Keine Nation ist so verrückt nach Panini-Aufklebern wie Brasilien. In vielen Städten gibt es an jeder zweiten Straßenecke eine Tauschbörse. Nicht nur Kinder sammeln mit, sondern vor allem Geschäftsmänner – und die Präsidentin höchstpersönlich.

Rio de Janeiro - Einen Titel jedenfalls haben die Brasilianer bei dieser WM schon errungen: Niemand sammelt so frenetisch Panini-Bildchen wie sie. 8,5 Millionen Alben setzt der italienische Verleger der Sammelporträts beim Gastgeber der Weltmeisterschaft ab, so viel wie in keinem anderen der 120 Länder, in denen Album und Bildchen vertrieben werden. Selbst die Präsidentin Dilma Rousseff sammelt – offiziell für ihren dreijährigen Enkel, aber auch für sich: „Das tut gut, man entspannt sich so schön von der Tagesarbeit“, sagt sie.

 

Tauschbörsen sind an allen Ecken und Enden entstanden. In Rio de Janeiro zum Beispiel vor dem Edifício Sloper, einem Geschäftsgebäude in der Rua Uruguayana, das den Vorteil einer Arkade hat: Wenn es regnet, schlüpfen sie schnell dort unter. Dort ist auch Alan Cidri, 41, der mit den Bildchen handelt, seit er 2006 seinen Job am Bau verlor und damals entdeckte, dass man mit den Fußballerporträts mehr Geld verdient und dabei weniger arbeitet. „Natürlich ist das ein besserer Job hier als auf dem Bau“, sagt er, „du gestaltest deinen Arbeitstag selbst, und die Kohle stimmt auch“. Und wie viel kann man verdienen mit dem Verkauf der bunten Bilder? Da ziert er sich ein bisschen, aber „so um die 2000 im Monat“ seien es schon. Umgerechnet 700 Euro also kommen zusammen, wenn er von morgens halb neun bis abends um sieben hinter einem kleinen Plastikhocker steht, auf dem seine Alben liegen.

Dem Glück wird einfach nachgeholfen

In der Mittagspause bildet sich hier, wo Alan und sieben seiner Kollegen stehen, ein regelrechter Panini-Pulk. Kinder sind kaum darunter und nur wenig Frauen. Die meisten Männer – viele im Anzug, fast alle mit Krawatte – sehen aus, als hätten sie nur schnell das Büro verlassen, um der Panini-Leidenschaft zu frönen. Genau 649 Bilder – die Spieler der 32 teilnehmenden Nationalmannschaften plus Darstellungen der Stadien oder des Maskottchens Fuleco – gehören ins Album. 500, so die Faustregel, kauft man, also 100 Briefchen mit je fünf Bildern für einen Real, 0,30 Euro, halb so teuer wie in Deutschland. Und den Rest, den tauscht man sich zusammen. Oder man kauft.

„Jetzt läuft das Geschäft sozusagen auf Fifa-Niveau“, sagt Alan, der, wenn keine WM bevorsteht, die Sammler anderer Alben versorgt. Aber wenn der Reiz im Sammeln von Bildern besteht, von denen man eben nicht weiß, in welchen Tütchen sie sich befinden – bringt man sich da nicht um das Vergnügen, wenn man sich für Geld besorgt, was einem das Glück nicht beschert? „Das sehen die meisten Sammler so“, antwortet Alan, „aber wenn die Bilder, die ihnen fehlen, nicht auftauchen, haben sie irgendwann die Nase voll. Dann kaufen sie!“

Gibt es von allen Spielern gleich viele Bilder? Nie und nimmer!

Alan verkauft nicht nur tagsüber in der Rua Uruguayana, sondern auch nachts am Computer. „Die Kunden zahlen per PayPal, ich schicke per Post.“ Wie viele Sammler ist auch Alan felsenfest davon überzeugt, dass die Firma Panini schlicht lügt, wenn sie beteuert, dass sie von allen Spielern gleich viel Bildchen auf den Markt werfe: „Sonst gäbe es doch solche Börsen nicht!“

Während des Gesprächs mit Alan interessiert sich ein Kunde für Russen, nur für Russen, von denen er ziemlich wahllos eine größere Menge kauft. Russen rangieren am unteren Rand von Alans Preisskala, sie kosten umgerechnet nur zehn Cent – zum Vergleich: für Spieler der Kategorie Neymar werden 2,70 Euro fällig. Aber warum kauft man Russen, und dann noch so viele? „Ich mache eine Verkleidung für meinen Sohn draus“, sagt der Kunde, „wir haben nämlich Karten für das Spiel Russland-Belgien!“

Was noch fehlt, steht in der Excel-Tabelle

Jayme Paiva dagegen tauscht nur. Er sammelt für seinen 14-jährigen Sohn, sagt er – wobei man bei all den Männern, die für ihre Söhne sammeln, nicht so genau weiß, ob das nicht nur ein Vorwand ist. Wie auch immer, Paiva arbeitet bei der brasilianischen Statistikbehörde IGBE, und vielleicht hat er deshalb – auch wenn er eine säuberliche Excel-Tabelle mit den noch fehlenden Bildchennummern dabei hat – die 20 im Kopf, die ihm noch fehlen. Und genauso weiß er ziemlich genau, welche Nummern sich in dem von einem Gummiband zusammengehaltenen Tauschmaterial befinden und welche nicht.

Wo liegt der Reiz beim Bildchensammeln? „Wo liegt der Reiz beim Briefmarkensammeln?“, fragt Paiva zurück, „oder bei Münzen?“ Die Befriedung all solcher Sammelleidenschaften sei ja auch ein Stück Kultur der Gegenwart. Und jetzt noch in Brasilien! „Wir werden eine wunderbare Copa machen!“, sagt er überzeugt. Das ist für einen Krawattenträger, der Paiva gerade nach der Nummer 408 fragt, wiederum gar keine Frage.