Papa einer trans Tochter erzählt „Ich habe unsere Geschichte im Kopf neu geschrieben“

„Keiner sucht sich diesen Weg freiwillig aus“, sagt Darius Gronenborn – aus Erfahrung. Für seine Tochter waren das Outing und die Zeit danach nicht leicht. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt/Montage: Sebastian Ruckaberle

Darius Gronenborns Tochter wurde als Junge geboren. Mit 19 offenbarte sie sich ihren Eltern gegenüber als Frau. Wie begleitet man als Eltern ein trans Kind?

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Als Darius Gronenborn von seiner Tochter hörte, dass sie eine Frau ist, war er erst einmal baff. 2018 war das. Sie war volljährig, hatte sich lange überlegt, ob sie sich sicher war. Doch seit einiger Zeit war klar: Der männliche Körper, in den sie hineingeboren worden war, passte nicht zu ihr. Ihrem Bruder hatte sie schon davon erzählt.

 

Sie bestellte sich Dessous nach Hause und zeigte sie ihren Eltern. Daraufhin habe sich ein Gespräch ergeben, sagt Darius Gronenborn. Das Outing den Eltern gegenüber. Sein erster Gedanke war: „Warum tust du dir das an?“ Der zweite: „Haben wir etwas falsch gemacht?“ Dieser Gedanke ging schnell wieder weg, sagt der heute 58-Jährige. Trotzdem prasselten Sorgen und Ängste auf ihn ein.

Den neuen Namen verinnerlichen, die Pronomen anpassen

Im ersten Moment wussten seine Frau und er nicht, was sie tun sollten. Dann begannen sie, zu lernen. Den Namen verinnerlichen – „Sera“ leitete sie von ihrem bisherigen Zweitnamen ab –, die Pronomen anpassen. Bis er die wirklich verinnerlicht hatte, vergingen eineinhalb Jahre. Seiner Frau sei das deutlich leichter gefallen als ihm, sagt Gronenborn.

Sie sei es auch gewesen, die sich auf die Suche nach einer Selbsthilfegruppe machte. Sie fand eine in Stuttgart, die sich an trans Menschen genauso wie an deren Angehörige richtet. Dort konnten sie von anderen Eltern viel lernen, sagt Darius Gronenborn.

Allem voran, wie man die Kinder auf ihrem Weg begleiten kann. Manche Eltern, erzählt er, hätten das alte Kind in einer Zeremonie verabschiedet – das Wort „beerdigen“ kommt ihm zu komisch vor – und das neue Kind, oder zumindest das neue Geschlecht, begrüßt. Für ihn hätte das nicht gepasst. „Es bleibt ja unser Kind“, sagt er.

Ihm half eine bunte Bilderwand im Flur der Wohnung. Auf unzähligen Fotos lacht einem dort die Familie entgegen, aus dem Urlaub, am Meer, im Wald. Wie bei einem Regenbogen ziehen sich die Farben über die Wand: links rot, dann orange, grün, blau. Dort habe er sich hingestellt und sei Bild für Bild durchgegangen. „Ich habe unsere Geschichte im Kopf neu geschrieben“, sagt er. Damals im Urlaub, das war nicht sein Sohn, der da tauchen gegangen ist, sondern seine Tochter. „Das hat mir sehr gut getan“, sagt er.

Darius Gronenborn hat sich vor die Fotowand im Flur gestellt und die Geschichte neu geschrieben. Foto: Lichtgut

Für Sera begann nach dem Outing eine schwere Zeit. Sie nahm Hormonblocker, um den Körper ihrem Geschlecht anzupassen. Doch was sich nach einer vermeintlichen Befreiung anhört – endlich im richtigen Körper leben – erwies sich als furchtbar. Sie litt unter schwersten Depressionen, erzählt ihr Vater. „Sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und alles dunkel gemacht.“

In der Selbsthilfegruppe lernte er, dass es vielen trans Personen so geht. Unter anderem könne das eine Nebenwirkung der Hormonblocker sein. In der Selbsthilfegruppe würden immer wieder Eltern fragen, ob die nicht schädlich seien. Wahrscheinlich schon, sagt Darius Gronenborn. „Aber bevor die Kinder von der Brücke springen, ist das doch besser.“ Es gehe wirklich um existenzielle Fragen.

Darius Gronenborn und seine Frau bekamen den Tipp, Sera solle sich mal als Frau kleiden und in eine Kneipe gehen. Sich zeigen, in ihrem weiblichen Selbst. Also ging ihre Mutter mit ihr den Kleiderschrank durch und suchte Klamotten raus. Zum ersten Mal ging Sera in Frauenkleidung raus, um mit der Familie chinesisch essen zu gehen. Und? „Das Outfit war ihr zu bunt“, erinnert sich ihr Papa und lacht. Sera sei „schwarz bunt genug“.

