Jetzt werden wieder alle sagen, es sei doch von vornherein klar gewesen, dass Boris Palmer nicht in die Landesregierung wechsle. Der Tübinger Oberbürgermeister habe mit seinen Andeutungen nur das getan, was er am besten könne: sich wichtig machen.
Die andere Variante lautet: Logisch, dass der präsumtive Ministerpräsident Cem Özdemir sich diesen Egomanen nichts ins Kabinett hole. Özdemir habe schließlich keine Lust, sich von Palmer die Show stehlen zu lassen. Und die grüne Partei hätte den Tübinger, der seit fast drei Jahren nicht mehr deren Mitglied ist, ohnehin nicht geduldet.
An alledem mag etwas dran sein. Sehr viel sogar. Dennoch ist die – zugegeben: etwas nervige – Dauerdebatte um Palmer, die sich jetzt an der Frage des Kabinettseintritts kristallisierte, keine reine Luftnummer. Die Landtagswahl hat erneut und in verschärfter Form gezeigt: Wahlen werden immer mehr zu Persönlichkeitswahlen. Und da sieht es bei den Südwest-Grünen hinter Winfried Kretschmann, Cem Özdemir und Danyal Bayaz mau aus.
Das Thema Palmer ist nicht erledigt
Gleiches gilt übrigens auch für die CDU, wo im Land niemand in Sicht ist, der einen gereiften Manuel Hagel ersetzen könnte. Palmer zieht auch bei Menschen, die den Grünen und überhaupt den demokratischen Parteien eher fern stehen. Dabei vertritt er keine radikalen Positionen, auch nicht in der Migrationspolitik.
Palmers Schwäche und Stärke zugleich besteht darin, das er gern gegen den Strich bürstet. Das verschafft Aufmerksamkeit. Bei Wahlen ist das hilfreicher als die Stromlinienförmigkeit grüner Apparatschiks. Für eine Selbstfindung der Landespartei als „CSU der Grünen“, so sie das tatsächlich will, wäre er ein glaubwürdiger Repräsentant. Das Thema Palmer, so scheint es, ist auch nach seinem neuerlichen Rückzug nicht erledigt.