Para-Skisport: Andrea Rothfuss „Nachher möchte ich die Welt außerhalb kennenlernen“

Andrea Rothfuss hat viel erreicht, doch derzeit spielt ihr Körper nicht mit. Foto: Eva Herschmann

Andrea Rothfuss, eine der renommiertesten deutschen Para-Skisportlerinnen, über vergangene Erfolge und die Zukunft.

Die Liste ihrer Erfolge ist lang. Andrea Rothfuss, die in Rommelshausen lebt, hat den internationalen Para-Skisport viele Jahre mitgeprägt. Im vergangenen Winter fehlte ihr Name auf den Startlisten. Der Körper hat gestreikt. Ans Aufhören denkt die 35-Jährige aber noch nicht.

 

Es war ein außergewöhnlich ruhiger Winter für Sie. Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir momentan den Umständen entsprechend gut, allerdings war der gesamte Winter, wie bereits die Vorbereitungen im Herbst, ein stetiges Auf und Ab, was mich zunächst veranlasst hat, meinen Start in die Wettkampfsaison zu verschieben und im späteren Verlauf dann ganz abzusagen. Das fiel mir definitiv nicht leicht, aber wenn es die eigene Gesundheit nicht zulässt, ist dies dann der einzig logische Schritt.

Bei den Weltmeisterschaften im spanischen Espot 2023 haben Sie Silber im Super-G und Bronze im Riesenslalom und Slalom gewonnen. Diesmal ist die WM ohne sie gelaufen. Was war das für ein Gefühl, zum ersten Mal seit 2009 nicht dabei zu sein?

Es war ein sehr eigenartiges Gefühl, die Wettkämpfe nur von zu Hause aus verfolgen zu können. Dies war ja bereits im Dezember beim Weltcup-Start der Fall, aber bei der WM im Februar war es dann definitiv noch intensiver. Für mich war es das erste Mal, dass ich das Saison-Highlight verpasst habe. So war es enttäuschend und frustrierend zugleich, wenngleich ich wusste, dass es einfach nicht möglich war, an den Start zu gehen.

Vor Ort in Maribor, das relativ kurzfristig als Austragungsort eingesprungen war, gab es ziemlich viel Ärger, weil die Speed-Disziplinen – Super-G und Abfahrt – nicht ausgetragen werden konnte. Wie haben Sie als Insiderin das Szenario aus der Distanz erlebt?

Die Absage der Speed Wettkämpfe war letztendlich leider unvermeidbar aufgrund der geringen Schneelage. Schon bei der Bekanntgabe von Maribor als Austragungsort der WM 2025 wussten Trainer und Athleten, dass es schwierig werden würde, da Maribor nicht besonders hoch liegt und damit nicht unbedingt als schneesicher gilt. Ich hätte mir einfach mehr Transparenz und Realitätssinn von den Verantwortlichen bei der FIS gewünscht. Gerade im Januar, als im Vorfeld der Wettkämpfe mehrere ‚Schneekontrollen’ vor Ort gemacht wurden.

Sie gehören seit Ihrem ersten Auftritt bei den Winter-Paralympics 2006 in Turin zur internationalen Spitze bei den Para-Skisportlerinnen. 2009 waren Sie Behindertensportlerin des Jahres, bei den Spielen 2014 in Sotschi Fahnenträgerin. Wie haben sich die Para-Disziplinen und die gesamte Szene entwickelt?

Da ich mich in gewisser Weise zusammen mit dem Sport entwickelt habe, fällt es mir vor allem daran auf, dass ich so lange Teil der Weltspitze war. So hat sich vor allem in der finanziellen Förderung viel getan, wie zum Beispiel. der Sportförderstellen beim Zoll für uns Paraskisportler. Aber auch im Bereich der Trainingsplanung und -steuerung hat der gesamte Parasport vom hohen Level des Olympischen Sport profitiert und sich diesem angepasst. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung ist der Parasport deutlich bekannter geworden. Immer mehr Sendezeiten bei Spielen und auch dass bei einer möglichen Deutschen Olympia-Bewerbung die Paralympics im gleichen Atemzug genannt werden, ist ein deutlicher Fortschritt. Aber Parasport findet nicht nur alle vier beziehungsweise zwei Jahre bei Sommer- und Winterspielen statt und sollte auch im Bereich Sponsoring nicht als Prestige- oder Sozialprojekt angesehen werden, sondern als das, was er ist, Leistungssport, der Vorbilder und Rekorde hervorbringt.

