Papst-Besuch im Libanon Eine kurze Auszeit vom Alltag

Umjubelter Besuch des Papsts: Rund 300 000 Menschen haben dem Besuch beigewohnt. Foto: Katharina Eglau
Umjubelter Besuch des Papsts: Rund 300 000 Menschen haben dem Besuch beigewohnt. Foto: Katharina Eglau

„Wir leben in einem Ozean der Angst“, haben die libanesischen Jugendlichen Papst Benedikt XVI gesagt. Aber nur wenige kamen durch die strengen Sicherheitskontrollen. Unser Korrespondent war hautnah dabei.

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Libanon - Plötzlich wirkt er hellwach. Die Augenlider blinzeln, Oberkörper und Kopf beugen sich nach vorne. Gespannt hört Benedikt XVI. der 28-jährigen Rania Abou Chacra zu. All die zuvor noch so offensichtliche Müdigkeit scheint verflogen, das anstrengende Protokoll des Vormittages urplötzlich vergessen. Und mit einem Male sind die zehntausend Jugendlichen mucksmäuschenstill. „Wir leben in einem Ozean der Angst“, sagt die junge Frau im schwarzen Hosenanzug, die ausgewählt wurde, in ihrer aller Namen zum Papst zu sprechen. Arbeitslosigkeit, Korruption, Verzweiflung und nie enden wollende politische Krisen – so erleben junge Christen ihre Welt, in die sie hineingeboren wurden. „Wir fühlen uns ohnmächtig – und dennoch wollen wir in unserer Heimat bleiben, hier, wo unsere Wurzeln sind“, ruft die Frau hinein in den Beifall ihrer Altersgenossen.

Rania Abou Chacra arbeitet in Beirut bei der HSBC-Bank und berät Firmen bei Krediten und Geldgeschäften. Sie ist dazu seit Jahren in der Kirche in der Jugendarbeit aktiv. Mit sieben Mitstreitern hat sie nun die vergangenen acht Wochen Tausende ­E-Mails Jugendlicher mit Vorschlägen für diese Rede an den Papst gesichtet. Herausgekommen sind zwei Manuskriptseiten, eingelegt in einer schwarzen Ledermappe, die es in sich haben. „Wir sehnen uns nach Frieden, einer besseren Zukunft und einem Leben ohne Kriegsangst“, steht dort. Der Fundamentalismus mache sich immer mehr breit, „darum brauchen wir mehr denn je die aktive Präsenz der Kirche im Nahen Osten, eine Kirche, die uns begleitet auf unserem Weg durchs Leben“.

Die Worte erreichen die Menschen der Region

Geradezu väterlich-zärtlich antwortet der 85-jährige Pontifex auf die Klagen der Jungen, die sich am Samstag im Abendlicht hoch auf dem Gipfel über Jounieh und Beirut auf dem Hof des maronitischen Patriarchats in Bkerke versammelt haben. „Ihr habt einen speziellen Platz in meinem Herzen“, sagt er in seiner Predigt. „Habt keine Angst. Die Kirche braucht euren Enthusiasmus und euren Mut. Ihr seid die Hoffnung und die Zukunft des Libanon.“ Selbst Arbeitslosigkeit und Armut sollten niemanden dazu bringen, „die bitteren Früchte der Emigration zu kosten, die Entwurzelung und Trennung von der Heimat – hergegeben für eine ungewisse Zukunft“.

Diese Worte kamen an. Stundenlang hatten die jungen Leute bei strahlendem Sonnenschein auf den Gast aus Rom gewartet, sich in Stimmung gesungen und geklatscht. Und auch der alte Herr aus dem Vatikan ließ sich anstecken, obwohl fromme Popsongs bekanntlich nicht nach seinem Geschmack sind. Die Begeisterung, die unbekümmerte Freude und die strahlenden Gesichter der jungen Christen brachten auch bei Benedikt Farbe in sein fahles Gesicht. Nie zuvor hatte der Pontifex auf einer Auslandsreise so fragil und angegriffen gewirkt. Und noch nie hat sich ein katholisches Oberhaupt in den vergangenen Dekaden eine so brisante und schwierige Visite zugemutet. Vergangene Woche erlebte die arabische Welt die schwersten antiwestlichen Tumulte seit Jahrzehnten.

Entsprechend beispiellos waren die Sicherheitsvorkehrungen in Beirut. Das ganze Volk wurde für drei Tage in den Urlaub geschickt, der Luftraum über der Hauptstadt bei Ankunft der Papstmaschine für zwei Stunden komplett gesperrt. Nicht eine Sekunde habe er daran gedacht, den Besuch aus Sicherheitsgründen abzusagen, versicherte Benedikt auf seinem Hinflug.

Denn die Erwartungen der Christen in dieser Region sind übermenschlich. Selbst aus Jordanien, Irak und Syrien sind sie nach Beirut gepilgert, um den Papst live beim Open-Air-Gottesdienst an der sogenannten Waterfront zu erleben. Das Areal mit Blick aufs Mittelmeer ist aufgeschüttet aus Trümmern des 15-jährigen, libanesischen Bürgerkriegs. 300 000 Besucher scharen sich vor dem Altar, den eine stilisierte weiße Zeder überragt, Symbol des Libanon und des Friedens gleichermaßen.

