Anja Wicker hofft im Val di Fiemme auf eine weitere paralympische Medaille – vor vier Jahren holte sie in Peking Bronze. Foto: IMAGO/Ralf Kuckuck
Am Freitag beginnen in Italien die Paralympischen Winterspiele – unter besonderen Vorzeichen. Anja Wicker will eine Medaille – und hat zum Streitthema eine klare Haltung.
Gold, Silber und Bronze hat sie schon gewonnen bei Paralympischen Winterspielen. Gestillt ist der Erfolgshunger von Anja Wicker aus Stuttgart deswegen aber nicht. Bei den am Freitag beginnenden Paralympics in Mailand und Cortina strebt die Langläuferin und Biathletin in der sitzenden Klasse wieder nach dem maximalen Erfolg. Die Spiele haben für sie aber schon vor dem Start auch ihre negative Seite.
Frau Wicker, für Sie stehen Ihre vierten Paralympischen Winterspiele an. Wie groß ist die Vorfreude?
Sehr groß – zumal wir in der Vorbereitung schon ein bisschen olympisches Flair schnuppern durften. Wir haben uns in Toblach auf unsere Wettkämpfe vorbereitet und haben dort auch stets die Shuttle-Busse gesehen, die nach Cortina d’Ampezzo gefahren sind.
Ihre Wettkämpfe finden in Val di Fiemme statt – im Langlauf und im Biathlon. Sind die Paralympics weniger auseinandergezogen als die Olympischen Spiele mit den zahlreichen Clustern?
Ein bisschen kompakter sind die Paralympics schon. Aber auch für mich gilt: Ich werde vermutlich abseits meiner Sportarten keine anderen Wettkämpfe sowie keine anderen Athletinnen und Athleten sehen. Das finde ich sehr schade, denn es fehlt ein großer Teil dessen, was die Paralympics normalerweise ausmacht.
Vermutlich muss man das schon realistisch sehen: Winterspiele an einem Ort mit einem olympischen Dorf oder zumindest mit Wettkampfstätten, die maximal eine Stunde auseinanderliegen – das wird es wohl nicht mehr geben.
Was haben Sie denn von den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina sehen können – außer den Shuttle-Bussen?
Ich schaue ja generell gerne Sport, vor allem natürlich Wintersport – von daher lief der Fernseher in den vergangenen Wochen ziemlich oft und lange. Und selbstverständlich habe ich beim Langlauf und bei der Nordischen Kombination ganz genau hingeschaut.
Warum?
Weil ich mir die Strecken und Bedingungen anschauen wollte. Wir sind ja auf denselben Loipen unterwegs.
Was haben Sie gesehen?
Dass schon vor zwei Wochen der Schnee recht weich und tief war. Und da mittlerweile quasi schon der Frühling eingesetzt hat, wird es für uns sicher noch weicher werden. Das Problem an der Sache ist: Diese Bedingungen haben mir noch nie richtig gut gelegen.
In Sotschi 2014 holte Anja Wicker Gold und Silber. Foto: imago/Golovanov + Kivrin
Zu je einmal Gold, Silber und Bronze hat es bei den Paralympics seit 2014 dennoch gereicht. Was ist 2026 Ihr Ziel?
Ich möchte wieder eine Medaille gewinnen – und mit Blick auf meine Leistungen der vergangenen Jahre kann ich auch gar nichts anderes sagen.
Ist Gold das große Ziel?
(Lacht) Ich kenne ja alle Medaillenfarben – und ich finde alle schön. Aber im Ernst: Ich möchte eine Medaille, welche, ist aktuell eher zweitrangig. Wenn das geklappt hat, können wir immer noch schauen, was noch geht. Ich habe ja vor, in sieben Rennen an den Start zu gehen.
Das klingt nach einem Mammutprogramm.
Das ist es auch, es ist knackig, das wird Körner ziehen. Aber ich bin es ja schon gewohnt, viele Rennen in kurzer Zeit zu bestreiten. Ich hoffe nur, dass meine gute Laufform dann wieder zurück ist.
Wo ist sie denn hin?
Nach einem soliden Einstieg in den Weltcup war die Form in der Loipe etwas später in der Saison richtig gut. Dann bin ich aber krank geworden. Ausgerechnet wenige Wochen vor den Spielen, das braucht echt keiner. Es ging in den vergangenen Tagen aber schon wieder aufwärts. Daher ist auch der Optimismus zurückgekehrt.