Wie kann man sich nach so langer Zeit – nach 31 WM-Medaillen und 14 mal Edelmetall bei Paralympics, Siegen im Gesamtweltcup und in den Einzeldisziplinen – noch immer zu Höchstleistungen motivieren?

Es ist die Leidenschaft für den Sport, die mich antreibt. Mich zu pushen, über mich hinauszuwachsen und zu zeigen, was man leisten kann. Am Skirennen liebe ich auch, dass eine Fahrt nicht der anderen gleicht und man sich immer wieder der Herausforderung stellen und diese meistern muss.

Die Saison ist vorüber – und nicht gut für Sie gelaufen. Sie hatten geplant, bis zu den Paralympics 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo weiterzumachen. Wie sehen Ihre Pläne – mit den Erfahrungen der vergangenen Monate – aus?

Noch einmal bei den Paralympics am Start zu stehen, wäre ein Traum. In Anbetracht meiner momentanen Situation und dass es nicht mal mehr elf Monate bis zu den Spielen in Italien sind, weiß ich, dass die Zeit sehr knapp ist. Als erstes möchte ich wieder gesund und belastbar werden, damit ich voll trainieren und in der nächsten Saison hoffentlich auch wieder an Wettkämpfen teilnehmen kann.

Ihre sportliche Karriere und ihre Berufskarriere hängen eng zusammen. Was bedeutet es, wenn Sie den Spitzensport an den Nagel hängen?

Momentan bin ich beim Zoll angestellt und als Sportlerin im Zollskiteam, der dortigen Sportfördergruppe, vom Dienst zugunsten des Sports freigestellt. Wenn ich dann die Ski in die Ecke stellen werde, kann ich danach im Zolldienst eine Ausbildung absolvieren und arbeiten. Tatsächlich habe ich momentan keine Ambitionen, eine berufliche Karriere als Trainerin oder Funktionärin im Sport anzugehen. Ich möchte nach meiner aktiven Zeit im Leistungssport auch mal die Welt außerhalb erkunden und kennenlernen.

Haben Sie sich eine Frist gesetzt, bis zu der die Entscheidung fallen muss. Welche Kriterien sind bei Ihren Überlegungen ausschlaggebend, und wie gehen Sie bei der Entscheidungsfindung vor?

Als Erstes gilt es nun wieder belastbar zu werden, um mein Training wie gewohnt absolvieren zu können. Wenn ich dieses Ziel im Sommer erreiche, steht dem vorbereitenden Wettkampftraining ab Herbst nichts mehr im Wege. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, werde ich dann noch einmal nachjustieren müssen, das kann dann heißen, den Trainingsplan zu verändern, meinen Zeitplan anzupassen oder eben auch zu überlegen, ob Weltcups nicht doch eine zu hohe Belastung darstellen. Dies wird sich nun in den nächsten Monaten auch alles zeigen.

Zur Person

Leben
 Andrea Rothfuss wurde am 20. Oktober 1989 in Loßburg im Schwarzwald geboren und lernte dort im Alter von sechs Jahren Skifahren. Seit 2016 lebt Rothfuss, der seit Geburt die linke Hand fehlt, in Kernen-Rommelshausen.

Größte Erfolge
 Bei den Paralympics in Sotschi 2014 gewann Andrea Rothfuss Gold im Slalom. Bei fünf Paralympics-Starts von Turin 2006 bis Peking 2022 holte sie zudem neun Silber- und vier Bronzemedaillen.  

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