Pädagogik Spielerisch rechnen passt nicht zur Schule

Von Björn Lohmann 

Jungen sind in Mathematik nicht begabter als die Mädchen. Allerdings haben sie bessere Chancen, ihr mathematisches Talent zu entwickeln.

Wer ist mathematisch begabter? Jungen oder Mädchen? Foto: dpa-Zentralbild 2 Bilder
Wer ist mathematisch begabter? Jungen oder Mädchen? Foto: dpa-Zentralbild

Wisconsin - Einmal Silber und dann viermal in Folge eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematik-Olympiade: das ist weltweit einmalig und unübertroffen. Die Person, die damit im vergangenen Jahr in die Geschichte des wichtigsten Schülerwettbewerbs im Fach Mathematik eingegangen ist, kommt aus Dresden und heißt Lisa Sauermann. In dieser Woche hat sie zum sechsten Mal den Bundeswettbewerb Mathematik gewonnen.

Aber heißt es nicht, Jungen seien besser in Mathe und Mädchen besser in Sprachen? "Bei der Olympiade sind vielleicht zehn Prozent der Teilnehmer weiblich", weiß schließlich auch Lisa Sauermann zu berichten. Ins Bild passt, dass Hirnforscher klare Unterschiede zwischen Männern und Frauen gefunden haben, darunter Unterschiede im Sprachzentrum und in der für die räumliche Vorstellung zuständigen Hirnregion. Doch in der Begabungsforschung, den Kultur- und den Erziehungswissenschaften mehren sich die Studien, die die alte Annahme ins Wanken bringen.

Mehr Mathetalente unter den Jungen

Vor sieben Jahren hatte der damalige Präsident der Harvard-Universität, Lawrence Summers, noch für eine Überraschung gesorgt, als er verkündete, dass es unter den Jungen mehr Mathetalente gebe, weil es bei den Jungen - obwohl im Durchschnitt mathematisch so begabt wie die Mädchen - mehr Ausreißer nach oben und nach unten gebe.

Janet Mertz und Jonathan Kane von der Universität Wisconsin-Whitewater haben jetzt 86 Länder untersucht und festgestellt, dass dieses Phänomen nicht überall anzutreffen ist. "Wir glauben, dass es weit vernünftiger ist, die Unterschiede in der mathematischen Leistung vor allem auf länderspezifische gesellschaftliche Faktoren zurückzuführen", sagt Kane. Lange habe es vor allem Daten aus westlichen Ländern gegeben, so dass kulturelle Einflüsse kaum ermittelt werden konnten. Das habe sich geändert, schrieben die beiden Forscher unlängst im Fachblatt "Notices of the American Mathematical Society".

Mertz und Kane widerlegen mit ihrer Studie zudem eine These von Steven Levitt, dem Autor des Bestsellers "Freakonomics". Levitt hatte behauptet, dass die Geschlechterdiskriminierung und die Geschlechtertrennung in den Schulen vieler muslimischer Länder dazu führen, dass Mädchen ihre Mathematikbegabung sogar besser entwickeln können.

Die Berücksichtigung kultureller Einflüsse

Auch Mertz und Kane fanden, dass Schülerinnen in diesen Ländern in Mathetests besser abschneiden als Jungen - kamen aber zu einer ganz anderen Erklärung: "Die Mädchen in einigen Ländern des Mittleren Osten hatten in Wirklichkeit keine besonders guten Ergebnisse, bloß schnitten die Jungen noch schlechter ab", sagt Kane.

Die schlechte Leistung der Jungen führt er darauf zurück, dass in religiösen Schulen der Lehrplan wenig Mathematik vorsieht. Das relativ gute Abschneiden der Mädchen erkläre sich dadurch, dass die Untersuchungen in der achten Klasse vorgenommen würden - leistungsschwache Mädchen seien da von ihren Eltern schon längst wieder aus der Schule genommen worden.

Auch Ralf Benölken glaubt nicht an die Theorie von Lawrence Summers: "Es steht völlig außer Frage, dass Mädchen und Jungen das gleiche Potenzial haben", sagt der Mathematikdidaktiker von der Universität Münster. Überhaupt habe die Begabungsforschung in keiner Disziplin grundlegende Unterschiede zwischen den Geschlechtern festgestellt. "Warum sollte es die einzig in Mathematik geben?", fragt er.

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