Da verschlägt es einem die Sprache: Angelino Zeller verlässt seinen Rollstuhl, um die Kletterwand der Boulderhalle in Malmsheim zu erklimmen. Foto: Matthias Benzinger
Angelino Zeller ist querschnittgelähmt – und der beste Para-Kletterer der Welt. Seine bewegende Geschichte handelt jedoch von mehr als nur von sportlichen Leistungen.
In schlichtem T-Shirt und Wollmütze sitzt Angelino Zeller vor den Schülern der Realschule Rutesheim und erzählt seine Geschichte. Im November 2017 verlor der damals 21-jährige Sportenthusiast bei einem Gleitschirmflug unter windigen Bedingungen die Kontrolle über seinen Schirm und stürzte aus 20 Metern senkrecht in die Tiefe. „Ich wollte aufstehen, aber es ging nicht“, erzählt Zeller, der seither inkomplett querschnittsgelähmt ist – er spürt die Beine noch, kann sie jedoch nicht bewegen.
Nach der Diagnose habe er zunächst geschluckt, jedoch schnell eine Entscheidung getroffen. „Ich kann die Situation nicht ändern, also habe ich sie akzeptiert und versucht, das Beste daraus zu machen“, schildert Zeller sein Innenleben. Es sollte ihm gelingen. Bei einer Inklusionsveranstaltung in einer Kletterhalle wird der österreichische Paraclimbing-Verband auf den gebürtigen Grazer aufmerksam. „Sie sagten mir, das schaut nicht blöd aus, was ich da mache, und haben mich zum Stützpunkt nach Innsbruck eingeladen“, berichtet Zeller.
Der Rollstuhl ist verwaist: Nach seinem Unfall ging es für Angelino Zeller hoch hinaus. Foto: Matthias Benzinger
Er begann zu trainieren und krönte sich nur zwei Jahre erstmals zum Weltmeister. „Ich habe es nicht so recht glauben können“, blickt er zurück, auch die Aufmerksamkeit und die Türen, die der Titel ihm eröffnen sollten, waren ihm damals noch nicht bewusst. Es sollte nicht sein einziger Triumph bleiben, mittlerweile steht Zeller bei vier Weltmeister- und einem Europameister-Titel – der heute 29-Jährige gilt als weltweite Nummer Eins in seinem Sport. Vor seinem Unfall hätte er sich nie erträumt, einmal eine solche Position zu erreichen. Obschon Zeller bereits zuvor viel Sport betrieb, habe ihn der Wettkampf nie gereizt. Doch die familiäre, gemeinschaftliche Atmosphäre des Klettersports habe ihm Spaß gemacht, sodass er den Wettkampf annahm.
Das Leben ist eine große Herausforderung
Spaß ist ein wichtiges Thema für den Weltmeister. „Wenn man etwas macht, was einem Spaß macht, wird man richtig gut darin“, erzählt er den Jugendlichen. Für Angelino Zeller ist das eine neue Situation, zu Schulzeiten war er immer ein sehr zurückhaltender Junge, die Siegerehrung seines ersten Titels hätte er am liebsten ohne eigene Rede überstanden. „Ich war viel nervöser als vor den Wettkämpfen“, gesteht er. Mittlerweile kann er deutlich besser mit dem Reden vor Menschenmassen umgehen, in Rutesheim sprach er erstmals vor einer reinen Schulklasse. „Es hat mich sehr gefreut, dass das so gut ankam. Ich glaube auch, dass die Jugendlichen sicher etwas davon mitnehmen konnten“, meint Zeller.
Auch Reden kann der Mann: Die Schüler der Realschule Rutesheim hören Angelino Zeller angeregt zu. Foto: Matthias Benzinger
Diese Rückmeldung spornt ihn an, seine Botschaft weiter zu verbreiten. „In Österreich und Deutschland wird oft der Fokus auf das Negative gelegt. Aber man hat immer die Wahl, ob man das Positive oder das Negative sieht“, findet der Österreicher. Mehr Fokus auf die positiven Aspekte des Lebens zu legen, die negativen Aspekte zu akzeptieren und das Beste aus ihnen zu machen, öffne oft ungeahnte Türen, so auch in seinem Fall.
Die Zuhörer sind gebannt: Angelino Zeller sieht Möglichkeiten statt Problemen. Foto: Matthias Benzinger
Diese Geisteshaltung hat Zeller schon in der Kindheit von seinen Großeltern übernommen. „Ich habe gelernt, dass es keine Probleme im Leben gibt. Es gibt Situationen, die man verändern oder akzeptieren kann“, berichtet er über die frühkindliche Prägung, die eine enorme Rolle im Umgang mit seinem Unfall gespielt habe.
Angelino Zeller möchte Inspiration weitergeben
Heute spielt er mit dem Gedanken, seine Geschichte als Buch zu veröffentlichen, erste Schritte sind bereits unternommen. „Ich hatte irgendwann den Satz „Aufstehen ist nicht hoch genug“ im Kopf“, erzählt er von einem möglichen Titel für das Buch. Seine Botschaft formuliert er recht kurz. „Nichts ist unmöglich“, ist er überzeugt davon, dass seine Geschichte kein Einzelfall sein muss.
„Jeder hat die Fähigkeit, extrem große Dinge zu tun. Oft steht man sich nur selbst im Weg.“ Eine Inspiration für ihn ist der deutsche Autor Kurt Tepperwein, die Vorstellung, er könne Menschen ebenso inspirieren, freut ihn enorm: „Wenn ich einen Vortrag vor 100 Leuten halte und nur eine Person etwas Hilfreiches mitnimmt, ist das eine große Freude für mich.“