Panne bei der S-Bahn Kritiker: Störfälle häufen sich

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Die jüngste Panne bei der S-Bahn ist nur eine von vielen. Dienstags gibt es auffallend viele Störfälle. Doch die Bahn sieht keine Mängel.

 Foto: Achim Zweygarth
Foto: Achim Zweygarth
Stuttgart - Ein defekter Achszählrechner im Stellwerk hat am Dienstagmorgen ein Chaos bei der S-Bahn » verursacht: Tausende von Pendlern kamen zu spät zur Arbeit. Betroffen waren alle S-Bahn-Linien. Die Störung habe von 5.20 Uhr bis 7.40 Uhr bestanden, sagte Bahnsprecher Roland Kortz. Während des Rechnerausfalls war nicht klar, welche Gleisabschnitte frei und welche belegt waren.

Seit Monaten gibt es Ausfälle


Ausfälle und Pannen begleiten die S-Bahn-Fahrgäste schon seit Monaten. Seit Sommer ist die S-Bahn-Stammstrecke zwischen dem Hauptbahnhof und Vaihingen ein Nadelöhr. Ausgelöst wurde die Misere durch den wegen Stuttgart 21 » bedingten Umbau des Gleisvorfelds: Dabei wurde ein wichtiges S-Bahn-Signal entfernt. Seitdem können die S-Bahnen aus Richtung Cannstatt nicht mehr dicht hintereinander in die Station unter dem Hauptbahnhof einfahren. Statt 24 passen in Hauptverkehrszeiten nur noch 20 Bahnen durch die Röhre. Erst im Frühjahr 2011 soll der Engpass beseitigt sein – ohne Garantie.

VCD: "Serie von Störungen"


Für Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), ist die jüngste S-Bahn-Panne „ein weiterer Vorfall in einer anhaltenden Serie von Störungen“. Seit Beginn der Umbauarbeiten häuften sich die Zwischenfälle auf dem Gleisfeld und in dem vor mehr als 30 Jahren gebauten Stellwerk, der Sicherheitszentrale für alle Züge. Laut VCD kam es am auch am Dienstag, dem 24. August, zu Störungen im S-Bahn-Betrieb. Am 7. September, ein Dienstag, hätten Probleme im Stellwerk den Zugverkehr behindert.

Nur eine Woche später – wieder an einem Dienstag – passierte der bis jetzt folgenschwerste Zwischenfall »: Gegen 5 Uhr entgleiste eine S-Bahn beim Überfahren einer in der Nacht umgebauten Weiche. Der Unfall, bei dem niemand verletzt wurde, ereignete sich auf einem gesperrten Gleis.

„Auffällig ist, dass sich die Pannen dienstags häufen“, sagt Lieb. Das liege wahrscheinlich daran, dass Umbauten an den Gleis- und Signalanlagen meistens an Wochenenden vorgenommen würden. „In der Nacht zum Dienstag werden die Änderungen dann im Stellwerk aufgeschaltet“, erklärt der VCD-Bahnexperte. Dabei komme es offensichtlich immer öfter zu Problemen mit der mehr als 30 Jahre alten Technik.

Signale sollen umgesprungen sein


Dafür spricht für Lieb auch, dass Ausfahrsignale plötzlich von Grün auf Rot umgesprungen seien. „Dadurch wurde am 15. September der Regionalexpress 19947 nach Crailsheim gestoppt. Zwei Tage später sei es bei der Regionalbahn 19834 nach Heilbronn zu einer plötzlichen Vollbremsung gekommen“. Und am 26. September kam es für eine Stunde zum totalen Ausfall des Stellwerks – alle Schienenwege wurden rot – als belegt – angezeigt.

Auch das Fachmagazin „Bahn-Report“ beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit der „Häufung von Störfällen“ auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Redaktion vermutet, dass es „beim Umstecken der Kabelbrücken zu Kabelbrüchen kommt“. Diese sich „wie Wackelkontakte verhaltenden Fehler“ beeinträchtigten die Zuverlässigkeit des gesamten Systems. Die Häufung und die Art der Vorkommnisse erlaubten Rückschlüsse darauf, dass vor allem die Gleisfreimeldeanlagen – zu denen auch Achszähler gehören – betroffen seien. „Aus sicherungstechnischer Sicht ist das bei einer weiteren Betriebszeit von mindestens zehn Jahren ein unhaltbarer Zustand.“ Wegen der „faktisch defekten Leit- und Sicherungstechnik“ müsse das Eisenbahnbundesamt eingreifen, „damit Bahnfahren in Stuttgart nicht zum Russischen Roulette wird“, heißt es im „Bahn-Report“.

Nur ein Störfall offiziell bekannt


Dass es mit der Technik auf dem Stuttgarter Bahnhof nicht zum Besten bestellt ist, hat Bahnchef Rüdiger Grube bereits eingeräumt. „An dem Bahnhof ist 15 Jahre nur das Nötigste gemacht worden“, erklärte er im September in der FAZ-Online-Ausgabe ». Das Kommunikationsbüro für Stuttgart 21 hat die Kritik hingegen pauschal zurückgewiesen. Alle Behauptungen entbehrten „jeglicher sachlichen Grundlage“. Im Laufe dieses Jahres sei es zu keinem signifikanten Anstieg der Störungsfälle gekommen. „Es gibt keine Häufung von Störfällen an Dienstagen,“ erklärte ein Sprecher.

Dem Eisenbahnbundesamt (Eba) ist bis jetzt nur ein einziger Störfall – die Entgleisung der S-Bahn am 14. September – offiziell bekannt. Dieser Zwischenfall sei nicht durch Bauarbeiten verursacht worden. „Bei den noch laufenden Untersuchungen zur Unfallursache liegt der Schwerpunkt auf der Klärung der betrieblichen Abläufe“, sagte ein Sprecher der Aufsichtsbehörde.

Alle übrigen erwähnten Vorfälle in Stuttgart seien nicht gemeldet worden, hieß es beim eba auf die Anfrage der StZ. Das Eba sieht nun aber offenbar auch Handlungsbedarf, denn es hat von der Bahn „Unterlagen zur Störungsstatistik“ auf dem Hauptbahnhof angefordert, „um die Vorfälle konkret zu untersuchen“. Nach den bis jetzt im Hause vorliegenden Erkenntnissen spreche aber nichts gegen einen sicheren Eisenbahnbetrieb.