„Die Unsicherheit unter den Christen wächst“

Essam ist aus Aleppo gekommen, seinen Nachnamen sagt er nicht, in zwei Tagen will er wieder zurück. Mit seinem violetten T-Shirt und der verspiegelten Sonnenbrille sieht man ihm nicht an, dass er einmal Priester werden will und seit drei Jahren Theologie studiert. „Die Unsicherheit unter den Christen wächst“, sagt der 24-Jährige, in dessen Heimatstadt seit acht Wochen erbittert gekämpft wird. Der melkitische Erzbischof wurde bereits von Bewaffneten angegriffen, seine Residenz verwüstet. 500 000 chaldäische Glaubensbrüder aus dem Irak mussten nach dem Sturz von Saddam Hussein ihre Heimat verlassen. Mehr als 900 Christen wurden zwischen 2003 und 2012 bisher in Mesopotamien getötet, Hunderte gekidnappt und gefoltert. Seit 18 Monaten toben Gewalt und Krieg nun auch in Syrien.

„Viele Christen fragen sich, ob sie noch bleiben oder besser fliehen sollen“, sagt Essam, der einen Platz ganz vorne am Papstpodium ergattert hat. Er sieht, wie auch seine Bischöfe, in dem Assad-Regime nach wie vor als das kleinere Übel, verglichen mit den neuen islamischen Gotteskriegern, die bei den Rebellen zunehmend den Ton angeben. „Politisch stehen wir zu Assad“, bekräftigt er. „Islamische Radikale – das ist für uns eine total neue Erfahrung.“ Wenn man ihn reden hört, ahnt man, dass es mit den Christen in Syrien bald genauso schlimm enden könnte wie zuvor im Irak.

Keiner verdeutlicht diesen inneren Zwiespalt stärker als der melkitische Patriarch Gregorios III. Laham von Damaskus. Groß und breit streicht er in seiner Ansprache an den Papst die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel heraus. Das Morden in Syrien mit seinen inzwischen 26 000 Toten erwähnt er nicht.

„Leider ist das Dröhnen der Waffen weiterhin zu hören wie auch das Schreien der Witwen und Waisen“, ruft der Papst zum Höhepunkt der Freiluftmesse gestern und appelliert an die internationale Gemeinschaft und die arabischen Länder, „gangbare Lösungen vorzuschlagen, die die Würde jedes Menschen, seine Rechte und seine Religion achten“.

Hier liegen die Wurzeln des Christentums

Denn ausgerechnet in der Unruheregion des Nahen und Mittleren Ostens liegen die ältesten Wurzeln des Christentums. An seinen Landschaften haben sich die Bilder und Erzählungen der Bibel inspiriert. Von Ur in Chaldäa, dem heutigen Südirak, machte sich Abraham auf ins Gelobte Land, er ist der wohl berühmteste Flüchtling der  Weltgeschichte. Im palästinensischen Bethlehem wurde Jesus geboren. In Jerusalem ist er am Kreuz gestorben und nach dem Glauben der Christen drei Tage später wiederauferstanden. Und der in Tarsus geborene Jude Paulus zog über Damaskus bis nach Athen, um auf dem Boden der heutigen Türkei und Griechenlands die ersten Gemeinden zu gründen.

Christen, einst die dominante Glaubensgemeinschaft im Orient, machen heute noch etwa fünf Prozent der Bewohner aus – und ihre Zahl schrumpft weiter. „Die Region erleidet ein Ausbluten der Christen. Sie befinden sich in einer schwierigen Lage, manchmal auch ohne Hoffnung“, heißt es in dem Apostolischen Schreiben über „Die Kirche des Orients“, welches der Papst während seiner Libanonreise feierlich unterzeichnet hat und das als eine Art kirchlicher Fahrplan in die Zukunft gedacht ist.

„Die Salafisten haben keine Hemmungen mehr. Sie werden immer stärker, kennen keine Toleranz und akzeptieren nicht die Präsenz Andersgläubiger“, sagt Muriel Abu-Khalil. „Wir Christen geraten immer mehr in die Defensive.“ Die 25-Jährige hat in Beirut Medizin studiert, will nun nach Belgien emigrieren und sich niederlassen. „Es gibt nichts, was mich hier noch hält.“ Und als wollten sie die Worte der jungen Ärztin beweisen, rissen jugendliche Randalierer am Wochenende im nordlibanesischen Tripoli die wenigen Papstplakate herunter, die sich zuvor in die sunnitische Hochburg verirrt hatten. „Wir wollen den Papst hier nicht“, skandierte die Menge und zündete zwei amerikanische Schnellrestaurants an. Ein Mensch starb, 25 wurden verletzt.

Der sunnitische Mufti des Libanon, Mohammed Rashid Kabbani, überreichte dem Papst daraufhin einen Brief, in dem er „jeden Angriff auf eine Kirche als gleichwertig wie einen Angriff auf eine Moschee“ bezeichnete. „Genauso wie wir unsere Geschichte in der Vergangenheit gemeistert haben, werden wir auch die Zukunft gemeinsam meistern“, setzte er hinzu.

Eine Demonstration wurde verschoben

Abgesehen davon jedoch blieben die interreligiösen Kontakte ausgesprochen spärlich, sieht man vom Händeschütteln mit den muslimischen Oberhäuptern beim Staatsempfang und einer Hundertschaft von Hisbollah-Pfadfindern bei der Ankunft Benedikts am Flughafen ab. Die schiitischen Händler in Südbeirut an der Straße zum Flughafen waren dennoch zufrieden. „Solch einen Besuch haben wir nicht alle Tage – das beruhigt die Gemüter und ist gut für unser Zusammenleben“, sagte einer. Er hoffe, dass die libanesischen Politiker dem Vorbild des Papstes folgen werden.

Doch danach sieht es nicht aus. Die Hisbollah hat wegen des Besuches ihre Großdemonstration gegen den Mohammed-Hetzfilm in Beirut zähneknirschend aufgeschoben. Diese wird nun heute nachgeholt.

Die junge Ärztin Muriel Abu-Khalil hat derweil ihr Auswandererticket nach Brüssel in der Tasche. Der Flug geht am Dienstag nächster Woche. Dann hat der nahöstliche Alltag auch Beirut wieder.




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