US-Forscher glauben, ein Rätsel gelöst zu haben: Ein Skelettfund in einer Unterwasserhöhle in Mexiko deutet darauf hin, dass die ersten Amerikaner über Sibirien und Alaska kamen. Ihre Gesichtszüge haben sich dabei verändert.

Stuttgart - Die zierliche junge Frau war bei ihrem Tod vermutlich gerade einmal 15 oder 16 Jahre alt. Mehr als 12 000 Jahre später wurden ihre Überreste zu einer Sensation, als Taucher sie tief unter Wasser in der Hoyo-Negro-Höhle auf der Yucatán-Halbinsel Mexikos fanden. Denn der Schädel des Mädchens verriet James Chatters von der Central Washington University im US-amerikanischen Ellensburg und seinen Kollegen wohl endgültig, woher die Urahnen der Indianer einst nach Amerika kamen. Veröffentlicht haben sie ihre Ergebnisse jetzt in „Science“.

 

Über die Herkunft der Ureinwohner Amerikas diskutierten seit mehr als zwei Jahrzehnten Archäologen und Frühmenschenforscher mit guten Gründen eifrig. „So ähneln die Gesichter der heute lebenden Indianer Amerikas den Menschen in China, Korea und Japan stark“, erklärt James Chatters. Die Schädel der ältesten Menschenfunde in Amerika sind dagegen deutlich länger, die schmäleren Gesichter ähnelten wohl eher den heutigen Afrikanern, Australiern und den Bewohnern der Inseln an den Rändern des Südpazifiks.

Diese Unterschiede ließen die Spekulationen ins Kraut schießen: Kamen die ersten Indianer mit schmalen Gesichtern vielleicht entlang der Küsten des Pazifiks nach Amerika? Starben sie später wieder aus oder wurden von weiteren Einwanderern mit breiteren Gesichtern verdrängt, die aus anderen Gegenden Asiens über Sibirien und Alaska nach Nordamerika kamen?

Von Sibirien trockenen Fußes nach Alaska

Beantworten ließen sich diese Fragen bisher schlecht, weil die Wissenschaftler kaum Überreste der ersten Indianer gefunden haben. „Es gab damals wohl nur sehr wenige Menschen, und die zogen weit im Land umher“, fasst James Chatters die Gründe dafür zusammen. Zwar zeigten Analysen des Erbgutes von heute lebenden Indianern und den sehr wenigen 10 000 bis 14 000 Jahre alten Menschenresten im Norden des amerikanischen Kontinents, dass ihre Vorfahren vor 26 000 bis 18 000 Jahren aus Asien in die damals trocken liegende, Beringia genannte Region zwischen dem Osten Sibiriens und dem Westen Alaskas kamen. Als die Eismassen über dem Norden Nordamerikas langsam schmolzen und den Weg nach Süden frei gaben, ging die Wanderung vor frühestens 17 000 Jahren weiter Richtung Süden.

Diese Erbgutanalysen aber blieben nackte Theorie, weil die schmalen Schädel der ersten Indianer nicht zum Aussehen der Menschen im Osten Asiens passen, die laut Erbgut ihre Vorfahren sein sollten. Bis Forscher im Jahr 2007 begannen, im Regenwald der mexikanischen Halbinsel Yucatán im Sac-Actun-Höhlensystem einen mehr als 30 Meter tiefen Höhlenteil zu erforschen. Dieser hat die Form einer riesigen Glocke mit 62 Meter Durchmesser und wird Hoyo Negro genannt, was im Deutschen „Schwarzes Loch“ bedeutet. Um ihn zu erkunden, mussten die Taucher zunächst einmal über eine neun Meter lange Leiter in einen senkrechten Schacht steigen, dann 60 Meter durch einen Tunnel schwimmen und schließlich dreißig Meter tief in das Schwarze Loch tauchen.

Am Grund der Hoyo Negro entdeckten die Taucher nach und nach die Fossilien von 26 größeren Säugetieren wie den längst ausgestorbenen Säbelzahntigern. Besonders aufregend aber war der Fund des fast vollständigen Skeletts einer jungen, gerade einmal 150 Zentimeter großen Frau, die später auf den Namen „Naia“ getauft wurde. Offensichtlich war sie durch einen einst offenen Schacht in das Schwarze Loch gestürzt und dort gestorben.

Die Gesichtszüge der Einwanderer änderten sich

Ihr Gesicht zeigte die schmalen Züge der frühen Funde erster Indianer. Als die Forscher den Zahnschmelz und Mineralablagerungen auf den Fossilien mit verschiedenen Methoden der Altersbestimmung untersuchten, konnten sie ihren Tod auf die Zeit vor mindestens 12 000 und höchstens 13 000 Jahren festlegen. Damals lag der Meeresspiegel viel niedriger als heute, und die Höhle war trocken. Später stiegen die Pegelstände, und vor rund zehntausend Jahren drückte das Wasser durch den porösen Kalk der Umgebung und flutete das Schwarze Loch. Die Forscher des 21. Jahrhunderts mussten daher zu dem 42 Meter unter dem heutigen Meeresspiegel liegenden Fundort von Naia tauchen.

Die Sensation bahnte sich an, als die Forscher aus einem von Naias Backenzähnen Erbgut analysierten. Diese DNA aus den Mitochondrien genannten Minikraftwerken lebender Zellen verriet, dass Naias Erbguttyp heute in einer einzigen Region der Welt vorkommt: bei den Indianern Amerikas, die viel breitere Gesichter als Naia haben. Dieser Erbguttyp aber muss sich in Beringia entwickelt haben. Damit aber ist klar, dass die ersten Indianer aus dem Osten Asiens über Beringia nach Amerika kamen. Sehr rasch hatten sie sich bis hinunter nach Mittelamerika ausgebreitet und in dieser Zeit bereits das schmale Gesicht der ersten Bewohner Amerikaners entwickelt. Erst danach müssen die Gesichtszüge der Indianer dann wieder runder geworden sein.