ähnlich vermeidbare Katastrophe: den Klimawandel. „Chernobyl“ ist am gespenstisch authentischen Drehort des stillgelegten Schwesterkraftwerks Ignalina in Litauen aber kein Zeigefinger-Historytainment geworden. Trotz des bekannten Ausgangs ist die Serie klug und fesselnd, was ausnahmsweise weder an der Ausstattung noch an der Erzählung allein liegt. Sondern an der Absurdität dieser größten Zivilkatastrophe, die das Drehbuch tief in sich trägt.

Sky,
auch als Stream via Skyticket. Neue Folgen jeweils dienstags.