Anja Wicker steht zum Boykott der Eröffnungsfeier
Noch einmal zurück zu den Bedingungen: Wäre es nicht möglich, die Paralympics vor den Olympischen Spielen auszutragen – und den warmen Temperaturen aus dem Weg zu gehen?
Von unserer Seite würde das schon gehen. Ich bezweifle aber, dass es ein großes Interesse daran gibt, dass die Paralympics vor Olympia stattfinden. Am ehesten müssten eher beide Events im Kalender nach vorne rutschen. Dass getauscht wird, sehe ich nicht. Aber: Die bisherige Reihenfolge hat ja auch ihr Gutes.
Was denn?
Die Veranstalter haben schon öfter kleine Ungereimtheiten, die bei Olympia noch aufgetreten sind, bei den Paralympics dann besser gemacht. Zum Beispiel beim Transport-System für die Athletinnen und Athleten.
Inwiefern haben sich denn generell die Rahmenbedingungen seit Ihren ersten Paralympischen Spielen verändert?
Der paralympische Sport ist seitdem immer professioneller geworden. Mittlerweile musst du Profi sein, um in der Weltspitze mitzuhalten und aufs Podium zu kommen. Seit zwei, drei Jahren ist die Leistungsdichte noch einmal größer geworden, das gilt auch für die Starterfelder. Die Konkurrenz kommt mittlerweile aus vielen Teilen der Welt. Im Langlauf gibt es sogar eine Brasilianerin, die stark ist.
Auch die mediale Aufmerksamkeit ist stetig gewachsen. Dass nun die Eröffnungsfeier nicht live im TV übertragen wird, fühlt sich da fast schon wie ein Rückschritt an. Aber ich will nicht meckern. Zwar wäre es schön, wenn unsere Weltcups im Rahmen der Wintersportsendungen auch mal live im linearen Fernsehen übertragen werden würden. Aber davon träumen auch unzählige anderen Sportarten.
Apropos Eröffnungsfeier: Das deutsche Team wird aus Solidarität zur ukrainischen Delegation nicht an der Ouvertüre in Verona teilnehmen. Finden Sie das richtig?
Für mich wäre es schon allein logistisch nicht möglich gewesen, an der Eröffnungsfeier in Verona teilzunehmen, da am Samstag mein erstes Rennen ansteht. Aber ja, ich finde das richtig.
Wie stehen Sie zur Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), russische und belarussische Athletinnen und Athleten wieder zuzulassen?
Ich finde es nicht richtig, dass sie starten dürfen – und kann es schon gar nicht nachvollziehen, dass sie dies unter ihren eigenen Flaggen tun dürfen. Es hat sich im Vergleich zu vor vier Jahren nichts verändert. Der Angriffskrieg auf die Ukraine tobt schlimmer denn je. Und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das für die Sportlerinnen und Sportler aus der Ukraine sein muss, gegen russische Konkurrenz anzutreten. Es muss für sie unglaublich schwer sein.
Haben Sie eine Erklärung, weshalb ausgerechnet das IPC – im Gegensatz zum IOC – diese Entscheidung für die Spiele 2026 so getroffen hat?
Nein, die habe ich nicht. Weshalb ich auch nicht nachvollziehen kann, warum man nicht dem Vorgehen des IOC gefolgt ist, und die Sportlerinnen und Sportler aus Russland und Belarus wenigstens „nur“ als neutrale Athleten hat starten lassen.
Wird so ein Schatten auf den Paralympics 2026 liegen?
Ein Schatten vielleicht nicht, aber das Ganze wird Thema bleiben – das hoffentlich kleiner wird, wenn die Wettkämpfe einmal begonnen haben. So möchte ich es übrigens auch halten. Bis es losgeht, mache ich mir dazu viele Gedanken, dann möchte ich mich aber auf den Sport konzentrieren. Immerhin habe ich ja auch darin Erfahrung.
Inwiefern?
Ich kenne das gar nicht anders. Schon seit meinen ersten Paralympics ist Russland immer ein kritisches Thema gewesen. Erst ging es um die Krim, dann um den Dopingskandal. Danach kam 2022 der Angriff auf die Ukraine. Dabei sollte es bei den Paralympics doch eigentlich um Sport, Gemeinschaft und Fair Play gehen. Das ist so aber leider nicht vollständig gegeben.