„Time to say Goodbye“, ist der letzte Post auf der Seaside-Facebook-Seite überschrieben. Das Ehepaar Ivana und Tobias Häcker bedankt sich hier bei seinen Gästen für „unvergessliche Abende“. Nach der Coronazeit habe sich leider vieles verändert, erklärt das Pächterpaar, warum der Betrieb des Seaside jetzt finanziell nicht mehr tragbar sei. „Wir hatten unser Erspartes in den Laden gesteckt“, sagt Ivana Häcker im Gespräch mit unserer Zeitung. Die vom Land zugesagte Hilfe habe man nicht bekommen.
Massiver Besucherrückgang nach der Pandemiezeit
Als das Seaside vergangenes Frühjahr wieder aufmachte, sei man nicht wieder an die Besucherzahlen von vor der Pandemiezeit herangekommen. „Vor Corona hatten wir samstags knapp 400 Gäste. Jetzt waren es oft nur noch 50 bis 100, manchmal auch nur 20“, sagt die Pächterin, die vor ihrer Böblinger Zeit als Veranstaltungskauffrau und Nachtmanagerin in einem Berliner Hip-Hop-Club tätig war.
Aus ihrer Sicht gab es bedingt durch die Pandemie einen Generationswechsel. Das bisherige Publikum gehe nicht mehr so viel weg. „Die haben Familien gegründet und Häuser gebaut“, mutmaßt Häcker. Die neue Generation wiederum zeige ein ganz anderes Ausgehverhalten. „Die konsumieren weniger und beschweren sich über hohe Preise – obwohl wir gar nicht teurer geworden sind.“
Rap-Stars wecken hohe Erwartungshaltung
Hinzu komme die große Erwartungshaltung, die der Club mit Auftritten von Hip-Hop-Größen wie Sido oder Loredana geweckt habe. „Aber um solche Gäste nach Böblingen zu holen, müssen wir auch an anderen Tagen genug Einnahmen generieren“, sagt die Geschäftsführerin. Das gehe eben nicht, wenn die Besucher ausbleiben. „Wir mussten einfach irgendwann einen Schlussstrich ziehen“, erklärt die 38-Jährige.
Damit gehen die Lichter in der einst ältesten Rockdisco im Kreis wohl für immer aus. Wie die Pächterin durchblicken lässt, plant die Eigentümerin der Immobilie wohl schon länger, das Objekt zu verkaufen. Nach Häckers Einschätzung hätten potenzielle Käufer kein Interesse daran, dort wieder einen Club zu eröffnen. „Wir verabschieden uns schweren Herzens von euch“, schreiben sie und ihr Mann auf Facebook.
Was sich dort so herzlich liest, klingt im Gespräch mit Ivana Häcker jedoch ganz anders: „Ich bin so froh, von hier weg zu sein – so traurig es ist“, sagt die Frau, die vor dem Seaside die Burger-Bar Suite 25 am Böblinger Marktplatz betrieben hatte. Heute ist sie von der Stadt offenbar tief enttäuscht. „Es macht keinen Spaß mehr. Wir wollten Böblingen etwas Tolles bieten, haben so viel Herzblut da reingesteckt, und das wurde einfach nicht wertgeschätzt“, sagt sie.
Nach kritischen Berichten über missachtete Coronavorschriften bei einem Sido-Konzert im November 2021 sowie über den Auftritt des in den Medien als rechtsextrem eingestuften kroatischen Sängers Marko Perković Thompson im Juni 2022 bekamen die Betreiber den Eindruck, dass auch die Presse etwas gegen den Club habe. Vor allem aber kritisiert die Seaside-Chefin die Böblinger Stadtverwaltung, insbesondere Oberbürgermeister Stefan Belz. Den habe man im Wahlkampf „extrem unterstützt“, und er habe „große Töne gespuckt“. Am Ende seien aber „nur dumme Ausreden“ und ansonsten nichts gekommen. Unter anderem fühle sich das Ehepaar Häcker mit seinen Plänen für eine Außenterrasse im Stich gelassen. „Da wurden uns immer Steine in den Weg gelegt“, sagt Ivana Häcker.
Stadt reagiert betont höflich auf Vorwürfe
Im Böblinger Rathaus fällt die Reaktion betont höflich aus. Die Pandemie habe für die komplette Kultur- und Veranstaltungsszene starke Einschränkungen bedeutet, heißt es vonseiten der Stadt. Man habe den Seaside-Betrieb im Rahmen gesetzlicher und baurechtlicher Leitplanken so gut es ging unterstützt. Zwischen den Zeilen sagt die Stadt damit, dass Außengastronomie bei einem Nachtclub im Wohngebiet eben grundsätzlich schwierig ist. Davon abgesehen würdigt die Stadt in ihrem Statement, dass der Club die Kulturszene in Böblingen mitgeprägt habe, drückt ihr Bedauern über die Geschäftsaufgabe aus und wünscht den Betreibern „für neue Projekte viel Energie“.
Neue Projekte haben Ivana Häcker und ihr Mann tatsächlich geplant. „Aber die werden auf jeden Fall nicht in Böblingen stattfinden“, betont die Unternehmerin. Sie werde viele schöne Erinnerungen mitnehmen und sich gerne an ihre Stammgäste erinnern – darunter insbesondere die alten Seestudio-Fans, die teils aus 80 Kilometer Entfernung angefahren seien, um wieder einmal in ihrer einstigen Kultdisco abzufeiern. „Aber die negativen Dinge überwiegen“, sagt sie.
Clubchefin über Böblingen: „Wie auf einem Friedhof“
„Ich bin halt ein Berliner Kind“, sagt die 38-Jährige, „ich bin es gewohnt, dass Leben und Kultur um mich sind.“ In Böblingen sei das leider ganz anders. „Da hat man das Gefühl, man lebt auf einem Friedhof.“
Böblinger Kultdisco
Seestudio
Das Seestudio am Unteren See in Böblingen gehörte einst zu den ältesten Diskotheken Baden-Württembergs. Im Jahr 1967 wurde das Lokal als „Tanz Café“ eröffnet und war fortan zentrale Anlaufstelle für Generationen von Rockfans. So wie manche Rockstars aus dieser Zeit noch immer am Start sind, war auch im Seestudio lange vieles beim Alten geblieben – darunter das Inventar, das zu großen Teilen aus einer ehemaligen Schuleinrichtung bestand.
Seaside
Nach mehreren Pächterwechseln endete im April 2018 die Rock-Disco-Ära. Ein Jahr später eröffnete das Seaside, das den Schwerpunkt eher auf Hip-Hop legte. Bei den Seestudio-Revival-Partys kamen aber immer noch regelmäßig die Gäste, um sich ihre Rockdröhnung zu holen.