Para-Sportlerin des Jahres 2021 Elena Semechin und der Kampf gegen den Krebs
Elena Semechin hat 2021 bei den Paralympics Gold gewonnen und ist Sportlerin des Jahres. Doch die Freude darüber wird von einer schlimmen Diagnose getrübt.
Elena Semechin hat 2021 bei den Paralympics Gold gewonnen und ist Sportlerin des Jahres. Doch die Freude darüber wird von einer schlimmen Diagnose getrübt.
Stuttgart - Elena Semechin ist vor Freude außer Rand und Band gewesen. Sie hüpfte immer wieder hoch und hörte gar nicht mehr auf zu klatschen. Im „Aktuellen Sportstudio“ versenkte sie am Samstagabend beim Torwandschießen gleich ihren ersten Schuss. Dazu muss man wissen, dass die Paralympics-Siegerin über 100 Meter Brust nur über zwei Prozent Sehkraft verfügt. Dieser wunderbare Moment ließ sie kurz vergessen, dass es das Leben zurzeit überhaupt nicht gut mit ihr meint. Auf sportliche oder private Höhepunkte folgen gesundheitliche Tiefpunkte – das ist die Achterbahnfahrt, auf der sich Elena Semechin seit Monaten befindet.
Wenige Wochen nach dem Gewinn der Goldmedaille in Tokio folgte die Schockdiagnose Gehirntumor. Am 3. November wurde die 28 Jahre alte Schwimmerin in der Berliner Charité erfolgreich operiert. Zwei Tage zuvor hatte sie noch ihren Trainer Philip Semechin geheiratet, ihre erste paralympische Goldmedaille hatte sie noch unter ihrem Mädchennamen Krawzow gewonnen. Alles war also wieder gut. Die Operation gab Hoffnung, den Krebs besiegt zu haben. Und dazu gab es noch das private Glück.
Also marschierte Elena Semechin wieder hochmotiviert in den Kraftraum, stemmte Gewichte und schwitzte. „Was für ein Jahr: Endlich bin ich Paralympics-Siegerin geworden, endlich habe ich meinen Traummann geheiratet, zum Glück wurde mein Gehirntumor erfolgreich entfernt, und nun kam auch noch die Krönung, dass ich zur Para-Sportlerin des Jahres gewählt worden bin“, wurde Semechin vor ihrem Auftritt im „Sportstudio“ in einer Verbandsmitteilung zitiert.
In das Fernsehstudio des ZDF kam sie allerdings wieder mit schlechten Nachrichten. Durch das Ergebnis einer Nachuntersuchung kurz vor dem Auftritt fiel die Deutsche mit kasachischen Wurzeln abermals aus allen Wolken. „Ich muss tatsächlich noch zur Bestrahlung und Chemotherapie, weil die Ärzte ganz sicher sein wollen, dass der ganze Tumor entfernt ist“, berichtete sie. Am 7. Dezember beginnt die Therapie, die sie zunächst von zu Hause aus bewerkstelligen kann, weil sie auch dort die erforderlichen Medikamente einnehmen kann.
Elena Semechin hat nun große Angst, dass es wieder losgehen könnte mit dem Krebs. Das hatte sie so nicht erwartet. „Ich dachte, alles ist raus, war so guter Dinge nach der OP – und nun das“, sagte sie der „Bild am Sonntag“. Der Tumor stellte sich als extrem diffus heraus. Er war auf MRT-Bildern nicht klar abzugrenzen von gesundem Gewebe. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, konfrontierte sie ein Mediziner auch noch mit der beunruhigenden Wahrheit. „Der schlimmste Satz vom Arzt war: ,Heilbar ist die Krankheit nicht, die wird Sie ein Leben lang begleiten.‘ Da realisierte ich zum ersten Mal, wie scheiße das ist“, sagt Semechin.
Ihre Pläne werden unschön durchkreuzt. Der Sport spielt erst einmal nicht die erste Rolle in ihrem Leben. Das sei für sie eine Katastrophe, sagt sie und rechnet mit ein paar Monaten Pause. Bestenfalls ein bisschen Landtraining sei vielleicht möglich – sofern es ihr gut geht.
Mit elf Jahren zog Elena Semechin mit ihren Eltern 2005 als Spätaussiedlerin von Kasachstan nach Deutschland. Mit sieben Jahren brach bei ihr die Erb-Erkrankung Morbus Stargardt aus, die die Sehfähigkeit stark einschränkt. Mit zwölf Jahren wechselte sie die Schule und ging in Nürnberg auf das Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (BBS). Der Leiter des BBS-Freizeitzentrums, Michael Heuer, wurde auf sie aufmerksam und lenkte ihr Interesse auf den Schwimmsport. Elena Krawzow schloss im August 2015 dann ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin ab. Gleichzeitig folgten der Umzug von Nürnberg nach Berlin sowie das Engagement beim Berliner Schwimmteam des Paralympischen Sport Clubs Berlin. 2013 und 2019 wurde sie über 100 Meter Brust Weltmeisterin.
In den kommenden Monaten hat der Kampf gegen den Hirntumor Priorität. Den will die Schwimmerin unbedingt gewinnen, es wäre ihr wichtigster Sieg. „Die Krebszellen wissen noch gar nicht, mit wem sie sich da anlegen. Denen werde ich zeigen, zu was ich fähig bin“, sagt Elena Semechin – die ganz tapfere und bewundernswerte Goldmedaillengewinnerin von Tokio.