In den Tagen zuvor hatte der Papstsprecher jeweils noch betont, dass der Papst „bei guter Laune“ sei, Zeitungen lese und auch Akten studiere. So habe er am Dienstag das Rücktrittsgesuch eines kanadischen Bischofs angenommen, der in einen Missbrauchsskandal verwickelt sein soll. Mit anderen Worten: Der Vatikan will vermitteln, dass der Papst zwar krank, aber alles in allem guter Dinge und auch arbeitsfähig sei.
Am Anfang war es eine lang anhaltende Bronchitis
Die Bulletins über den Gesundheitszustand des 88-jährigen Patienten, die der Pressesaal des Heiligen Stuhls jeweils am Abend verschickt, sprechen im Gegensatz dazu eine ganz andere Sprache. War am vergangenen Freitag, als der Papst ins Spital gebracht wurde, noch von einer „seit mehreren Tagen anhaltenden Bronchitis“ die Rede, die eine Fortführung der bereits begonnenen Therapie im Krankenhaus und weitere Untersuchungen erforderte, hieß es am am Wochenende, der Papst leide nun auch noch an einer „Lungeninfektion“. Aus der Lungeninfektion wurde am Montag eine „polymikrobiellen Infektion der Atemwege“ und ein „komplexes Krankheitsbild“. Offenbar hatten sich mehrere unterschiedliche Bakterien und Viren, möglicherweise auch Pilze, in den Lungen des Papstes eingenistet.
Am Dienstagabend schließlich erschreckte der Vatikan die Gläubigen mit der Nachricht, dass bei einer neuen Computertomografie des Brustkorbs von Franziskus der Beginn einer beidseitigen Lungenentzündung festgestellt worden sei. Man muss kein Mediziner sein, um zu ahnen, dass die gesundheitliche Situation bei diesem Crescendo von immer schwerwiegender werdenden Diagnosen sehr bedrohlich ist - umso mehr, als praktisch in jedem Bulletin des Vatikans die Notwendigkeit einer „Therapie-Änderung“ unterstrichen wird. Offenbar vermögen die bisher eingesetzten Antibiotika die Infektion nicht unter Kontrolle zu bringen. Das kann laut Experten auch daran liegen, dass die Immunabwehr des Papstes durch die Kortison-Therapie, mit der die Bronchitis behandelt wurde, geschwächt ist.
Sämtliche öffentlichen Verpflichtungen des Papstes wurden abgesagt
Inzwischen wurden alle öffentlichen Verpflichtungen des Papstes bis auf weiteres abgesagt. Die Unsicherheit und Sorge der Gläubigen wuchs mit jedem Tag; in den Medien greifen die wildesten Spekulationen um sich. Bereits wurde fälschlicherweise verbreitet, der Papst habe in Wahrheit bereits die letzte Ölung erhalten. Die Todesnachricht war natürlich Unfug und möglicherweise auch eine absichtliche Fake News, aber mit einer Informationspolitik, die zwischen Beschwichtigungen und der Verbreitung alarmierender, aber letztlich wenig aussagekräftigen Gesundheitsbulletins schwankt, ist der Vatikan für die Ungewissheit zu einem erheblichen Teil mitverantwortlich.
Zusammen mit der neuen, beunruhigenden Diagnose verbreitet der Vatikan auch einige Worte im Namen des kranken Pontifex: „Er dankt für die Nähe, die er in dieser Zeit spürt, und bittet uns mit dankbarem Herzen, weiterhin für ihn zu beten“, hieß es in der Mitteilung. Das taten unzählige der 1,4 Milliarden Katholiken weltweit und vor allem auch in Rom: Vor der Gemelli-Klinik finden sich in diesen Tagen immer mehr Menschen ein, die für eine schnelle Genesung des Papstes beten, Kerzen anzünden und das Ave Maria singen. Manche unter ihnen weinen vor Sorge und Trauer. Auch die Initiative „Wir sind Kirche“ in Deutschland und Österreich rief zum Gebet für den Papst auf und wünschte ihm eine baldige und gute Genesung.
Am späteren Mittwochmorgen hat sich Papstsprecher Bruni ein zweites Mal zu Wort gemeldet: Der Papst sei aufgestanden und habe sich in seinen Sessel gesetzt. Er atme selbstständig und benötige keinen Sauerstoff. Sein Herz, dessen Funktionen ununterbrochen überwacht würden, arbeite „sehr gut“. Das ist insofern beruhigend, als bei betagten Patienten mit Lungenentzündungen Herzkomplikationen, die schnell lebensgefährlich werden können, nicht selten auftreten. Am Nachmittag hat Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni dem Papst einen Krankenbesuch abgestattet, um ihm im Namen der Regierung gute Besserung zu wünschen. Sie habe den Papst als „wach und schlagfertig“ erlebt. „Wir haben gescherzt wie immer; er hat seinen sprichwörtlichen Sinn für Humor nicht verloren“, erklärte Meloni nach dem Besuch.
Kompletter Krankenhaus-Stock ist eigens reserviert
Wie immer, wenn ein Papst in der Gemelli-Klinik stationär behandelt werden muss, wird das Römer Krankenhaus auch in diesen Tage wieder von mehreren nationalen und internationalen TV-Stationen belagert, die ihre Kameras auf den zehnten Stock richten, wo für die Päpste seit vielen Jahren ein ganzer Trakt mit einem Behandlungszimmer, einem Dienstraum, einem Schlafzimmer, einer Küche und einer Kapelle sowie einem Raum für das Sicherheitspersonal reserviert ist. Am späten Dienstagnachmittag fingen die Kameraleute und Fotographen einen spektakulären Regenbogen ein, der sich plötzlich über den ganzen Spitalkomplex spannte - und unter den Gläubigen rund um das Krankenhaus die Frage aufwarf, ob das vielleicht ein gutes Zeichen war.