Pager-Explosionen im Libanon Israel geht noch höher ins Risiko

Angehörige warten vor einer Klinik in Beirut auf Nachricht von ihren durch Pager-Explosionen verletzten Angehörigen. Foto: dpa/Hassan Ammar

Die massenhafte Explosion von Pager-Funkgeräten in Händen und Hosentaschen von Libanesen setzt ein furchterregendes Signal des Nachbarn Israel. Aber wächst damit dessen Sicherheit?

Was für ein Schlag! Fast unabhängig von der Frage, ob tatsächlich ein israelischer Geheimdienst hinter der massenhaften Explosion von Pager-Funkgeräten an den Körpern von Hisbollah-Angehörigen im Libanon steckt, ist die Botschaft angekommen: Wer Israel attackiert, legt sich mit den Falschen an. Denn Israel kann seine Feinde überall treffen. Sogar in deren Hosentaschen.

 

Naheliegend, dass Israel im längsten Krieg seiner Geschichte ein solches Signal zupass kommt. In einem Krieg zumal, den die palästinensischen Hamas-Terroristen aus dem Gazastreifen mit ihrem verbrecherischen Überfall auf israelische Zivilisten vor knapp einem Jahr vom Zaun gebrochen haben. Obendrein in einem Krieg, in dem die schiitisch-libanesische Bewegung und Miliz Hisbollah die sunnitische Hamas unterstützt und beide eng mit Israels geschworenen Feinden im Iran verbunden sind.

Mit diesem in Ausführung und Wirkung beispiellosen Schlag ist der Terror, der Israel heimgesucht hat, zum Teil auf dessen Urheber zurückgefallen. Allem Rachegebrüll zum Trotz: Die Hisbollah wird nach Tod und Verwundung so vieler Aktivisten und Kämpfer und nach einer so tiefgehenden Infiltration ihrer internen Kommunikation erst einmal unfähig zu einem großen Gegenschlag sein.

Doch Israel zahlt für diesen taktisch-operativen Erfolg strategisch einen hohen Preis. Denn einer Strategie, die auf mehr Sicherheit des Landes zielt, läuft die Massenexplosion dieser schwer zu ortenden aber manipulierten Funkgeräte aus Beständen der Hisbollah zuwider.

Schließlich hat Israel im Krieg gegen die Hamas noch keines seiner Ziele komplett erreicht. Hat weder seine in den Gazastreifen verschleppten Bürger befreit, noch dort das Regime der Hamas über die Palästinenser beendet und auch nicht die terroristische und die militärische Infrastruktur der Hamas vollständig vernichten können.

In dieser Lage die Hamas nicht zu isolieren, sondern vielmehr die mit ihr nur zweckverbündete Hisbollah und obendrein die ihnen gemeinsame Schutzmacht Iran immer tiefer in den Krieg zu verwickeln mag nicht zuletzt der tiefen Demütigung Israels durch den feigen und extrem folgenschweren Angriff der Hamas entspringen. Auch liegt dieses Vorgehen auf der Linie der in Israel so umstrittenen Regierung Netanjahu, den Krieg eher nicht zu beenden, um nicht abtreten zu müssen. Vor allem aber steht es für einen Kurs mit immer höherem Risiko.

Jetzt mal alle Feinde in einem Aufwasch schwächen und besiegen, das hätte was aus israelischer Sicht. Aber so einfach liegen die Dinge nicht, im Gegenteil.

Mit den gezielten Tötungen von Fürsten der Hamas und der Hisbollah – voran von solchen, die unmittelbar für den Überfall auf Israel Verantwortung trugen – ist Israel in großen Teilen der Welt auf Verständnis gestoßen. Anders sieht es aus mit den Pager-Explosionen. Sie haben auch libanesische Zivilisten getötet oder verwundet. Ebenso Politiker und deren Angehörige, schließlich ist die Hisbollah auch eine Partei mit starker Fraktion im Parlament. Ist Israel Urheber der Explosionen, dann hat es sich über den Rand dessen hinaus bewegt, was internationales Recht und Kriegsvölkerrecht zulassen.

Damit wird die Entfremdung von den wichtigsten Verbündeten in Amerika und Europa zunehmen. Die Feindschaft zur Hisbollah – militärisch ein ungleich größeres Kaliber als die Hamas, wie Israel spätestens auf seinem Libanon-Feldzug 2006 lernen musste – steht zementierter denn je. Die Gefahr eines Mehrfronten-Krieges wächst. Für Israel und seine nach einem Jahr abgekämpfte Armee und Bevölkerung verheißt das mehr, nicht weniger Gefahr.

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