Papst Franziskus – eine Bilanz Das neue Gesicht der Kirche

Von , Rom 

Papst Franziskus ist im Vatikan angekommen: Er pflegte den Kontakt zu den Menschen und scheut auch nicht davor zurück, seinen Bischöfen und Kardinälen unangenehme Wahrheiten zu sagen. Die Kurie weiß noch nicht so recht, wie sie damit umgehen soll.

Papst Franziskus liebt das Bad in der Menge Foto: dpa 11 Bilder
Papst Franziskus liebt das Bad in der Menge Foto: dpa

Doch, gibt etwas, das Fran­ziskus in seinen zwei Mo­naten als Papst noch nicht verändert hat. „Brüder und Schwestern!“, sagt er, wenn er die immer größeren Massen auf dem Petersplatz anspricht: Die Männer kommen im vatikanischen Sprachgebrauch immer noch zuerst. Alles andere am Erscheinungsbild dieses Papstes ist neu. Verschwunden sind aus den Gottesdiensten die „Gardinen“, jene fast nur aus Spitze bestehenden Chorröcke seiner Assistenten; Jorge Mario Bergoglio selbst hat sich bisher keines jener Messgewänder aus Goldbrokat umgelegt, die seinen körperlich sowieso zarteren Vorgänger Benedikt XVI. fast erdrückt haben und die dessen Festgottesdiensten eine ­Ästhetik anderweitig verflossener Kirchenpracht verliehen. Franziskus bleibt bei seinem eigenen, schlichten Messgewand, das er im Koffer aus Buenos Aires mitgebracht hat. Und nicht nur, dass er auf die roten Schuhe verzichtet, die Joseph Ratzinger als Papst für unentbehrlich hielt: bei der Generalaudienz an diesem Mittwoch trug Franziskus zum Entsetzen seiner auf formale Ästhetik getrimmten Umgebung unter der weißen Soutane wieder einmal seine schwarze Klerikerhose.

Das herrschaftliche barocke Schau-Ambiente des Apostolischen Palasts benutzt Franziskus höchstens vormittags: zum Empfang von Staatsgästen. Den Rest erledigt er im Hotel. „Außerordentlich wohl“ fühle dieser Papst sich dort, im vatikanischen Gästehaus Sankt Martha, sagt Pressesprecher Federico Lombardi. Da hat er zwar – anders als Benedikt – keine vier Schwestern, die ausschließlich ihn umsorgen; da kocht eine Mannschaft für bis zu 120 Gäste gleichzeitig, und Franziskus isst mit allen zusammen im Speisesaal. „Heiliger Vater, darf ich mich zu Ihnen setzen?“, sprach ihn dort der junge philippinische Kardinal Luis Tagle an: „Aber bitte doch, Heiliger Sohn“, antwortete Franziskus. Und während unter seinem Vorgänger selbst die Chefkardinäle großer Kurienbehörden monatelang warten mussten, bis man sie ins päpstliche Appartamento vorließ, berichten nun viele im Vatikan, es sei ein Leichtes, mit Franziskus ins Gespräch zu kommen – oder besser: Kontakt suche und halte er von sich aus.

Jeden Morgen um sieben Uhr beispielsweise. Die Frühmesse des Papstes in der Kapelle des Gästehauses ist zu einem ­Referenzpunkt für dieses Pontifikat geworden. Da feiert mit, wer gerade im Sankt Martha wohnt; da werden Vatikanbedienstete eingeladen (und jeder mit Handschlag begrüßt); da predigt Franziskus Tag für Tag. Gegen eine Kirche, die auf sich selber bezogen ist und nicht hinausgeht „in die Peripherie der Städte und des Geistes“. Gegen „diese Salon-Christen, die hier auch unter uns sind, nicht wahr: diese Wohlerzogenen, Braven, die der Kirche aber keine Kinder schenken, weil sie die apostolische Leidenschaft nicht haben, Christus zu verkündigen, und weil sie die Welt nicht aufrütteln, nicht stören“.

Er predigt in volkstümlicher Sprache

Den Bischöfen und Priestern seiner Kirche sagt er, sie sollten sich „nicht lächerlich machen und der Kirche schaden, indem sie dem Geld und der Karriere folgen“. Seine Zuhörer bittet Franziskus: „Betet für uns Hirten, dass wir arm bleiben, demütig, milde, im Dienst am Volk.“ An anderer Stelle drückte er es ganz direkt aus: „Der Hirte muss riechen nach seinen Schafen.“ Den Nachsatz verkniff sich Franziskus, aber jeder konnte ihn sich denken: „. . . und nicht nach Weihrauch.“

Es sind kurze, aber eindringliche Predigten. In volkstümlicher Sprache. Alle aus dem Stegreif. Nach dem großen Gott-ist-Barmherzigkeit-Auftakt zu Ostern legen sie schrittweise das Denken dieses Papstes offen, und doch veröffentlicht der Vatikan sie nur in Auszügen. Warum? Um dem Papst die Freiheit zu spontaner, ungeschützter Rede nicht zu nehmen, meinen die einen; Pressesprecher Lombardi sagt, für eine Veröffentlichung müssten die Predigten in Schriftform gebracht werden, „da ginge die Originalität des Mündlichen verloren“. Wie auch immer: das vatikanische Betriebssystem unterstützt dieses neue Format päpstlich-lehramtlicher Äußerungen bis jetzt nicht.

Eine unter diesen Predigten hat besonderes Aufsehen erregt, weil Franziskus sie – mit Hinweis auf den Termin – genau am Geburtstag von Benedikt XVI. hielt, am 16. April. Da vermerkte er in geradezu dramatischer Rede, dass das Zweite Vatikanische Konzil, die große Versammlung zur Kirchenreform, auch nach fünfzig Jahren nicht richtig umgesetzt sei: „Das Konzil war ein schönes Werk des Heiligen Geistes; wir errichten ihm ein Denkmal, aber wir wollen nicht, dass es uns in unseren schönen, bequemen Gewohnheiten stört. Wir wollen nichts verändern, einige wollen sogar zurück.“ Damit aber, fuhr Franziskus fort, „werden wir starrsinnig. Wir wollen den Heiligen Geist zähmen. So geht’s nicht. So werden wir dumm und im Herzen schwerfällig. Der Heilige Geist stört uns, weil er will, dass wir weitergehen. Er drängt die Kirche voran, voran, voran.“




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