Pannen des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer im Porzellanladen der Kultur

Wo geht es hier bitte zum nächsten Fettnäpfchen? Wenige davon hat Wolfram Weimer bisher ausgelassen. Foto: imago/Sven Simon

Vor seiner Berufung war der Kulturstaatsminister eher kulturfremd unterwegs – das rächt sich nun. Zeit für Konsequenzen, meint unser Kulturredakteur Stefan Kister.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Das dürfte ein Novum sein: Dass ein Kulturstaatsminister auf einem zentralen Forum seines Wirkens zur Persona non grata geworden ist. Sollte Wolfram Weimer sich anders als um die Verleihung des von ihm nachhaltig beschädigten Buchhandlungspreises bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse an diesem Mittwoch nicht um ein Grußwort drücken, muss er davon ausgehen, dass ihm breiter Protest entgegenschlägt.

 

Eigenmächtig hat seine Behörde drei von einer Fachjury für die Auszeichnung nominierte Buchhandlungen der linken Szene aussortiert, unter der Berufung auf „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“. Kein Preis für Extremisten – was soll daran falsch sein? Vielleicht das fehlende Grundverständnis für die Spezifik einer Sphäre, zu deren zentralen Eigenschaften gehört, die Wirklichkeit, wie sie ist, kritisch zu hinterfragen, imaginäre Spielräume auszuloten, denen in anderen Bereichen ganz andere Grenzen gesetzt sind. Jeder kulturellen Schöpfung, die den Namen verdient, ist ein Moment des Unbequemen, Widerspenstigen einbeschrieben. Dafür ist Kunst, sind Bücher da. Und genau dafür gibt es Kunstfreiheit.

In Leipzig laufen die Vorbereitungen für die Buchmesse. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Doch um zu bestimmen, was es wert ist, diese Freiheit in Anspruch zu nehmen, bedarf es einer entsprechenden Kompetenz. Dazu reicht es nicht, sich an einer Collage aus Spontisprüchen und Literaturzitaten an einer Buchhandlungsfassade zu stoßen und dahinter gleich Terrorzellen statt Büchertische zu vermuten. Es kann nicht sein, dass die Urteilskraft auf kulturellem Feld an Schlapphüte delegiert wird, ohne dass diese sich erklären müssten. Gleiches würde auch gelten, wäre eine Buchhandlung aus dem rechten Spektrum betroffen: Auch dann würde man Näheres wissen wollen, sollte ein kundiges Fachgremium zuvor zu einem anderen Ergebnis gekommen sein.

Der angebliche Schutz vor Extremisten lässt sich trefflich missbrauchen

Welche Risiken es birgt, wenn sich der Staat in kulturelle Entscheidungen einmischt, und sie einer Behörde überantwortet, deren Chef noch vor einigen Jahren der Rechtsaußen Hans-Georg Maaßen war, könnte ein Blick in die USA lehren. Hier wird gerade im großen Stil mit allem aufgeräumt, was die gegenwärtige Administration als staatsgefährdend empfindet.

Aber soweit muss man gar nicht schauen: Das Schwerpunktthema der Leipziger Buchmesse ist die Literatur des Donauraumes. Was es heißt, gegen eine staatlich gelenkte Kulturpolitik ankämpfen zu müssen, kann man sich von dem slowakischen Schriftsteller Michal Hrvoretský erzählen lassen, der in seinem Buch „Dissident“ beschreibt, wie schnell es in seiner Heimat um einen Freiheitsraum geschehen war. Der angebliche Schutz vor Extremismus lässt sich von Extremisten trefflich missbrauchen.

Man kann nicht sagen, dass Wolfram Weimer ein besonders großer Vertrauensvorschuss entgegenschlagen ist, als er sein Amt angetreten hat. Aber es erstaunt doch, wie sehr er in seinem ersten Jahr mit Affären und Ungeschicklichkeiten den Porzellanladen der Kultur zum Klirren gebracht hat: Um ein Haar hätte er die Berlinale abgeräumt, nun zertrümmert er den einst von Monika Grütters ins Leben gerufenen Buchhandlungspreis. Und schon steht neuer Ärger ins Haus: Empört reagiert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf den geplanten Stopp des Erweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, weil Weimer die Sammlung physischer Medien für nicht mehr zeitgemäß erachtet und stattdessen auf digitale Datenträger setzt.

Das Kulturgut Buch hat unter diesem Kulturstaatsminister, der gerne Rilke, Thomas Mann oder Schiller zitiert, keinen leichten Stand. Fraglich, ob jemand noch am richtigen Platz ist, wenn er sich dort nicht mehr oder nur noch unter breitem Protest zeigen kann, wo er kraft seines Amtes eigentlich hingehört.

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