Palm-Preisträger in Schorndorf Zehn Jahre Haft – er schreibt trotzdem weiter

Von Annette Clauß 

Der usbekische Journalist Salidjon Abdurakhmanov hatte sich bei den Mächtigen unbeliebt gemacht. Im Jahr 2014 wurde ihm der Johann-Philipp-Palm-Preis verliehen – wegen seiner Lagerhaft konnte er ihn erst jetzt annehmen.

Der usbekische Journalist und Palm-Preisträger Salidjon Abdurakhmanov vor der Palmschen Apotheke in Schorndorf. Foto: Frank Eppler
Der usbekische Journalist und Palm-Preisträger Salidjon Abdurakhmanov vor der Palmschen Apotheke in Schorndorf. Foto: Frank Eppler

Schorndorf - All die Jahre hat Salidjon Abdurakhmanov nicht glauben wollen, dass die Regierung seines Heimatlands Usbekistan ihn, einen unschuldigen, aufgrund einer fingierten Anklage verurteilten Bürger, zehn Jahre lang in Lagerhaft sitzen lassen würde. Was beweist, dass er ein Mensch ist, der an Gerechtigkeit glaubt. „Ich dachte, keine Diktatur kann es sich erlauben, dass sie Menschen im Gefängnis verrotten lässt“, sagt der 69-jährige Journalist. Doch genau das ist geschehen: Salidjon Abdurakhmanov ist erst am 4. Oktober 2017, wenige Monate vor dem offiziellen Ende seiner Haftzeit, schwer krank entlassen worden. Der 80-Kilo-Mann war auf 54 Kilo abgemagert.

Bereits im Jahr 2014 hat die Schorndorfer Palm-Stiftung Salidjon Abdurakhmanov mit dem Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit geehrt. Zur Preisverleihung konnte er damals nicht kommen, er saß ja in Haft. Aber nun, da er wieder frei und gesundheitlich stabiler ist, holt Salidjon Abdurakhmanov seinen Besuch in Schorndorf nach. Sein Eindruck: „Die Deutschen sind sehr ruhig. Die Menschen hier respektieren sich und achten aufeinander.“ In Schorndorf ist Salidjon Abdurakhmanov nach einem Zwischenstopp in Berlin gelandet, wo er Vertreter von „Reporter ohne Grenzen“ getroffen hat. Die Palm-Stiftung kooperiert mit dem Verein, der sich weltweit für Pressefreiheit stark macht.

Schwere Arbeit in der Lagerhaft

Von der Auszeichnung hat Salidjon Abdurakhmanov, der in der Nähe des Aralsees lebt, damals durch seine Familie erfahren. „Das war ganz unerwartet“, sagt er, „ich habe mich gefreut und gefragt, wer mich auserkoren hat.“ Dass da draußen jemand an ihn denkt und für seine Freiheit kämpft, das hat ihm Kraft gegeben die Zeit und die schwere Arbeit – beispielsweise musste er Ziegelsteine schleppen – irgendwie durchzustehen. Und selbst die lange Haftzeit hat nicht zum Ziel der usbekischen Regierung geführt – den Journalisten so einzuschüchtern, dass er das Schreiben sein lässt. „Ich hatte in Haft viele Ideen, über was ich schreiben könnte.“

Ein Bericht über Korruption bei der Straßenverkehrspolizei habe wohl vor seiner Verhaftung das Fass zum Überlaufen gebracht, vermutet Abdurakhmanov. Wenig später wurden im Kofferraum seines Autos angeblich Drogen gefunden und er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Salidjon Abdurakhmanov weigerte sich, ein Geständnis abzulegen und wurde danach erneut, diesmal wegen des Verkaufs von Drogen, verurteilt – zu zehn Jahren Haft. „Das Leben eines Menschen ist dort nichts wert“, sagt der Journalist, der plant, ein Buch über seine Haftzeit zu schreiben. Einen Teil seines Preisgelds in Höhe von 10 000 Euro hat er in ein Auto investiert, um besser vor Ort recherchieren zu können. „Wir hatten unsere liebe Not, das Preisgeld dorthin zu bekommen“, sagt Marieluise Beckhoff von der Palm-Stiftung. Nach Usbekistan könne man nicht einfach Geld überweisen. Erst dank der Vermittlung durch Außenminister Heiko Maas habe das geklappt.

Hoffnung auf Rehabilitierung

Am Mittwoch tritt Salidjon Abdurakhmanov die Rückreise nach Usbekistan an. Er hofft sehr, dass die jetzige Regierung ihn rehabilitieren wird, so wie das die UNO-Menschenrechtskommission gefordert hat. Ihre Frist endet am 29. September. Die Rehabilitierung habe für ihn selbst zwar keine großen Auswirkung auf sein Schaffen und Tun, sagt Salidjon Abdurakhmanov: „Aber sie wäre wichtig für Usbekistan“.