Trotzdem: Sich als Frau zu zeigen, habe ihr geholfen, sagt Darius Gronenborn heute. Inzwischen, mit 26 Jahren, geht es Sera besser. Bald will sie eine Ausbildung anfangen. Vielleicht, sagt ihr Papa, will sie irgendwann auch eine geschlechtsangleichende OP machen. Aber das steht erst mal hinten an.

Die Oma kommt nicht weg von „er“ und „ihm“

Mit der Zeit erzählten sie immer mehr Leuten davon, dass Sera jetzt für alle sichtbar als Frau lebt. Mit ihrer Erlaubnis, versteht sich. Die meisten reagieren gut, sagt ihr Vater. Die Bekannten in dem 100-Seelen-Dorf in Tschechien, wo sie ein Haus haben, zum Beispiel. Oder seine Mutter. Die habe die neue Identität der Enkelin sofort akzeptiert – aber das mit den Pronomen, das habe sie nicht hinbekommen, sagt er. Sie habe weiterhin „er“ und „ihm“ gesagt.

Auch Darius Gronenborn lernt heute noch dazu. Zum Beispiel rufe er als Reaktion manchmal instinktiv „Junge!“ aus – ohne damit Sera oder irgendjemand anderes zu meinen. Einfach als Ausruf. „Das muss man sich abgewöhnen“, sagt er. Denn seiner Tochter könne das wehtun.

Nach wie vor ist er in der Selbsthilfegruppe aktiv, ab und zu leitet er die Treffen für Angehörige von trans Personen. Die kommen heute mit denselben Themen, die seine Frau und er vor einigen Jahren beschäftigt haben. Jetzt können sie anderen helfen, Fragen beantworten, Endokrinologen und Psychologen vermitteln.

Manche Eltern, sagt er, täten sich wahnsinnig schwer damit, dass ihre Kinder trans seien. „Die glauben immer noch, das wächst sich raus.“ Trotzdem ist er froh, wenn diese Leute kommen. Denn viele kämen eben nicht. „Oftmals haben wir nur einen Ehepartner in der Gruppe“, sagt er. Weil der andere Elternteil die Transidentität nicht akzeptiere. Ein trans Mann habe ihm erzählt, dass seine Eltern keinen Kontakt mehr mit ihm wollten. „Das finde ich wirklich schlimm“, sagt Gronenborn.

Dass rechte Kräfte immer stärker werden, macht ihm Sorgen

Mehr Toleranz würde er sich nicht nur von den Eltern wünschen. Auch gesellschaftlich macht es ihm Sorgen, dass viele Menschen trans Personen anfeinden – und dass rechte Kräfte immer stärker werden. „Hass auf Menschen, die einem nichts tun, habe ich noch nie verstanden“, sagt er. „Lasst doch die Leute machen.“

In der Stadt sei das meist weniger ein Problem. Aber bei seinem Job seien ihm immer wieder blöde Sprüche begegnet, sagt der Ingenieur. Inzwischen seien solche Kollegen vorsichtig ihm gegenüber. „Weil sie wissen, dass ich lautstark dagegen argumentiere.“ Eigentlich ein guter Ruf, findet er.

Wenn seine Kinder zum Spieleabend vorbei kämen, würde Seras Bruder sie auf dem Nachhauseweg immer bis zur U-Bahn begleiten – obwohl es für ihn ein Umweg sei. „Natürlich geht es auch darum, noch ein bisschen zu reden“, sagt Gronenborn. „Aber die Intention ist natürlich, sie sicher in die U-Bahn zu setzen.“

Er ist deshalb überzeugt: „Keiner sucht sich diesen Weg freiwillig aus“. Deshalb war es für ihn selbstverständlich, dass er seiner Tochter so gut es geht zur Seite steht. Das rät er auch anderen Eltern mit trans Kindern: „Wenn man die Kinder gut begleitet, hat man am meisten davon – die Kinder und die Eltern.“ Er sieht das an dem starken Vertrauen, das in seiner Familie existiert. Sera und ihr Bruder gehen heute noch mit nach Tschechien in den Urlaub.

Hintergrund

Selbsthilfegruppe
In Stuttgart gibt es eine Selbsthilfegruppe für trans Menschen und deren Angehörige. Laut Darius Gronenborn treffen sich trans Frauen, trans Männer und deren Angehörige immer abwechselnd mittwochabends, regelmäßig gibt es außerdem ein Treffen für alle gemeinsam. In der Gruppe für Angehörige sind Eltern, Freunde und alle anderen eingeladen, die Berührungspunkte mit trans Menschen haben und sich austauschen möchten.

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