Die Palästinenser sind reif für ihren Staat, doch noch dürfen sie von der Unabhängigkeit nur träumen. Israel hält sie im Würgegriff.  

Korrespondenten: Inge Günther (geg)

Hebron - Eingebettet in Olivenhaine döst Salfit in der Morgensonne. Seit den ersten Tagen der Intifada vor zehn Jahren ist aus der kruden Häuseransammlung ein fast schmuckes, ländliches Bezirksstädtchen geworden. Die Erdwälle, die Israels Armee hier in der nördlichen Westbank aufgeschüttet hatte, um den Autoverkehr zu blockieren, sind verschwunden. Die Straßen wirken für palästinensische Verhältnisse geradezu aufgeräumt. Die Stadtverwaltung funktioniert. Zumindest sieht die geschwungene blaue Theke, von den Amerikanern für den Informationsschalter spendiert, sehr bürgerfreundlich aus.

Auch die Deutschen trugen zur Neugestaltung bei. Salfit ist fest in Fatah-Hand. Das kommt gut an bei den internationalen Gebern. Außerdem ist Bürgermeister Tahsin Abu Slimi (56) ein moderater Mann. Er trägt einen schwarzen Anzug, über dessen Schultern eine frisch geplättete, weiße Keffijeh fällt, die arabische Kopfbedeckung. Sein Stil ist traditionell, aber seine Ideen sind liberal.

Wegen ihm könnten die jüdischen Siedler ruhig dableiben. Sogar die aus Ariel, der mächtigen Siedlung, die im Norden an Salfit angrenzt. Vorausgesetzt, schiebt Slimi nach, sie akzeptierten die palästinensischen Gesetze. "Warum nicht? Vor der Intifada hatten wir mit den Leuten in Ariel ein ziemlich gutes Verhältnis." Ein feines Lächeln umspielt seinen Mund. Er weiß, dass es kein Siedler für möglich hält, je in einen Palästinenserstaat zu leben. Aber als Anhänger von Präsident Mahmud Abbas ist Slimi überzeugt, dass ein solcher Staat in den Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Kapitale nicht mehr aufzuhalten ist. "Der Schritt zu den UN", glaubt Slimi, "wird unsere Beziehungen mit der Welt verbessern." Die USA mal ausgenommen.

"Nun ist Licht am Horizont"

Washington hat gedroht, seine jährliche Finanzhilfe von 500 Millionen Dollar an die Autonomiebehörden zu streichen, sollte Abbas wie geplant am kommenden Freitag bei der UN-Staatengemeinschaft den Antrag auf volle Mitgliedschaft stellen. Ob er dann seine 76 Angestellten noch zahlen kann, behält Slimi für sich.

Fathija Jawdat (50), eine der drei Frauen im Gemeinderat, findet, die Palästinenser hätten schon Schlimmeres ausgehalten als Ebbe in den öffentlichen Kassen. "Als die Hamas 2006 an die Macht kam, gab es ein halbes Jahr lang kein Geld." Hauptsache ihre vier Kinder, allesamt junge Erwachsene, sehen eine Zukunft für Palästina. Ihr Mann, ein Chemieingenieur, hat 25 Jahre in den Golfstaaten gerackert. Seit vier Jahren ist er zurück. Seitdem erst genießen sie ein richtiges Familienleben. Jawdat ist froh, dass sogar ihr Jüngster es vorgezogen hat, eine Kleiderboutique "hier bei uns" aufzumachen, statt dem Onkel nach Abu Dhabi zu folgen.

10.000 Einwohner hat Salfit. Genauso viele leben im Ausland, geflüchtet vor Armut, Intifada und Perspektivlosigkeit. "Aber nun ist Licht am Horizont", sagt Jawdat. Ihre Augen funkeln unter dem bestickten Chiffonkopftuch. "Wenn Israel uns künftig attackiert, greift es einen Staat an." Sie hält die UN-Initiative für "die einzige Chance, zu unserem Recht zu kommen".

In Hebron ist man einen Schritt weiter

Jawdat rafft ihren Mantel hoch, um in den Jeep aus dem Gemeindefuhrpark zu klettern - auch so eine Anschaffung aus dem Topf westlicher Hilfe, um die Palästinenser staatsreif zu machen. Sie will zusammen mit einem Stadtoberen in die verbotenen Olivenhaine, um zu zeigen, dass es auch in Salfit nicht nur bergauf geht. 400 Hektar, 15 Prozent des Olivenanbaus im Gemeindegebiet, liegen hinter dem Sperrzaun, den das israelische Militär errichtet hat, um so einen Sicherheitsgürtel um die Siedlung Ariel zu ziehen. Nur nach Absprache mit der Armee wird das Tor geöffnet, damit die palästinensischen Bauern ihre Bäume pflegen können. Das Gebiet liegt mitten im Westjordanland, eine halbe Autostunde von Israel entfernt - und ich doch fast Feindesland.

In Hebron ist man einen Schritt weiter. In dieser palästinensischen Stadt löst eine winzige, aber fanatische Siedlergruppe regelmäßig kriegsähnliche Zustände aus. In Hebrons Altstadt leben 750 jüdische Rechtsextremisten unter 20.000 Palästinensern. Sie führen sich wie Tyrannen auf und berufen sich dabei auf Gott.

Zum Schutz der Siedler von Hebron sind 650 israelische Soldaten und Grenzpolizisten abgestellt. Früher wimmelte es in der Altstadt vor Menschen. Heute fühlt man sich dort wie in einer Geisterstadt. Die Straßen sind menschenleer, die Läden verriegelt, die Fenster vergittert oder zugenagelt. Höchstens mal ein zum Trocknen rausgehängtes Wäschestück zeigt an, dass hier noch jemand haust. Zum Beispiel eine taubstumme Frau mit mehreren Kindern. Um in die Schule zu gehen, muss ihnen der wachhabende Soldat vom Checkpoint 45 eine Metalltür aufschließen. Nur durch dieses Schlupfloch gelangen sie in den autonomen Teil Hebrons. Zurück die gleiche Prozedur. Kinderhände pochen an der Tür. Der Soldat öffnet. Gesenkten Blickes hastet ein schmächtiges Kerlchen an ihm vorbei. Hauptsache heil nach Hause, bevor die Siedlerkinder mit ihren Wasserbomben und faulen Eiern kommen.

"Wir haben dieses Leben unendlich satt"

Unbekümmert übt eine Ecke weiter ein Trupp der Nahal Brigade für den Tag X, wenn die UN-Sache entschieden ist und die Palästinenser womöglich massenweise auf die Checkpoints losmarschieren. Einige weibliche Gefreite mimen Demonstranten. Zur leichteren Identifikation haben sich die Soldatinnen palästinensische Fahnenfetzen um die Arme gebunden. Die Truppe hat eine Menge Spaß.

Aber Issa Amro, ein palästinensischer Elektriker, ist es völlig ernst: "Uns an die UN zu wenden, ist für uns ein wichtiger Schritt und keineswegs nur symbolisch." Der 31-Jährige hockt auf der niedrigen Steinmauer seines Grundstücks, für einen Moment ganz versunken in den Blick auf Hebron im Abendlicht. Dann erzählt er. Von seinem Geburtshaus in jenem Teil der Hebroner Altstadt, wo heute der israelische Siedlerkomplex Avraham Avinu steht - für ihn, den Palästinenser, eine verbotene Zone. Aber auch hier in seinem gemieteten Haus, auf dem Hügel oberhalb des moslemischen Friedhofs, rücken ihm die Siedler immer mehr auf den Leib. Es begann mit einem Caravan, am Ende wurden die palästinensischen Nachbarn vor die Tür gesetzt. Die Gegenverfügung eines israelischen Gerichts ignorieren die Siedler nunmehr seit fünf Jahren. Mit Erfolg. Jetzt machen sie sich in Amros Garten breit. Der 31-jährige Elektriker ist dagegen machtlos. "Wenn ich nur eine ihrer Pflanzen ausreißen würde, stünden sie gleich hier, Gewehr bei Fuß." Aber er darf träumen: "Wir haben dieses Leben unendlich satt. Wenn die Welt unseren Staat anerkennt, werden wir in fünf Jahren auch einen haben. Und dann werde ich den Soldaten sagen: Eure Zeit ist vorbei. Das hier ist Palästina, nicht Tel Aviv."

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